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Arbeitsmarkt

Später mal Taxifahrer? Wie Geisteswissenschaftler das verhindern können

Mediziner werden Ärzte, Jura-Studenten Anwälte und Geisteswissenschaftler? Sie sind für vieles geeignet. Das wird häufig zum Problem - muss es aber nicht.
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Viele Geisteswissenschaftler haben nach dem Studium Probleme einen Job zu finden. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Viele Geisteswissenschaftler haben nach dem Studium Probleme einen Job zu finden. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Wer durch das Treppenhaus der Philosophischen Fakultät der Universität Erlangen geht, passiert auf dem Weg eine Pinnwand, über der ein gelbes Schild hängt. "Später mal Taxifahrer" ist darauf zu lesen. Aufgehängt hat dieses Schild die Fachschaftsinitiative der Politologen. Sie greift damit ein Dilemma auf, in dem viele Geisteswissenschaftler stecken: Sie können mit ihrem Studiengang beruflich alles Mögliche machen - wissen aber oft nicht, was.


Um diese Unsicherheit ins Positive zu wenden, ist vor allem seit der Bologna-Reform Anfang der 2000er Jahre immer wieder die Rede von Geisteswissenschaftlern als "Generalisten". Sie sollen dank vielfältiger Fähigkeiten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Allerdings hat sich wahrscheinlich schon so mancher Soziologie-Absolvent nach der zehnten erfolglosen Bewerbung gefragt, wo man die entsprechenden Jobs finden soll.

Sieht man sich die Statistik an, lautet die Antwort: nicht unbedingt in dem Fachbereich, den man studiert hat. Zwar ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei Geisteswissenschaftlern in den vergangenen Jahren gestiegen, die Arbeitslosenquote sank. Die meisten Absolventen sind allerdings in fachfremden Branchen beschäftigt. Laut Daten des Mikrozensus von 2015 arbeiteten damals zum Beispiel weniger als zehn Prozent der Sozialwissenschaftler im engeren Sinne in ihrem Fachgebiet.

 


Viele Geisteswissenschaftler selbstständig


"Es gibt Schwerpunkte, wo sich Geisteswissenschaftler tummeln", weiß auch Maria Kräuter, die vor einigen Jahren für das Institut für Arbeitsmarktforschung in Nürnberg das Thema untersucht hat. Das seien unter anderem der Medien- und Kulturbereich, Personalabteilungen, Verbände und Beratungs- oder Coachingstellen. Darüber hinaus findet man sie in allen erdenklichen Branchen, viele machen sich auch selbstständig. "Es kann sein, dass die Inhalte aus dem Studium im beruflichen Leben gar keine Rolle mehr spielen", sagt Kräuter.

Den Begriff des Generalisten findet Kräuter, die inzwischen als Beraterin und Coach arbeitet, allerdings problematisch. "Geisteswissenschaftler haben viele Fähigkeiten, und zwar nicht nur Soft Skills, sondern echte Skills." So sieht das auch Mareike Menne, Beraterin und Buchautorin: "Die Idee, Geisteswissenschaftler seien Generalisten, entstand vermutlich aus der Not heraus, definieren zu müssen, worin die Transferfähigkeit geisteswissenschaftlicher Studiengänge liegt."

Dabei entstehe schnell der Eindruck der Beliebigkeit. "Es gibt Geisteswissenschaftler, für die das gilt, die gut und schnell lernen und anpassungsfähig sind", sagt Menne. Aber genau wie in anderen Zweigen gebe es auch hier Spezialisten. Für die sei eine Verallgemeinerung ihrer Fähigkeiten eher abwertend und mache es nicht leichter, in ihren Nischen einen Arbeitsplatz zu finden. "Hochspezialisierte Absolventen haben es schwerer als Gesellschaftswissenschaftler oder Politologen", beobachtet auch Susanne Wenzl, Arbeitsvermittlerin für akademische Berufe bei der Arbeitsagentur in Wiesbaden.

 

 


Häufig kreativer und disziplinierter als andere Absolventen


Geisteswissenschaftler bringen aber tatsächlich einige Fähigkeiten mit, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. "Sie können sich schnell in neue Themengebiete einarbeiten und gut recherchieren", zählt Wenzl auf. "Geisteswissenschaftler sind lernfähig und flexibel. Unternehmen wollen und brauchen solche Leute", ergänzt Menne. In ihrem Studium lernten sie, komplexe Fragestellungen zu bearbeiten, kreativ und diszipliniert zu sein - und zwar oft mehr als Studenten aus Fachrichtungen, in denen Stundenpläne und Inhalte stärker vorgegeben sind.

Umso wichtiger ist es, diese Fähigkeiten zu kennen und hervorzuheben. Dann müsse man auch nicht hundertprozentig auf eine Stellenausschreibung passen, sagt Wenzl. Wenn einige Kompetenzen, die man nicht vorweisen kann, mit "wünschenswert" oder "von Vorteil" betitelt sind, lohne sich eine Bewerbung trotzdem. Wer seine Chancen erhöhen will, sollte über Zusatzqualifikation wie Fremdsprachen, Softwarekenntnisse oder betriebswirtschaftliche Grundlagen verfügen.

 

 


Schon während Ausbildung Kontakte knüpfen


Um sich von anderen Bewerbern abzuheben, sollte außerdem ein roter Faden im Lebenslauf erkennbar sein. "Man sollte keine Schlagworte aufzählen, sondern Erfolgsgeschichten erzählen", rät Kräuter für die Bewerbungsphase. Dafür gilt es auch, schon während der Ausbildung bestimmte Interessensgebiete zu vertiefen und Kontakte zu knüpfen, zum Beispiel durch Praktika oder Studentenjobs. So entwickelt man ein professionelles Profil.

Also doch wieder spezialisieren? In gewissem Sinne ja - zumindest, was die Zusatzqualifikationen angeht. "Die meisten Geisteswissenschaftler, die ein Problem mit dem Berufseinstieg haben, wollen sich zu viele Türen offenlassen", sagt Menne. Sie rät zum Beispiel, zwischen sogenannten Orientierungs- und strategischen Praktika zu unterscheiden. "Meiner Erfahrung nach haben Studierende Probleme, wenn sie zu lange Orientierungspraktika aneinanderreihen." In Stein gemeißelt sei die Entscheidung ja trotzdem nicht.

 



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