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Arbeitswelt

Hybride Arbeit und New Work: Wie sich die Arbeitswelt verändert

Die Arbeitsformate sind bunter geworden. Mitarbeitende schätzen mehr Souveränität bei Zeit und Ort. Bietet das der Betrieb nicht, orientieren sie sich um. Die Bindung zum Betrieb sinkt.
Flexibel, online und manchmal auch in geschützten Büros - das sind die Wünsche der Mitarbeitenden nach der Corona-Pandemie.
Flexibel, online und manchmal auch in geschützten Büros - das sind die Wünsche der Mitarbeitenden nach der Corona-Pandemie. Foto: CC0 / Pixabay / Peggy_Marco
  • Flexible Arbeitszeitmodelle sind wichtig, hohes Einkommen wichtiger
  • Mitarbeitende wollen entscheiden, wann und wo sie arbeiten
  • Mobiles Arbeiten entscheidet über den Arbeitgeber
  • Müssen Arbeitgebende mit einer Kündigungswelle rechnen?
  • Ein dynamischer Arbeitsmarkt

Durch die Corona-Pandemie haben sich Menschen verändert. Das merken jetzt auch die Arbeitsmarktexpert*innen. Der Begriff "The Great Resignation", geprägt vom US-amerikanischen Organisationspsychologen, Anthony Klotz, macht die Runde. Er beschreibt damit die große Welle von freiwilligen Kündigungen, die den US-amerikanischen Arbeitsmarkt seit 2021 trifft und ihn aufmischt. Aber auch in Deutschland beklagen Hoteliers, Gastronomen und Spediteure, dass die Arbeitskräfte nicht mehr in ihre alten Jobs zurückkommen. Hat Corona die Einstellung zur Arbeit auch in Deutschland verändert?

Flexible Arbeitszeitmodelle

Die Firma Owl Labs hat ihren Sitz in Boston und entwickelt Videokonferenztools, die unter anderem ein 360°-Erlebnis vermitteln. Das US-Unternehmen ließ für seine Studie "State of Hybrid Work 2022" insgesamt 10.000 Vollzeitbeschäftige aus europäischen Ländern befragen, darunter 2.000 aus Deutschland. Das Unternehmen wollte wissen, ob "The Great Resignation" - die große Kündigungswelle, wie sie in den USA festzustellen ist - auch in Deutschland ein Phänomen auf dem Arbeitsmarkt ist. Die Ergebnisse der Befragung sind eindeutig und für manchen Arbeitgeber überraschend: Bei den Beschäftigten gibt es den Wunsch nach mehr Souveränität bei der Arbeitszeit und beim Arbeitsort. 

Eigentlich kam dieses Ergebnis auch nicht so unversehens. Die Pandemie hat das Experiment Homeoffice gewaltig vorangetrieben: Mit einem Laptop, Internetzugang, einem Messenger-Dienst und einer E-Mail-Adresse kannst du von überall aus produktiv arbeiten. 59 Prozent der Befragten in Deutschland lernten das in Corona-Zeiten kennen und schätzen; sie mussten über viele Monate nicht Vollzeit im Büro arbeiten. Und genau dies wollen viele Mitarbeiter*innen auch in Zukunft nicht mehr.

Diese - zumindest in dem Ausmaß neuen - Erwartungen sollten aber eines nicht in den Hintergrund drängen: Mitarbeiter*innen wollen, dass Arbeitgebende ihnen zuhören, sich kümmern und sich an ihre neuen Bedürfnisse und Arbeitsplatzerwartungen anpassen. 

Mobiles Arbeiten entscheidet über den Arbeitgeber

Diese Ergebnisse im Hinterkopf, ist es nicht verwunderlich, wenn in der Befragung von Owl Labs diejenigen Unternehmen als besonders attraktiv gelten, die eine Vier-Tage-Woche (45 Prozent), flexible Arbeitszeiten (38 Prozent) und eine hybride Wahl des Arbeitsorts (28 Prozent) anbieten.

Dass räumliche und zeitliche Flexibilität wichtig ist, bestätigt sich auch bei der Frage, aus welchen Gründen Interessierte ein Stellenangebot nicht annehmen. Gibt es keine flexiblen Arbeitszeiten, nur einen Arbeitsort oder die Verpflichtung, Vollzeit im Büro zu arbeiten, verlieren bis zu 40 Prozent der Bewerber*innen ihr Interesse an dieser Firma.

Bei den weiblichen Personen ist das Interesse an flexiblen Arbeitsnormen sogar noch intensiver ausgeprägt. Oftmals sind es die Frauen, die Doppelbelastungen (Familie und Beruf) zu schultern haben. 42 Prozent der befragten Frauen sagen, dass sie bei ihrem Unternehmen bleiben würden, wenn dieses flexible Arbeitszeiten anbieten würde. 

Müssen Arbeitgebende mit einer Kündigungswelle rechnen?

Mobile Arbeitsformen sind also wichtig. Der Klassiker unter den Gründen für die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle hat sich aber auch in Corona-Zeiten nicht verändert. Für knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) sind die besseren Einkommenschancen das Hauptmotiv für den Wechsel. 34 Prozent suchen nach einer besseren Work-Life-Balance und 32 Prozent nach mehr Karrierechancen.

Dass der Arbeitsmarkt auch in Deutschland mächtig in Bewegung ist, bestätigt auch der Gallup Engagement Index. Erstmals in der jährlich stattfindenden Erhebung ist die Wechselbereitschaft in Deutschland sogar höher als in den USA. Die Mehrheit der Arbeitnehmer*innen fühlt sich nicht eng an den Arbeitgeber gebunden. Deshalb sind die Zahlen der Arbeiter*innen, die offen für Neues sind, im Jahr 2022 so stark wie nie seit 2001 gestiegen.

Und: 5,7 Millionen Arbeitnehmer*innen in Deutschland (15 Prozent) haben bereits innerlich gekündigt. Fast jede*r Vierte möchte binnen eines Jahres nicht mehr beim derzeitigen Arbeitgeber tätig sein. Knapp die Hälfte möchte den Absprung innerhalb der nächsten drei Jahren schaffen.

Fazit: Ein dynamischer Arbeitsmarkt

Für die Gallup-Forschenden ist klar, dass der deutsche Arbeitsmarkt inzwischen sogar dynamischer ist als in den USA. Zum Vergleich: 14 Prozent der Deutschen sind bereits aktiv auf der Suche nach einem neuen Job, in den USA sind es hingegen nur zehn Prozent. 

Die Ergebnisse lassen also darauf schließen, dass wohl nur der kleinere Teil der Führungskräfte einen wirklichen guten Job macht. Zuhören, Feedback geben und die fachliche und persönliche Entwicklung zu begleiten - das müssen viele noch lernen. Nur so gelingt es, die Firmenbindung der Mitarbeiter*innen zu erhöhen.

Arbeitnehmer*innen fordern mehr Flexibilität. Bietet das der Arbeitgeber nicht, verlassen sie den Job oder nehmen ihn gar nicht erst an.