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Arbeitsmarkt

Fachkräftemangel: Wohin sind die Fachkräfte verschwunden?

Flughäfen, die Gastronomie und das Speditionsgewerbe verpassen den Neustart nach der Corona-Krise, weil ihnen Personal fehlt. Sind es Managementfehler? Abnehmendes Interesse der Beschäftigten? Ein Erklärungsversuch zum Fachkräftemangel.
Die Lufthansa streicht tausende von Flügen wegen fehlendem Personal am Boden.
Die Lufthansa streicht tausende von Flügen wegen fehlendem Personal am Boden. Foto: CC0 / Pixabay / BerndRehbein
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  • Flughafen und Airlines verschlafen den Neustart
  • Gastronomie verliert die meisten Mitarbeiter
  • Speditionsbranche muss Attraktivität steigern
  • Handfeste Gründe forcieren die Abwanderung

Wer früher gekellnert hat, sitzt jetzt vielleicht an der Kasse im Supermarkt. Die Corona-Epidemie hat den Arbeitsmarkt kräftig durcheinander gewirbelt. Was viele ahnten, ist jetzt statistisch nachgewiesen. In drei Branchen kriselt es besonders heftig.

Flughafen und Airlines verschlafen den Neustart

Den deutschen Flughäfen fehlen laut Flughafenverband ADV bis zu 20 Prozent des Personals, um in den operativen Bereichen durchzustarten. Bestätigung findet der Rückgang in der Kurz-Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Die Beschäftigung von Fachkräften im technischen Luftverkehrsbetrieb ist von 9.206 in 2018/2019 auf 8.016 in 2020/2021 um 12,9 Prozent gefallen. Bei Luft- und Bodenpersonal ging die Beschäftigung um ca. 7.200 Fachkräfte zurück. Die Folgen sind beachtlich: Lange Schlangen am Check-in, viele gestrichene Flugverbindungen und auf den Koffer warten viele lange vergeblich.

In der Corona-Krise hatten Flughäfen, Fluggesellschaften und Dienstleister Personal abgebaut und Fachkräfte verloren. Die ehemaligen Mitarbeiter*innen suchten sich Jobs in anderen Branchen. Hinzukommt, dass bei den Bodenverkehrsdiensten und Kabinenpersonal die Gehälter vergleichsweise niedrig sind. Um dem Personalmangel entgegenzutreten, verhandelt der ADV jetzt über einen Branchentarifvertrag, wie das Personalmagazin berichtet.

Allem Anschein nach ist die Luftfahrtbranche von der starken Nachfrage nach dem pandemiebedingten Einbruch - nach Kurzarbeit und Personalabbau - völlig überrascht. Doch wenn die Fluggesellschaften und Reisebüros über Monate Flüge und Urlaubsreisen wieder deutlich mehr verkauften, hätten die Manager dann nicht damit rechnen müssen, dass Personal notwendig ist, um diese Flüge abzuwickeln? Offenbar haben die Verantwortlichen übersehen, dass dieses neue Personal nur mit einigen Monaten Zeitvorlauf zu rekrutieren und zu schulen ist. Oder haben sie damit gerechnet, dass ehemalige Kräfte problemlos wieder einsteigen? Wie auch immer: Beide Rechnungen gingen nicht auf. Dass die Flughäfen viel zu spät auf steigende Nachfrage reagiert haben, bestätigt eine Auswertung der Personalmarktforschung Index Research: Per Anzeige suchten die Flughäfen Sicherheitspersonal erst im April 2022, für das Bodenpersonal erst im Mai 2022 – viel zu spät für den Touristenansturm in der Sommersaison. Im Juni 2022 suchten die Flughafenbetreiber per Anzeige 251 Prozent mehr Mitarbeiter*innen für die Bodencrew und es gab 22 Prozent mehr Jobangebote für Security-Fachkräfte als im Juni 2021. Das Chaos an deutschen Flughäfen beruht also auf Managementfehlern.

Gastronomie verliert die meisten Mitarbeiter

Aufwind in Cafés, Restaurants, Hotels, Biergärten: Nach mehr als zwei Jahren Corona-Pandemie wollten viele Betriebe in diesen Sommer endlich wieder durchstarten und raus aus dem Krisenmodus. Doch nun haben sie ein neues Problem. Eines, das man bisher eher in der Pflege und im Handwerk kannte – es fehlt das Personal. Die Frage ist: Wo sind all die Arbeitskräfte hin? Diesem Phänomen ist das Institut der deutschen Wirtschaft nachgegangen. Mit Blick auf das Gastgewerbe zeigt die Analyse, dass von mehr als 788.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die im Jahresdurchschnitt 2020 in einem Tourismus-, Hotel- oder Gaststättenberuf gearbeitet haben, mehr als 215.000 in einen anderen Beruf gewechselt sind – mehr als jeder Vierte. Kein anderer Berufszweig habe relativ gesehen so viele Beschäftigten verloren, schreiben die Forscher*innen.

Die allermeisten Jobwechsler fingen im Verkauf an, etwa als Kassierer*innen im Super- oder Drogeriemärkten. Viele profitierten vom boomenden Online-Handel und der damit verbundenen Lagerlogistik. Wieder andere haben Jobs in Testzentren gefunden. Mitten in der Corona-Krise hatten Einzelhändler gezielt um Arbeitskräfte aus dem Gastgewerbe geworben - mit dem Hinweis auf sichere Jobs auch in der Pandemie. Besonders umstritten war dabei ein Werbe-Post von Lidl in den sozialen Netzwerken mit dem Slogan 'Bar war gestern'. Vor allem die Initiative 'Leere Stühle', kritisierten Gastronomen, Hoteliers und Veranstaltern scharf. Die Lidl-Aktion verschwand schnell.

Dass viele Menschen die Branche gewechselt haben, wundert nicht. Bei eingetrübten Aussichten orientierten sich Menschen um. "Während der Krise dürfte für viele Sicherheit noch wichtiger geworden sein", sagt IW-Studienautorin Paula Risius dem Deutschlandfunk. Dieses Bedürfnis wird für viele in der Gastronomiebranche nicht erfüllt. 

Speditionsbranche muss Attraktivität steigern

"Es fehlen schon jetzt zwischen 80.000 und 100.000 Fahrer", sagte der Vorstandssprecher beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt. "Wir bekommen Rückmeldungen von unseren Transportunternehmern, dass sie Aufträge ablehnen müssen, dass sie an Ausschreibungen nicht mehr teilnehmen, dass sie Fahrzeuge verkaufen oder stilllegen, weil sie das Fahrpersonal nicht haben", so der Verbandsfunktionär in einem Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur, das die Stuttgarter Zeitung veröffentlicht.

Personalprobleme wegen des Kriegs in der Ukraine gibt es in Deutschland nicht, weil hier anders als in Polen fast keine ukrainischen Fahrer beschäftigt sind. Der Mangel an Lkw-Fahrern muss also andere Gründe haben. Engelhardt schätzt, dass rund 30.000 bis 35.000 Fahrer jedes Jahr in Rente gehen und im Schnitt nur etwa 15.000 bis 20.000 neue Lkw-Fahrer nachkommen. Der BGL berechnet das anhand der absolvierten Lkw-Führerscheinprüfungen. Bleibt die Entwicklung, wie sie ist, fehlen in zehn Jahren mehr als 230.000 Fahrer, schätzt der Verband.

Gründe für die mangelnde Attraktivität des Berufs sieht der BGL beim zu geringen Lohnniveau, dem schlechten Berufsimage und den Arbeitsbedingungen. Auch, dass Beruf und Privatleben für LKW-Fahrer*innen oft schwer vereinbar seien, komme hinzu. Anstatt aber diese Punkte konsequent zu attackieren, ruft der Verband nach qualifizierter Zuwanderung aus der Türkei. Außerdem fordert der BGL, das Führerscheinrecht zu liberalisieren, damit mehr Pkw-Lenker*innen wenigstens die Klein-Transporter steuern können.

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Handfeste Gründe forcieren die Abwanderung

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung (HBS) befragte 3.900 Arbeitnehmervertretungen, wie stark der Fachkräftemangel ist und wo die Gründe dafür liegen. 56,2 Prozent der Befragten geben an, dass in den vergangenen 24 Monaten nicht alle ausgeschriebenen Stellen zu besetzen waren. Als Hauptgrund für die Probleme nennen die Betriebs- und Personalräte mehrheitlich den Mangel an geeigneten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt. Relevant sind aber auch schlechte Arbeitsbedingungen: Wenn es um fehlendes Personal für einfache Tätigkeiten geht, hält fast ein Drittel die unattraktiven Konditionen (niedrige Bezahlung oder ungünstige Arbeitszeiten) für ausschlaggebend.

Attraktivere Arbeitsbedingungen könnten nach Einschätzung von Studienautorin Elke Ahlers von der HBS dazu beitragen, das Problem in den Griff zu bekommen. Um insbesondere Geringqualifizierte, Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund besser ins Arbeitsleben zu integrieren, brauche es zudem mehr Weiterbildung. Mehr Kita-Plätze, familienfreundliche Arbeitszeiten, eine gerechtere partnerschaftliche Aufteilung der Sorgearbeit und Homeoffice könnten jungen Eltern die Teilhabe am Erwerbsleben erleichtern.

Zudem könnten gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen und eine bessere Prävention älteren Arbeitnehmer*innen den Verbleib im Job ermöglichen. Um ausländische Fachkräfte zu gewinnen, sollten die Kosten von Sprachkursen vom Staat oder von Unternehmen übernommen, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse erleichtert und Anpassungsqualifizierungen ermöglicht werden.

Fazit

Wer aus dem Biergarten in den Supermarkt wechselte oder aus dem Sicherheitsdienst am Flughafen in ein Testzentrum, stellt vielleicht fest, dass die Arbeitszeiten flexibler oder familienfreundlicher sind. Klar, vielen fehlt das Trinkgeld, aber die Bezahlung ist in vielen Branchen besser. Die Gastronomie ist der große Verlierer der Rochade auf dem Arbeitsmarkt, obwohl es Beispiele gibt, wie es gelingt, mit dem richtigen Teamspirit schwierige Zeiten gemeinsam zu stemmen. Bei den Flughäfen sind es Fehler in der Personalwirtschaft, die eigentlich nicht passieren dürfen. Und den Speditionen ist nur zu raten, noch einmal gründlich über die Qualität der Beschäftigung in der Branche nachzudenken.