Deutschland
Trends auf dem Arbeitsmarkt

Arbeiten 2023: Arbeitnehmer bestimmen mehr und mehr die Job-Welt

Die 'Baby-Boomer' gehen in Rente und machen Platz auf dem Arbeitsmarkt. Das verändert in der Zukunft vieles: Arbeitnehmer sind so begehrt wie nie.
Arbeiten 2023: Arbeitnehmer haben immer mehr Einfluss.
Arbeiten 2023: Arbeitnehmer haben immer mehr Einfluss. Foto: CC0 / Pixabay / Pexels
  • Es geht klar in Richtung Mangel bei den Fachkräften
  • Höheres Gehalt bleibt weiterhin der wichtigste Motor
  • Flexibleres Arbeiten: Gekommen, um zu bleiben
  • Glück und Wohlbefinden sind wichtig
  • Die geheimen Wünsche: Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion

Möchtest du Elon Musk als Chef haben? Vermutlich nicht, nachdem die Mitarbeitenden bei Twitter und Tesla berichten, was er sich so erlaubt. Linette Lopez, Redakteurin bei Business Insider, titelte: "Twitter hat keine Chance: Elon Musk war schon immer ein Blender – jetzt fliegt er auf". Dass der Musk einen eklatanten Mangel an Respekt gegenüber seinen Mitarbeiter*innen hat, überrascht dann schon. Eigentlich ist ein völlig anderes Verhalten angesagt. Denn: Die Arbeitnehmer*innen gestalten, prägen und verändern zunehmend den Arbeitsmarkt und die Unternehmen. Sie entscheiden in Zeiten von Fachkräftemangel, wo es lang geht. Und das ist gut so. Aber: An welchen Punkten wollen die Beschäftigten konkret der Arbeitswelt ihren Stempel aufdrücken? Eine Spurensuche des Bewertungsportals Glassdoor und des Jobportals Indeed.

Es geht klar in Richtung Mangel bei den Fachkräften

In den nächsten zehn bis 15 Jahren gehen die letzten Beschäftigten der Babyboomer-Generation in Rente. Gleichzeitig kommen nicht genug Arbeitskräfte nach, die den Weggang ausgleichen können. Ergebnis: Der demografische Wandel hat gewaltige Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Was viele Chefs und Manager nicht so richtig glauben wollten, wird immer mehr zur Realität: Es fehlen die Fachkräfte, insbesondere in den Industrieländern. Die Ökonomen-Teams von Indeed Hiring Lab und Glassdoor Economic Research haben ihre Kompetenzen gebündelt und die zu erwartenden Trends beschrieben (Hiring and Workplace, Trends Report 2023)Was bringen die kommenden Jahre dem Arbeitsmarkt, wie wirken sich diese Veränderungen auf Arbeitgeber, Arbeitnehmer*innen und die Zukunft der Arbeit aus?

Trend 1: Die Ausgangslage hat sich verändert. Unternehmen haben immer größere Probleme, neue Mitarbeiter*innen zu finden und einzustellen. Es ist ein grundlegender Irrtum zu denken, COVID gehe zurück und damit verschwänden die Einstellungsschwierigkeiten wieder. COVID hat die Veränderungen beschleunigt. Das bedeutet, dass die jetzt zu beobachtende Knappheit an Fachkräften anhält. Und selbst wenn die wirtschaftliche Dynamik sich abschwächt (Stichwort: Ukraine-Krieg) und die Betriebe weniger einstellen, dürfte das Arbeitskräfteangebot langfristig knapp bleiben. Es wird weniger qualifizierte Arbeitskräfte geben und im Vergleich dazu viele offene Stellen. Die Berechnungen der Expert*innen zeigen sinkende Zahlen bei den Arbeitskräften zwischen 15 und 65 Jahren im Zeitraum 2026 bis 2036 in den westlichen Industrieländern: 

  • UK                 minus 3,1 Prozent
  • USA               minus 3,2 Prozent
  • Kanada          minus 3,3 Prozent
  • Frankreich      minus 3,8 Prozent
  • Deutschland minus 7,2 Prozent

Für Deutschland ist der stärkste Rückgang (minus 7,2 Prozent) an Fachkräften zu erwarten. Das signalisiert Verschiebungen bei den Kräfteverhältnissen auf den Arbeitsmärkten. Die Arbeitnehmenden sind es, die den Arbeitsmarkt gestalten und verändern.

Höheres Gehalt bleibt weiterhin der wichtigste Motor

Trend 2: Mitarbeiter*innen streben nach höherer Bezahlung. Das Gehalt ist immer noch entscheidend für die Wahl des Unternehmens, aber zusätzliche Benefits können Bindungswirkung entfalten. Das ergab eine Indeed-Umfrage unter US-Arbeitnehmern (25 bis 54 Jahre alt), die auf Job-Suche waren. Nach den wichtigsten Gründen für den Jobwechsel gefragt, ergab sich folgendes Bild:

  • Mehr Geld: 31 Prozent Männer, 30 Prozent Frauen 
  • Andere Tätigkeit: 17 Prozent Männer, 15 Prozent Frauen
  • Wunsch nach mehr Homeoffice: 11 Prozent Männer, 16 Prozent Frauen
  • Mehr Flexibilität: 11 Prozent Männer, 12 Prozent Frauen
  • Unzufrieden mit dem Management: 9 Prozent Männer, 11 Prozent Frauen
  • Kürzerer Arbeitsweg: 9 Prozent Männer, 8 Prozent Frauen
  • Ortswechsel: 7 Prozent Männer, 6 Prozent Frauen
  • Befristeter Vertrag: 7 Prozent Männer, 6 Prozent Frauen

Neben dem Gehalt sind zusätzliche Vergünstigungen (Benefits) wichtig. In den USA ist ein finanziell unterstützte Krankenversicherung ein wichtiger Punkt. In Deutschland sind das eine zusätzliche betriebliche Altersvorsorge, flexible Arbeitszeiten, ein bezahltes Jobticket, Zuschuss zum Mittagessen, Gesundheitsvorsorge, Sportprogramme, Fitnessangebote etc. Welche Botschaft steckt hinter den Zusatzleistungen? Arbeitgeber müssen sich anstrengen und kreativ sein, wenn sie Arbeitssuchende anziehen wollen.

Flexibleres Arbeiten: Gekommen, um zu bleiben

Trend 3: Homeoffice und mehr Flexibilität bei den Arbeitsorten und -zeiten bleibt bestehen. Einfallstor für mehr Flexibilität in vielen Bereichen war die Corona-Pandemie. Jetzt sind die Schutzmaßnahmen aufgehoben, geblieben ist aber der Wunsch, im Arbeitsalltag weiter flexibel zu sein. Die Experten von Indeed und Glassdoor gehen davon aus, dass der Wandel Bestand hat und bleibt.

Ein gewisser Anteil an Beschäftigten arbeitet weiterhin regelmäßig von zu Hause aus. Nach Einschätzung des IFO-Instituts wird jede*r vierte Arbeitnehmer*in in Deutschland weiter im Heimbüro arbeiten (USA: 30 Prozent) - in einigen Branchen deutlich mehr. 

"Insgesamt stabilisiert sich der Anteil in der deutschen Wirtschaft bei 25 Prozent der Beschäftigten. Das dürfte auch der neue langfristige Wert werden", sagt Oliver Falck, Leiter des IFO-Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien. Ein sicheres Indiz für den Fortbestand von Homeoffice sind steuerlichen Vorteile, die jetzt auf Dauer gestellt sind. 

Glück und Wohlbefinden sind wichtig

Trend 4: Glückliche Mitarbeitende bleiben eher im Unternehmen. 86 Prozent von rund 5.000 befragten US-amerikanischen Arbeitnehmenden gaben an, dass die Atmosphäre bei der Arbeit das Privatleben beeinflusst und auch, wie Arbeitnehmende sich zu Hause fühlen. Bei rund 46 Prozent sei die Erwartung, glücklich am Arbeitsplatz zu sein, im vergangenen Jahr gestiegen. Um zufrieden am Arbeitsplatz zu sein, ist der richtige Umgang mit Stress ein weiteres wichtiges Indiz. 

Laut dem Work Wellbeing 2022 Insights Report von Indeed glauben 90 Prozent der Menschen, dass es wichtig ist, dass wir uns bei der Arbeit wohlfühlen. Aber nur 49 Prozent geben an, dass ihr Unternehmen Glück und Wohlbefinden überhaupt wahrnimmt. Aber: Wahrnehmen und Verstehen des Wohlbefindens von Mitarbeitenden wird immer wichtiger, um Talente zu gewinnen und zu halten.

Bedeutsam ist ebenfalls, dass die Vorgesetzten die Mitarbeitenden mit ihren Empfindungen ernst nehmen und dass sie Raum bekommen, Dinge anzusprechen. Nach Gehaltsüberlegungen sind zu viel Stress, Mangel an Zufriedenheit und fehlende Glücksgefühle die Hauptgründe, warum Menschen nach neuen Arbeitsmöglichkeiten suchen.

Die geheimen Wünsche: Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion

Trend 5: Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion werden immer wichtiger. Das sind Punkte, die für die Befragten in den Industriestaaten im vergangenen Jahr an Bedeutung gewonnen haben. 40 bis knapp 50 Prozent der Befragten finden beispielsweise ein Diversitäts-Programm des Unternehmens wichtig.

72 Prozent der Arbeitnehmer im Alter von 18 bis 34 Jahren gaben an, dass sie erwägen würden, ein Stellenangebot abzulehnen oder ein Unternehmen zu verlassen, wenn sie nicht der Meinung sind, dass ihr Vorgesetzter (oder potenzieller Vorgesetzter) Initiativen für Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion unterstützt. Bei den älteren Beschäftigten ist der Wert geringer. So kritisieren rund zwei Drittel der Befragten, dass es ein geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht in der Unternehmensführung gibt oder wenn es an ethnischer Vielfalt mangelt. 

Die Ökonomen von Glassdoor und Indeed veröffentlichen in ihrem Report, dass es zwar altersbedingte Unterschiede gebe, "aber gerade mit Blick auf die kommenden Generationen sollten sich auch deutsche Unternehmen dieses Themas annehmen – und zwar nicht nur auf dem Papier." Die Autoren bestätigen, dass gerade die Punkte Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion in den USA eine noch größere Rolle spielen als in Deutschland.

Fazit

Natürlich weiß das Ökonomen-Team von Glassdoor und Indeed auch nicht, was mit dem Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren genau passiert. Und es kommen auch keine  paradiesischen Zustände auf Beschäftigte zu. Aber die fünf Trends machen deutlich, dass die Gewinnung, Einstellung und Bindung von Arbeitnehmenden für Arbeitgeber auf absehbare Zeit eine Herausforderung ist. Die Stärke der Mitarbeitenden eines Unternehmens steht in direktem Zusammenhang mit ihrem Geschäftserfolg - auch wenn Herr Musk das noch nicht verstanden hat. 

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