Gütersloh
Medizin

Unnötige medizinische Behandlungen: Deutschland mit hoher Überversorgung von Patienten

Es ist die Horrorvorstellung schlechthin. Die Behandlung, die eigentlich helfen sollte, macht mich nur noch kränker. Genau dieser Gefahr sehen sich immer mehr Menschen in Deutschland ausgesetzt. Und sie entsteht durch zu viele unnötige Behandlungen oder Verschreibungen.
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Unnötige Behandlungen in Deutschland: Eine Studie fand jetzt heraus, dass eine medizinische Behandlung oft nur in einem von zehn Fällen notwendig ist. Symbolfoto: perfectlab/Adobe StockBehandlung
Unnötige Behandlungen in Deutschland: Eine Studie fand jetzt heraus, dass eine medizinische Behandlung oft nur in einem von zehn Fällen notwendig ist. Symbolfoto: perfectlab/Adobe StockBehandlung

Fast 4000 Euro pro Jahr. So viel gibt der durchschnittliche Deutsche für seine Gesundheit aus. Was aber nicht viele wissen: Deutschland leidet an einer Überversorgung - das ergab jetzt eine Studie der "Bertelsmann-Stiftung". Eine Überversorgung ist dann gegeben, wenn die Gesundheitsversorgung über das notwendige Maß hinausgeht. Sprich: Wenn Medikamente und Behandlungen verordnet oder verschrieben werden, obwohl keine medizinische Notwendigkeit besteht.

Überversorgung: Das Problem ist bekannt

Bei einer Umfrage von rund 1000 Menschen waren sich mehr als die Hälfte der Befragten, ungefähr 55 Prozent, sicher, dass Kliniken und Arztpraxen zu oft unnötige Maßnahmen ergreifen würden. Das Kölner Marktforschungsinstitut "Rheingold" führte zur weiteren Vertiefung der Thematik sogenannte "Tiefeninterviews" mit 15 Ärzten und 24 Patienten.

Unnötige Behandlungen - alles nur aus Angst?

Als Beispiel führen die Experten vor allem das Verhältnis der tatsächlichen Operationszahlen und den notwendigen Eingriffen an. Demnach seien nur rund zehn Prozent der durchgeführten Operationen wirklich notwendig. Alle anderen seien auf unnötige "Screenings" und "eine fehlende tiefergehende Diagnostik" zurückzuführen, heißt es in der Mitteilung von "Spotlight Gesundheit". Laut Studien würden jährlich 70.000 Schilddrüsen-OPs durchgeführt. Eine Notwendigkeit für Eingriffe gab es aber nur bei rund zehn Prozent dieser Eingriffe, verursacht durch einen bösartigen Befund. Ähnliche Werte gäbe es auch bei Eierstock-Operationen.

Die so entstehende Überversorgung erwächst der Studie nach vor allem aus der Überzeugung "Viel hilft viel". Patienten und auch Ärzte haben Angst, etwas Wichtiges übersehen zu können. Auch die Angst vor einer zu späten Diagnose oder dem späten Erkennen einer Krankheit lässt viele Patienten auf Behandlungen drängen. "Ich habe bei den Ärzten schon oft durchgesetzt, dass ich eine Magnetresonanztomographie (MRT), eine Computertomographie (CT) oder ein Blutbild brauche", schildert ein Patient in einem Tiefeninterview im Rahmen der Studie.

"Behandel mich, oder ich suche jemand anderen"

Patienten fühlen sich demnach oft nicht ernst genommen, wenn der Arzt die eigentlich richtige medizinische Maßnahme "abwarten" vorschlägt. Außerdem, so die Studienautoren, sei Ungewissheit nur schwer auszuhalten. Aus diesem Grund entscheiden sich Patienten eher für eine Behandlung, selbst wenn keine medizinische Notwendigkeit besteht. Deshalb fordern viele Patienten vehement medizinische Leistungen bei ihren Ärzten ein. Die sind dann entweder aus Zeitgründen oder anderen Faktoren unter Zugzwang. "Ich habe maximal 15 Minuten pro Patient. Da wägt man schon ab, rede ich ihm das gewünschte Antibiotikum aus oder gebe ich es ihm einfach? Wenn Hoffnung auf Einsicht besteht, versuche ich es", erklärt ein Arzt der im Rahmen der Studie befragt wurde.

Schadet der Kapitalismus der notwendigen medizinischen Behandlung?

Einige der befragten Ärzte erbringen oder verordnen Patienten bewusst nicht notwendige medizinische Leistungen. Sie wollen ihren Patienten damit zeigen, dass sie sie ernst nehmen und nicht schnell abfertigen wollen. Die entstehende Überversorgung entstehe laut den Ärzten aus dem Wunsch nach eigener Absicherung. Sie wollen Schuldgefühle und auch rechtliche Konsequenzen vermeiden. Doch auch ein finanzieller Druck sowie der Zwang gewinnorientiert arbeiten zu müssen, veranlasse Ärzte, nicht benötigte Maßnahmen anzubieten. "Wir sprechen jeden Monat die Zahlen im Team durch und wie wir den Umsatz steigern können, mehr IGeL (Gesundheitsleistungen) oder mehr Privatpatienten", schildert ein Arzt die Situation.

Qualität vs. Quantität

Was sich ändern müsse, sei ein Bewusstsein für qualitative Behandlungen. Die Quantität müsse weiter in den Hintergrund rücken. So wünschen sich die befragten eine angemessene Entlohnung für Leistungen sowie die Indikationsqualität. Alle befragten waren sich einig: Das Patientenwohl muss das oberste Versorgungsziel sein.

"Wähle die Behandlung mit Bedacht", so die Experten

Choosing Wisely - zu Deutsch "klug entscheiden". So nennen sich von medizinischen Fachgesellschaften entwickelte Listen. Sie führen Leistungen auf, die hinterfragt und zum Wohle des Patienten gegebenenfalls unterlassen werden sollten. Die Auftraggeber der Studie sind nun darum bemüht, kluge Aufklärungskampagnen für Patienten zu gestalten. Außerdem wünscht man sich eine Kooperation um im Klinik- und Praxisalltag präsent zu sein. So sollen Patienten keine Leistungen erhalten, die ihnen gar nicht oder wenig nutzen - oder sogar schaden könnten.

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