Es ist die schwerste Entscheidung, die ein Mensch überhaupt treffen kann. Die Entscheidung darüber, wer leben darf und wer sterben muss. Eigentlich eine unmenschliche Aufgabe und nicht ohne stetige Zweifel zu treffen. Woran kann man festmachen, wer eine lebensnotwendige Behandlung erhält und wer nicht?

Mit dieser Frage müssen sich immer mehr Ärzte und verantwortliche in Krankenhäusern auseinandersetzen. Grund dafür ist die stetig wachsende Zahl an neuen Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2. Aus diesem Grund hat die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) eine Empfehlungsmitteilung veröffentlicht. Auf Grundlage dieser Empfehlung sollen die Entscheidungen, darüber wer beispielsweise Zugang zu einem Beatmungsgerät erhält und wer nicht, objektiviert werden.

Werden bald nicht mehr alle Menschen von den Ärzten gleich behandelt?

In der Empfehlung spricht sich die DIVI dafür aus, dass damit die Entscheidungen der handelnden Personen "durch medizinisch und ethisch begründete Kriterien und Verfahrensweisen" bewertet werden können. Damit sprechen die Fachgesellschaften die an der Empfehlung mitgearbeitet haben offen von einer drohenden Aufweichung der ärztlichen Verpflichtung, alle Menschen gleich behandeln zu können.

Den Grund, warum ein so drastischer Schritt notwendig sei, liefern die Experten in der Empfehlung auch gleich mit. Denn darin heißt es, dass "wahrscheinlich auch in Deutschland in kurzer Zeit und trotz bereits erfolgter Kapazitätserhöhungen nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen, die ihrer bedürfen". Uwe Janssens, Generalsekretär von DIVI und Mitverfasser der Empfehlungen erklärt gegenüber dem Deutschlandfunk: "Man muss sich an der klinischen Erfolgsaussicht der Patienten orientieren." Die Medizinethikerin Christiane Woopen von der Kölner Universität erklärt gegenüber dem Radiosender, dass diese "Triage" eigentlich Regeln aus der Katastrophenmedizin seien. Damit würden die Patienten in Gruppen eingeteilt.

Eine solche Unterteilung beschreibt die Kategorisierung in:

  • Menschen, die noch zu retten sind und Aussicht auf eine erfolgreiche Behandlung haben.
  • Menschen, die davon profitieren würden und diese auch dringend nötig haben.
  • Und Patienten, die eine Beatmung brauchen, allerdings nicht sofort behandelt werden müssen.

Woopen sieht die Krankenhäuser in der Verantwortung. Nicht nur, wenn es darum geht die Intensivplätze aufzustocken, sondern auch die stetige Versorgung kranker Menschen zu gewährleisten. Dabei müssten ihrer Ansicht nach auch Ärzte und Pflegepersonal begleitet werden. Denn eine solche Entscheidung, könne nicht von einer Person alleine getroffen werden.

Sie ist der Ansicht, dass das Wissen um die besondere Gefährdung alter Menschen nicht dazu führen dürfe einfach strikte Altersgrenzen einzuführen. Sie Mahnt: "Es gibt auch junge Menschen, die in die Situation kommen können, schwer krank zu werden und einen Beatmungsplatz zu brauchen." Das sieht auch der DIVI so.

Strikte Distanzierung von Straßburg: Patienten sollen fair beurteilt werden

Durch diese Maßgabe grenzt sich die medizinische Fachgesellschaft beispielsweise von der Interpretation des Uniklinikums in Straßburg (Frankreich) ab. Seit dem 21. März werden dort keine Menschen mehr beatmet, die älter als 80 Jahre sind. Dennoch wird in dem Papier festgehalten: Es soll zukünftig die die Grundlage dafür geschaffen werden eine Wahl treffen zu können, welche Erkrankten bevorzugt behandelt werden "und welche nicht (oder nicht mehr)". Dieses Vorgehen bezeichnen die sieben Gesellschaften die am Papier mitgewirkt haben als im Extremfall "unausweichlich".

 

Weiter wird in der Empfehlung festgehalten: Abzuraten sei eine Behandlung, wenn erstens: "Der Sterbeprozess unaufhaltsam begonnen hat", zweitens: "Die Therapie als medizinisch aussichtslos eingeschätzt wird, weil keine Besserung oder Stabilisierung erwartet wird" oder drittens: "Ein Überleben an den dauerhaften Aufenthalt auf der Intensivstation gebunden wäre".

Doch: Die Priorisierungen, so die Ansicht der der deutschen Fachärzte, würden "ausdrücklich nicht in der Absicht getroffen werden, Menschen oder Menschenleben zu bewerten, sondern aufgrund der Verpflichtung, mit den (begrenzten) Ressourcen möglichst vielen Patienten eine nutzbringende Teilhabe an der medizinischen Versorgung unter Krisenbedingungen zu ermöglichen".

Soweit möglich sollten auch alle Entscheidungen die nach dem Triage-Prinzip getroffen werden müssen, im Konsens mit anderen Kollegen erfolgen.

Außerdem sprechen sich die Verfasser der Empfehlung dafür aus, sich bereits jetzt für den Fall der Uneinigkeit zu rüsten. Sie schlagen vor, dass alle Entscheidungen und die Gründe, die zu einer Entscheidung geführt haben, sowohl den Patienten als auch Angehörigen gegenüber transparent gemacht werden.