• Trauern: ein kurzer Überblick
  • Das Phasenmodell nach Kast und Bewältigungsansätze
  • Fazit

Verliert man eine geliebte Person oder ein geliebtes Tier, zieht dies einen intensiven Schmerz des Verlustes mit sich. Wie du persönlich trauerst, ist natürlich vollkommen individuell. Um den Prozess des Trauerns besser verstehen zu können, unterscheidet man in Trauerpsychologie zwischen mehreren Phasen des Trauerns, die häufig durchlaufen werden. Diese kann man sich auch als eine Art Traueraufgaben vorstellen.

Der Prozess des Trauerns: Das 4-Phasen-Modell nach Kast

Trauern findet bei jeder*m individuell statt. Die Sichtweisen und Empfindungen in Bezug auf das Trauergefühl sind dabei sehr persönlich und vielfältig. Damit das Gefühl der Trauer besser begriffen und verstanden werden kann, beschäftigen sich Forschende der Trauerpsychologie seit Jahren damit. In der psychologischen Trauerforschung ist vor allem das Phasenmodell bekannt, welches, wie der Name es bereits erahnen lässt, das Trauern in mehrere Phasen unterteilt. Hier unterscheidet man zwischen verschiedenen Erklärungsansätzen. Darunter fallen beispielsweise jene nach Elisabeth Kübler-Ross, Verena Kast, Yorick  Spiegel und George Bonanno. In diesem Artikel stellen wir dir das Modell der Psychologin Verena Kast vor, welches eine Unterteilung in vier Phasen vornimmt.

Das viergliedrige Trauerphasen-Modell kann Betroffenen und Angehörigen dabei helfen, den Trauerprozess besser zu verstehen. Der Prozess charakterisiert sich durch einen klaren Anfang, nämlich den Verlust eines geliebten Menschen oder Tieres. Wie genau dieser Beginn sich ausgestaltet, ist jeweils am Einzelfall zu betrachten. Am Ende der Trauer, quasi als Ziel, steht eine Neuorientierung. Wichtig zu beachten ist, dass jede der Phasen nur exemplarisch ist: Wie lange sie dauert, wie sie sich im Einzelnen ausgestaltet und wie intensiv sie wahrgenommen wird, hängt unter anderem von der eigenen Persönlichkeit, den Umständen des Todes sowie der Beziehung zur verstorbenen Person ab.

Die erste Trauerphase beschreibt das "Nicht-Wahrhaben-Wollen" und dauert wenige Stunden bis hin zu mehreren Wochen. Der Tod eines Menschen oder eines Haustieres schockiert und verletzt immer; auch dann, wenn er vielleicht bereits aufgrund einer schweren Krankheit vorherzusehen war. Es ist vollkommen normal, dass die erste Reaktion Ratlosigkeit, Verzweiflung und Hilflosigkeit mit einschließt. Man kann sich ein Leben ohne diese Person kaum vorstellen. Die Phase kennzeichnet sich häufig durch eine Art ungläubige Starre oder eine Verstörung bis hin zur Apathie. Der Schock des Todes kann schwer wiegen, sodass viele Menschen einen Kontrollverlust oder sogar einen Zusammenbruch erleiden. Häufig gehen damit körperliche Reaktionen wie motorische Unruhe, ein erhöhter Puls, Schweißausbrüche sowie Übelkeit oder Erbrechen einher. Möchtest du einem Menschen, der sich in dieser Phase befindet, helfen, kannst du dies auf verschiedene Weisen tun. Wichtig ist, immer mit der Person direkt zu kommunizieren, deine Hilfe anzubieten und nachzufragen, was du tun kannst. Häufig sind schon unkomplizierte Handlungen wie das Übernehmen der alltäglichen Besorgungen oder die Hilfe bei Regelungen, die den Todesfall betreffen, nützlich. Letzteres könnte zum Beispiel die Organisation der Bestattung oder der Trauerfeier sein. Sei für die trauernde Person da, höre ihr zu, falls sie sprechen möchte, und zeige ihr, dass jegliche Gefühle in Ordnung sind.

Die weiteren drei Phasen und mögliche Bewältigungshilfen

Im Anschluss an die erste Phase steht im Modell die Phase der "Aufbrechenden Emotionen". Die Ungläubigkeit und Apathie, die sich zu Beginn oft äußern, wandeln sich in verschiedenste Gefühle. Diese können beispielsweise Wut, Zorn, Schmerz, Angst, Traurigkeit oder sogar Freude sein. Es kommen Fragen wie "Warum trifft es mich?" oder "Wie konnte er*sie mich im Stich lassen?" auf. Mögliche auftretende Schuldgefühle kann die trauernde Person gegen sich selbst, aber auch gegen die verstorbene Person richten. Wie intensiv die Gefühle sind, hängt meist davon ab, wie nahe man dem oder der Verstorbenen stand. Alle Gefühle, die auftauchen, haben eine Daseinsberechtigung und sollten nicht unterdrückt werden, da sie im schlimmsten Fall zu dauerhafter Schwermut und Depressionen führen könnten. Lasse Gefühlsausbrüche zu, wenn sie auftreten und erkenne diese als Teil des Heilungsprozesses an. Bei aufkommenden Schuldgefühlen ist es ratsam, diese zwar zur Kenntnis zu nehmen, sie aber nicht zu bekräftigen. Mögliche Hilfen in der Phase sind das Aussprechen von Problemen und das Mitteilen von Erlebnissen oder Erinnerungen. Als Außenstehende*r kannst du die trauernde Person dazu inspirieren, mit etwas zu beginnen, das eine Art alltägliche Hilfe darstellen kann. Solche Hilfen könnten beispielsweise Tagebücher, Malen, Spaziergänge, Entspannungsübungen, Yoga oder Bäder sein.

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Das "Suchen und Sich-Trennen" charakterisiert die dritte Trauerphase. Sie kann Wochen, Monate oder Jahre dauern. Wird etwas verloren, beginnt man automatisch entweder bewusst oder unbewusst damit, es zu suchen. In der Trauer bezieht sich diese Suche auf den realen Menschen, das Leben mit ihm und die geteilten Erinnerungen. In der Phase erkennt man häufig, dass Trauernde sich Gewohnheiten der erstorbenen Person aneignen und sich immer wieder an Erinnerungen festhalten. Das Erinnern an schöne Erlebnisse kann dabei helfen, die Trauer zu erleichtern. Während der intensiven Auseinandersetzung mit der verlorenen Person kann es zu einem schmerzhaften, aber gleichzeitig auch wunderschönen Begegnungsgefühl kommen. In einigen Fällen kann dazu kommen, dass mit den Toten gesprochen wird, da die Gegenwart der Person noch gespürt wird. Es findet ein Prozess des Suchens und Findens statt, der bis hin zum Wieder-Trennen reicht. Dieser ist notwendig, um nicht in der Trauer zu verharren und sich wieder positiv dem Leben zu stellen. Im Mittelpunkt der Trauerarbeit steht hier, sich mit der verstorbenen Person und ihrem Tod auseinanderzusetzen. Wichtig ist, dass du alle Erlebnisse der Vergangenheit aussprichst. Es kann helfen, sich jemandem anzuvertrauen und sich selbst Zeit zu lassen, in den Erinnerungen zu schwelgen. So kann es zunehmend leichter fallen, Abschied zu nehmen. Häufig entwickeln Trauernde in der Phase suizidale Gedanken. In dem Falle ist es noch einmal besonders wichtig, den trauernden Menschen kontinuierlich zu begleiten. Grundsätzlich hilft es Trauernden oft, wenn du geduldig bist, zuhörst, sie ernst nimmst und nicht darauf drängst, den Verlust zu akzeptieren. Kommen erste Ansätze der Neuorientierung auf, kannst du als Außenstehende*r aktiv unterstützen und Hilfestellung anbieten.

Die letzte Phase beschreibt den "Neuen Selbst- und Weltbezug". Diese kann erst dann begonnen werden, wenn du den Schmerz und jegliche anderen aufgekommenen Gefühle durchlebt und ausgesprochen hast und dich von der verstorbenen Person verabschiedet hast. Innerlich kann nun Ruhe und Frieden gefunden werden. Trauernde erkennen, dass das eigene Leben weitergeht. Verstorbene bleiben in der Regel ein Leben lang ein Teil des eigenen Lebens und leben in den Gedanken und Erinnerungen weiter. Mit der Zeit fällt es leichter, mit der Trauer umzugehen und wieder eigene Pläne zu schmieden. Hast du bisher eine*n Trauer-Begleiter*in gehabt, kann es an dem Punkt hilfreich sein, dich von dieser Person dankend zu verabschieden und zu erkennen, dass du diese Hilfe nicht mehr benötigst. Es ist wichtig, dir selbst mögliche Rückfälle zu erlauben, für diese sensibel zu bleiben und im Ernstfall auch erneut um Hilfe zu bitten. Erkennst du als Außenstehende*r Veränderungen im Beziehungsumkreis der trauernden Person, hilft es dieser, wenn du sie gutheißt und unterstützt. Neues sollte von beiden Seiten akzeptiert werden. Bemerkst du als Trauernde*r, dass du langfristige Unterstützung oder einen regelmäßigen Austausch befürworten würdest, kannst du in einem offenen Austausch mit deinem*r Trauer-Begleiter*in sicherlich auf eine langsame Beendigung oder Umgestaltung der Trauerbegleitung einigen.

Fazit

Das Phasenmodell kann dir eine Hilfestellung geben, um dich selbst und/oder andere beim Trauern besser verstehen zu können. Es wird ersichtlich, welche Gefühle aufkommen können und wie wichtig es ist, die Trauer zu verarbeiten und nicht zu unterdrücken. Offene Gespräche mit Vertrauenspersonen stellen einen großen Teil der Trauerbewältigung dar. Wichtig ist, die Phasen nicht als Fixpunkte zu sehen, sondern eher als individuellen Prozess. Forschende warnen explizit davor, dass es sogar schädlich sein könnte, sich strikt an den Phasen festzuhalten, da sonst das Gefühl starker Enttäuschung oder jenes, nicht voranzukommen, mit der Trauer einhergehen können.

In einer Trauersituation bietet sich dir immer die Möglichkeit, eine speziell dafür ausgebildete Person für Trauerbegleitung oder eine*n Trauerpsycholog*in in Anspruch zu nehmen. Eine Trauerbegleitung kannst du beispielsweise über den Bundesverband Trauerbegleitung e.V. finden. Durch die sehr unterschiedlichen Trauergeschehen bringen diese in der Regel ein sehr hohes Maß an Empathie, Flexibilität, Geduld und Offenheit mit und helfen dir, die Trauer zu bewältigen.

In der gegenwärtigen Forschung wird das Phasenmodell zwar immer noch vertreten, jedoch gibt es auch zahlreiche Gegenpositionen, die solche Modelle als zu vereinfachend ansehen. Anstelle dessen tritt oft der Gedanke der Trauer als zu bewältigende Aufgabe; anstelle von Phasen wird dann von Traueraufgaben gesprochen. Zudem gibt es natürlich diverse Formen der Trauer. Trauerst du persönlich nicht in den Phasen, sondern eher in Wellen oder auch auf eine ganz andere Weise, solltest du dich keinesfalls verunsichern lassen: Jede*r verarbeitet einen Verlust anders und jede Art der Trauer ist in Ordnung.

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