Patienten mit Schläuchen im Mund, Ärzte in kompletter Schutzkleidung - diese Bilder beherrschten gerade am Anfang der Pandemie die Berichterstattung über die Corona-Pandemie. Dabei kamen schnell Fragen auf - und auch Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Ist die Intubation, also die invasive Beatmung von Corona-Patienten tatsächlich zielführend? Oder schadet sie den Erkrankten mehr, als sie nützt?

Einer, der vor der Behandlungsmethode eher abriet, ist Thomas Voshaar. Der Vorsitzende des Verbandes Pneumologischer Kliniken in Deutschland hatte im Dezember 2020 in einem Interview vor der aus seiner Sicht oft überflüssigen und mitunter sogar schädlichen Praxis gewarnt: "Fakt ist, dass wir in Deutschland Covid-19-Patienten viel zu früh künstlich beatmen", so Voshaar gegenüber dem Focus. Nun sammelten Mediziner die Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse aus einem Jahr Covid-19-Behandlung. Lässt sich die Kritik an der Beatmungspraxis tatsächlich bestätigen?

Diskussion um Beatmung führt zu Verunsicherung

Zuvor: Um was geht es eigentlich? Eine Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus kann zu einer Lungenentzündung und in deren Folge zu einer mitunter schweren Störung der Atemfunktion kommen. Spätestens dann ist eine stationäre Behandlung in der Klinik nötig. Hier stehen neben einer medikamentösen Behandlung auch Methoden zur Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Körpers zur Verfügung. Diese werden in nicht-invasive und invasive Verfahren eingeteilt, wobei nicht-invasiv, also nicht „in den Körper hineingehend“, zum Ausdruck bringt, dass die Verbindung zwischen Mensch und Beatmungsmaschine außerhalb des menschlichen Körpers liegt, z.B. über eine Gesichtsmaske.  Im Gegensatz dazu muss bei der invasiven Beatmung ein Beatmungsschlauch (Tubus) über den Mund in die Luftröhre gelegt werden, ein Vorgang, den man als endotracheale Intubation bezeichnet.

Wann welche Methode verwendet werden sollte, darüber ist in Deutschland eine Diskussion entbrannt. Doch, so betonen die Mediziner, diese Diskussion wird weniger in Fachkreisen geführt als in den Medien. Dies habe zu vielen Fragen und mitunter schweren Verunsicherungen in der Bevölkerung geführt.

So wurde beispielsweise darauf hingewiesen, dass gerade zu Beginn der Pandemie hohe Sterberaten von über 80 Prozent bei intubierten Corona-Patienten beobachtet wurden. Die Gefahr, so Voshaar, rühre daher, dass ein Gerät mit Druck Luft in den Körper pumpt - dieser durch die Krankheit jedoch sowieso schon geschädigt ist. "Das ist ein Teufelskreis – bereits nach drei Tagen steigt die Gefahr für Komplikationen exponentiell an."

"In der Tat haben sehr frühe wissenschaftlich ausgewertete Beobachtungen auch sehr hohe Todeszahlen für COVID-19-Infizierte zeigen können, wenn sie intubiert gewesen sind", so die Forscher der "Deutschen Atemwegsliga e.V.". Dass in der jetzigen Phase eine Gefahr durch die Beatmung ausgehe würde, sehen die Mediziner trotzdem als nicht haltbar an: Die Hohen Sterberaten in der ersten Phase der Pandemie seien durch andere Faktoren erklärbar. So stammten die Beobachtungen primär aus Ländern, in denen Covid-19-Patienten unter teils chaotischen Zuständen, in überfüllten Notaufnahmen und ohne entsprechende Vorbereitung behandelt werden mussten. Die Lage ist nun jedoch anders: Engpässe bei der intensivmedizinischen Betreuung in Deutschland gab es bisher nicht - und sie sei auch weiterhin nicht zu erwarten. "Deutschland verfügt über eine Vielzahl von Intensivstationen mit hochqualifiziertem ärztlichen und pflegerischen Personal. Es gibt daher keinen Zweifel daran, dass Patienten/innen mit schwerer COVID-19-Infektion und Atemversagen flächendeckend in Deutschland gut und sachgerecht behandelt werden", so die Mediziner der Deutschen Atemwegsliga. 

"Künstliche Spaltung der Gesellschaft"

Doch auch wenn sie die Intubation gegen die Generalkritik verteidigen, verweisen die Mediziner gleichzeitig auf die Erfolge nicht-invasiver Beatmung. "Deren hervorragende Wertigkeit ist inzwischen deutlich." Sie schlagen deshalb ein Stufenschema vor: Wegen möglicher Nebenwirkungen und Komplikationen sollte auf eine Intubation möglichst lange verzichtet werden - gleichzeitig dürfe man aber nicht den Zeitpunkt verpassen, ab dem sie angebracht ist. Entscheidend sei einer Beurteilung im Einzelfall.

Und genau das ist es, auch was die Mediziner an der öffentlichen Diskussion und Berichterstattung kritisieren. "Vor diesen Hintergründen muss eine medial geführte Debatte zum richtigen oder falschen Zeitpunkt der Intubation als kontraproduktiv gelten. Eine solche Diskussion führt selbstverständlich beim medizinischen Laien zu Unsicherheit und mangelndem Vertrauen in die Medizin. Sie führt außerdem zu einer künstlichen Spaltung der Gesellschaft, indem sie fälschlicherweise suggeriert, es gäbe viele Mediziner die viel zu früh intubierten und damit das Leben von Betroffenen gefährdeten einerseits sowie solche, die fast immer ohne Intubation erfolgreich behandelten andererseits."

Viel zu oft werde derzeit nach Verantwortlichen und Schuldigen gesucht, die maßgeblich zu einer Verschlechterung der Pandemie-Situation beigetragen haben. Dies verdecke jedoch den Blick auf die Realität: Dass wir es derzeit mit einer sehr gefährlichen Erkrankung zu tun haben. Nicht immer gebe es deshalb ein "richtiges" Handeln. Tatsächlich sterben Patienten an COVID-19 sowohl unter den Bedingungen einer invasiven Beatmung als auch unter Fortsetzung nicht-invasiver Therapiemaßnahmen. Umso wichtiger sei es, so die Mediziner der Deutschen Atemwegsliga, Infektionen zu verhindern: "Dies zeigt nur einmal mehr die Bedeutung von Hygienemaßnahmen und vom Impfen als wesentliche Maßnahmen der Pandemiebekämpfung."