Die ganze Welt forscht rund um das Coronavirus. Ein wichtiger Aspekt, der viele interessieren dürfte, ist, herauszufinden wie sich das Virus in Europa ausbreiten konnte. Zwei US-Forschungsteams haben sich dafür die verschiedenen Viruslinien von Covid-19 angeschaut und untersucht welche Rolle die jeweils ersten Infizierten spielten. Besonders lagen dabei Europa und Nordamerika im Fokus. Sie fanden heraus, dass das Coronavirus erst im zweiten Anlauf ausgelöst wurde.

Veröffentlicht wurden die Studien im Fachmagazin "Science". Diese zeigen, dass die ersten Infektionen in Bayern und Washington noch abgewehrt werden konnten.

Ausbruch in Europa und Nordamerika erfolgt erst im zweiten Anlauf

Die erste Corona-Infektion in Seattle (US-Staat Washington) wurde bei einer Person festgestellt, die vier Tage zuvor aus China zurückgereist war. Der eigentliche Ausbruch begann allerdings erst Ende Februar - also fast einen Monat später. In Europa ist das Ausbruchsgeschehen ähnlich mit dem in Nordamerika. In Bayern wurde am 28. Januar 2020 die erste Corona-Infektion festgestellt, doch erst knapp einen Monat später, am 20. Februar. 2020, brach Corona in Norditalien aus.

Die erste Annahme der Wissenschaftler war, dass es sich bei dem Coronavirus um eine "kryptische" Epidemie handelt. Es wurde demnach davon ausgegangen, dass man die beiden Ausbrüche in Seattle und Bayern nicht kontrollieren konnte und so eine Ausbreitung stattgefunden hat, die von den Gesundheitsbehörden nicht bemerkt wurde, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet.

Die Ähnlichkeiten in der Virussequenz sprachen zu Anfang für die Annahme, dass sich das Virus von Bayern aus nach Norditalien ausgebreitet hat, von dort aus nach Ischgl getragen wurde und letztlich wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. 

 "Kryptische" Epidemie - Verschiedene Ausbreitungsszenarien widerlegen erste Annahme

Ein weiterer Forschungsversuch von Trevor Bedford vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und seinem Team schien diese Hypothese ebenfalls zu bestätigen. Eine genauere Analyse ergab aber, dass das Virus bereits am 2. Februar 2020 eingetreten ist. Das Ärzteblatt erklärt, dieses Datum lasse sich aus der Annahme einer Mutationsgeschwindigkeit berechnen, die später isoliert wurden.

Auch eine weitere Analyse spricht gegen eine "kryptische" Epidemie. Die "Seattle Flu Study" ergab, dass zwischen dem ersten Januar und dem 15. März insgesamt 10.382 Abstriche aus den Atemwegen gemacht wurden. Mehr als einen Monat nach dem ersten Infizierten wurde am 21. Februar der erste positive Test in Nordamerika diagnostiziert. Danach wurden bis zum 15. März wieder 5.112 Menschen getestet, davon waren 65 positiv auf das Coronavirus. Das Deutsche Ärzteblatt erklärt mit diesen Erkenntnissen, dass die Dynamik nach dem 21. Februar sich schwer mit einem früheren Ankommen des Virus erklären lässt 

Auch der Forscher der Universität von Arizona in Tucson, Michael Woroby, und sein Team kamen zu ähnlichen Erkenntnissen, wie die "Seattle Flu Study". Ausgehend von den jeweils ersten Fällen in Nordamerika und Europa simulierten sie verschiedene Ausbreitungsszenarien für das Coronavirus. Diese wurden dann mit, den vor Ort gewonnenen Genomen und epidemiologischen Daten verglichen. Die beiden Fälle fügen sich auch hier nicht in das Bild der späteren Ausbrüche.

Virus direkt aus China eingeschleppt

Durch die Analyse der Wissenschaftler konnte ebenfalls die Quelle des ersten großen europäischen Ausbruchs in Norditalien herausgefunden werden. Die Gendaten des Virus waren nicht mit dem bayerischen Stamm identisch, erklären Woroby und sein Team. Alle der isolierten Proben unterscheiden sich in mindestens einer Mutation vom bayerischen Infektionscluster.

Der Studie zufolge begann der Ausbruch also nach einer direkten Einschleppung des Virus, um den 28. Januar, aus dem chinesischen Hubei. Durch Reisende aus Italien gelangte das Virus schließlich nach Deutschland und in andere europäische Länder. 

Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass die frühen Maßnahmen in Seattle und Bayern den Beginn der Pandemie in Deutschland und auch in den USA verzögern konnten. Woroby betont: "Die frühen Maßnahmen führten dazu, dass die ersten Funken noch erfolgreich ausgetreten werden konnten. Auch wenn die Epidemie letztlich doch durchkam, waren dies frühe Siege, die uns zeigen, wie es geht: Umfangreiches Testen und Fallverfolgung sind machtvolle Waffen.