Diese Zahlen sind für Eltern höchst alarmierend: Laut einer Studie der Kaufmännischen Krankenkasse KKH leiden immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland unter psychischen Erkrankungen. Sie haben Kopf- oder Bauchschmerzen, sind leicht reizbar oder fühlen sich ständig erschöpft: Wegen stressbedingter Beschwerden und psychischer Krankheiten sind immer mehr Schülerinnen und Schüler in Behandlung.

Bundesweit seien bei der KKH rund 26.500 Versicherte im Alter von sechs bis 18 Jahren betroffen. Hochgerechnet auf alle Krankenkassen seien das etwa 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche. Zu den Gründen zählen Stress, digitale Reizüberflutung, hoher Leistungsdruck durch Schule und Eltern aber auch Mobbing in sozialen Netzwerken. Immer häufiger entwickeln Kindern aufgrund dieser Faktoren Depressionen. Bei den 13- bis 18-Jährigen seien die depressiven Reaktionen aufgrund körperlicher und seelischer Belastungen in den vergangenen zehn Jahren um ganze 90 Prozent gestiegen. Die Anzahl der an Depressionen erkrankten Schüler sei in dieser Altersgruppe um fast 120 Prozent in die Höhe geschossen. Das zeige, dass der Stress mit den Schuljahren und den Anforderungen zunehme.

Mehr Mädchen von psychischen Problemen betroffen

Insgesamt zeigte die Auswertung der Krankenkasse, dass unter den 13- bis 18-jährigen Schülern deutlich mehr Mädchen als Jungen unter psychischen Erkrankungen leiden. Bei den Jüngeren sei die Aufteilung in etwa gleich.Die Kinder und Jugendlichen klagen zunächst über körperliche Beschwerden, wie Schmerzen, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Probleme, ohne dass sich allerdings eine organische Erkrankung feststellen lasse. Mit den Auslösern wie emotionalem Stress und Konflikten hätten zunehmend jüngere Schüler zu kämpfen. Dies sei zwar vor Ausnahmesituationen wie einer Klassenarbeit völlig normal, dürfe aber auf keinen Fall zum Dauerzustand werden.

Im Jahr 2017 waren rund 26.500 bei der KKH versicherte Kinder und Jugendliche wegen Anpassungs-, Angst- oder Schlafstörungen, Burnout, Depression sowie somatoformen Störungen in Therapie. Die Daten zeigten auch, dass psychische Erkrankungen besser erkannt werden als früher, sagte Marcel Romanos, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Würzburger Universitätsklinikum. Nach Angaben der Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland waren zuletzt etwa 16,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig. Dem Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit zufolge hatten sogar 26 Prozent der Jungen und Mädchen psychische Leiden.

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"Kinder sind unter Druck in Deutschland", betonte Romanos. Auslöser für einen Klinikaufenthalt sei oft Mobbing. Ein Beispiel könne sein, dass eine 13-Jährige ihrem Freund per Smartphone ein Nacktfoto von sich schickt, dieser das Bild dann in Chats verbreitet und das Mädchen massiv unter Druck gerät und den Schulbesuch verweigert.

Auch Kinder, die eine Angststörung oder Konzentrationsproblematik mitbringen, erleben dem Jugendpsychiater zufolge schneller Stress als andere. Franziska Klemm, Psychologin bei der KKH, ermutigte die Eltern, ihre Kinder zu stärken. "Ein Baum mit starken Wurzeln ist widerstandsfähiger", sagte sie. Wichtig sei eine Wertschätzung und Anerkennung für alles, was das Kind bereits erreicht hat. "Durchschnittliche Leistungen werden weniger akzeptiert", beobachtet auch Romanos. Dies gelte für Eltern, die eine Drei als schlechte Note sehen, aber auch für Freunde und Medien. "Kinder können emotional überfordert sein, wenn Eltern krank sind, wenn sie nicht Modelmaße haben oder nicht die hippe Kleidung wie ihre Freunde."

Kinder sind müde und erschöpft

Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH unter rund 1000 Eltern leidet jeder vierte 13- bis 18-Jährige unter stressbedingter Müdigkeit und Erschöpfung. 22 Prozent klagen über Kopfschmerzen. Bei den Sechs- bis Zwölfjährigen sind 13,5 Prozent von Bauchschmerzen und genauso viele von Erschöpfung betroffen.

Laut dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen sind Lehrerinnen und Lehrer und Schulleitungen sensibler für die seelische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen geworden. "Lehrkräfte wenden sich an Eltern, wenn sie psychische Auffälligkeiten sehen", sagte die Vorsitzende der Sektion Schulpsychologie, Meltem Avci-Werning, der Deutschen Presse-Agentur. Auch die zunehmende Beschleunigung und Komplexität rufe Stress bei den Heranwachsenden hervor, meint sie.

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Avci-Werning sieht insbesondere Handlungsbedarf bei der Wiedereingliederung von Schülerinnen und Schülern nach einer längeren Fehlzeit, sei es nach einer Depression, Drogenmissbrauch oder sexuellem Missbrauch. "Schulpsychologinnen und Schulpsychologen haben dafür Konzepte, Schulen benötigen an dieser Stelle oft noch mehr Unterstützung."