Die Corona-Pandemie schwächt sich allmählich ab und schon taucht ein neues Virus auf der Bildfläche auf: In mehreren westlichen Ländern werden Fälle von Affenpocken vermeldet. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es inzwischen mehr als 250 Fälle von Affenpocken in 16 Ländern, darunter auch Deutschland. 

Bei vielen Menschen nehmen angesichts der zunehmenden Affenpocken-Fälle die Sorgen vor dem neuen Virus zu. Steht uns vielleicht sogar eine neue Pandemie bevor? Forscher geben Entwarnung: Zwar würden die Affenpocken wie Corona durch Viren übertragen - doch das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. "Corona uns gelehrt, sehr genau die Entwicklung weltweit zu betrachten", sagt etwa Gerald Gaß, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Aber nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse müssen wir keine Affenpocken-Pandemie befürchten, meint der Verbandschef. 

Wieso Experten keine Affenpocken-Pandemie fürchten: Das ist der Unterschied zu Corona

Clemens Wendtner von der Münchner Klinik Schwabing sieht die Lage ebenso gelassen. "Es war kein Schock, als wir die Nachricht gehört hatten. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste Patient nach Deutschland kommt", so Wendtner im ZDF. Nun behandelt der Mediziner ebendiesen ersten Patienten. Dabei soll es sich um einen 26-Jährigen aus München handeln. Von einer zweiten Pandemie gehe Wendtner nicht aus. Auch Gerd Sutter, Virologe und Veterinärmediziner von der Ludwig-Maximilians-Universität München, sagt: "Eine neue Pandemie haben wir nicht zu befürchten." Im Gespräch mit der "Zeit" erklärt Sutter, er gehe nur von einer punktuellen Ausbreitung der Affenpocken aus. "Affenpockenviren sind seit Jahrzehnten bekannt, in Zentral- und Westafrika heimisch, dort werden regelmäßig Ausbrüche in Menschen beobachtet, aber die sind relativ klein." Worin liegt also der Unterschied zwischen Affenpocken und Corona?

Im Laufe des Mai haben immer mehr Länder Fälle von Affenpocken gemeldet. Insgesamt hat die WHO bislang aber nur einige hundert Infektionen im Rahmen dieses Ausbruchs registriert. In Deutschland waren laut Robert Koch-Institut (RKI) zuletzt (Stand 25.5.) rund zehn Fälle bekannt. Auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte kürzlich, er sehe nicht den "Vorabend einer neuen Pandemie". Durch Nachverfolgung von Kontakten und Vorsicht könne man die Situation in den Griff kriegen.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich hingegen in den allermeisten Ländern der Welt bereits dauerhaft festgesetzt. Es gab mehr als eine halbe Milliarde registrierter Infektionen - und noch wesentlich mehr unter dem Radar. Viele Millionen Menschen sind gestorben. In Staaten wie Deutschland hat mittlerweile der überwiegende Teil der Bevölkerung durch Impfung und/oder Infektion einen gewissen Schutz.

Das Affenpocken-Virus mutiert nicht so schnell

Beide Viren gehören zu größeren Familie von Erregern, die bereits länger bekannt sind. Aus der Familie der Pockenviren sind wohl die Variola-Pocken am bekanntesten. Für hunderte Millionen Menschen endete die Infektion tödlich. Erst dank einer Impfung wurden die Pocken im Jahr 1979 von der WHO für ausgerottet erklärt. In der Tierwelt gibt es aber weiterhin die Pocken und ganz ähnlich wie das Coronavirus können sie über sogenannte Zoonosen unter den Tierarten weitergeben werden oder auf den Menschen überspringen. So stammen etwa die Affenpocken laut Forschenden vermutlich von Hörnchen und Nagetieren in West- und Zentralafrika und wurden an Affen und schließlich auch Menschen übertragen. Erstmals nachgewiesen wurde das Virus allerdings bei Affen, daher wurde der Erreger nach den Tieren benannt. 

Das Corona-Virus Sars-CoV-2 wurde erstmals vor etwa zweieinhalb Jahren entdeckt. Es wird angenommen, dass sich die ersten Menschen auf einem Tiermarkt der chinesischen Stadt Wuhan angesteckt haben. Eine weit verbreitete Theorie ist, dass der Erreger ursprünglich von Fledermäusen stammt.

Anders als Coronaviren sind Viren aus der Pocken-Familie stabiler. Ständige Mutation wie bei Covid-19 sind bei Pockenviren daher eher unwahrscheinlich. Diese Tatsache macht es auch der Forschung leichter. Verändert sich das Virus nicht so schnell, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass bereits bestehendes Wissen und Impfstoffe genutzt werden können. Bei Corona war das nicht der Fall, bei den Affenpocken stehen die Chancen dagegen gut: Forschende aus Antwerpen haben eine Genomsequenzierung in einem aktuellen Affenpocken-Fall durchgeführt. Das Erbgut soll vollständig mit dem einer Infektion aus dem Jahr 2018 übereinstimmen.

Affenpocken sind weniger ansteckend als Corona

"Das ist wichtig", schreibt die Virologin Sandra Ciesek zu diesem Untersuchungsergebnis auf Twitter. "Das Virus sollte also auch die gleichen Eigenschaften behalten haben." Bei den Eigenschaften des Affenpocken-Virus kommt der wohl wichtigste Unterschied zum Coronavirus ins Spiel: die Übertragung. Bei Corona kamen dabei gleich mehrere Faktoren zusammen, die eine Pandemie begünstigen. Zum Beispiel können die Menschen Coronaviren weitergeben, ohne selbst Symptome zu bekommen. Außerdem verbreitet sich die Viren vorwiegend über Tröpfcheninfektion. Schon kleinste Partikel, die sogenannte Aerosole, reichen dabei aus. Corona konnte sich auf diesem Wege großflächig verbreiten, immer wieder war die Rede von "Superspreader-Events".

Affenpocken übertragen sich hingegen nicht so leicht. Sie werden nach bisherigem Kenntnisstand hauptsächlich durch engen Körperkontakt von Mensch zu Mensch übertragen, unter anderem über Bläscheninhalt und Schorf. Das schränkt die Verbreitung stark ein. Dass momentan vor allem Fälle bei schwulen Männern bekannt sind, könnte unter anderem mit mehreren internationalen Events zusammenhängen, bei denen es zu Ansteckungen kam. Das RKI betont: "Das Risiko, sich mit Affenpocken zu infizieren, ist nicht auf sexuell aktive Menschen oder Männer, die Sex mit Männern haben, beschränkt. Jeder, der engen körperlichen Kontakt mit einer ansteckenden Person hat, kann sich infizieren." Momentan geht das RKI aber davon aus, dass der Ausbruch begrenzt werden kann. "Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland wird nach derzeitigen Erkenntnissen als gering eingeschätzt", so das RKI.

"Die Gefahrensituation ist gering, weil das Virus nur durch engen Körperkontakt, also über Körperflüssigkeiten oder Krusten, weitergegeben wird und nicht durch Tröpfcheninfektion wie Niesen, Husten oder Sprechen", sagt auch Tobias Tenenbaum, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Aus diesem Grund schätzt auch der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach, laut "NOZ" die Affenpocken  "weit weniger ansteckend als Corona" ein.

Affenpocken vs. Corona: Medikamente und Impfung

Bereits vor Auftauchen der Affenpocken in Europa gab es einen Impfstoff dagegen. Imvanex ist zwar hierzulande bislang nur gegen Menschenpocken zugelassen, Experten gehen aber auch von einer guten Wirksamkeit bei Affenpocken aus. Deutschland hat bis zu 40 000 Dosen davon bestellt. Mit Impfungen im Bereich bekannter Infektionscluster könnte das Ausbruchsgeschehen wahrscheinlich deutlich eingegrenzt werden, sagt Ralf Bartenschlager vom Universitätsklinikum Heidelberg. Zudem gibt es ein in der EU zugelassenes Medikament.

Gegen das vor mehr als zwei Jahren neu aufgetretene Coronavirus gab es zunächst weder Medikamente noch Impfstoffe. Das machte eine Eindämmung zunächst schwieriger. Mittlerweile sind in Deutschland mehrere Impfstoffe sowie verschiedene Arzneimittel verfügbar.

Trotz der geringeren Gefahr, die von den Affenpocken ausgeht, haben RKI und Bundesgesundheitsministerium eine Empfehlung zur Eindämmung der Affenpocken formuliert. So soll beispielsweise eine Isolation von Infizierten angeordnet werden. Eine große Impfkampagne ist jedoch nicht geplant. Stattdessen wird die sogenannte Ringimpfung in Betracht gezogen, wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach mitteilt. Bei einer Ringimpfung werden alle Kontaktpersonen eines Infizierten immunisiert. Rund 40.000 Dosen eines entsprechenden Vakzins seien bereits bestellt worden. Auch die vorhandenen Impfstoffe gegen die Variola-Pocken sollen laut Fachleuten bei Affenpocken wirken.

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mit dpa