Wegen zunehmender Engpässe bei der bayernweiten Versorgung mit Grippe-Impfstoffen trifft sich heute die Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI) zu einer Sondersitzung. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat im Auftrag von Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) das Treffen einberufen. Wir haben für Sie zehn Dinge zusammengefasst, die Sie zur derzeitigen Impfstoff-Situation wissen sollten. 1. Geht in manchen Regionen Bayerns tatsächlich der Grippeimpfstoff aus? Bereits Mitte vergangener Woche meldete die Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) erste Versorgungsengpässe aus Unterfranken und der Oberpfalz. Inzwischen haben sich laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) die Lieferschwierigkeiten im gesamtem Freistaat weiter vergrößert.

"Wir haben keinen Impfstoff mehr", sagt ein Hausarzt aus dem Landkreis Kulmbach. "Eine Grippeimpfung ist derzeit definitiv nicht möglich", sagt sein Kollege aus Bamberg. Zweimal habe er den Impfstoff nachbestellen können, beim dritten Mal sei Schluss gewesen.

Die Lager der Produzenten und Großhändler sind leer. "Ärzte, die jetzt noch beim Großhandel nachbestellen wollen, schauen in die Röhre", sagt Thomas Metz, Sprecher des Baye- rischen Apothekerverbands. 2. Warum wird der Impfstoff knapp? Noch tun sich selbst Fachleute schwer mit der Antwort, ob sich heuer deutlich mehr Patienten als im vergangenen Jahr gegen die Grippe impfen lassen. "Möglicherweise haben in diesem Jahr die Patienten früher angefangen", sagte Susanne Stöcker. Sie ist Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Auch der bayerische Apothekerverband hält es für denkbar, dass das Gros der impfwilligen Patienten seinen Hausarzt bereits jetzt und damit früher als in den Jahren zuvor aufgesucht hat.

Nach Einschätzung des KVB hat vor allem die Grippewelle Anfang dieses Jahres viele Patienten sensibilisiert. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums hat die Grippe seinerzeit in Deutschland fast 2000 Menschen das Leben gekostet. Darüber hinaus ist in diesem Jahr erstmals der Vierfach-Impfstoff als Kassenleistung verfügbar. "Das alles hat Impfungen stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt", sagt Thomas Metz.

3. Haben die bayerischen Ärzte zu wenig Impfstoff bestellt? Im Frühjahr haben die Ärzte den Impfstoff bei ihren Apotheken bestellt. So, wie sie dies auch in den Jahren zuvor taten. Ihren Bestellungen liegen die Erfahrungswerte der vergangenen Jahre zugrunde. "Die Ärzte kennen ihre Patienten und deren Impfverhalten ja am besten", sagt Metz. Einen finanziellen Anreiz, den Impfstoff nur sehr zurückhaltend zu bestellen, haben Ärzte nicht. Die Kosten für nicht verwendete Impfdosen tragen im Zweifel nicht die Ärzte selbst, sondern die Krankenkassen. Die Kassen zahlen, was in die Praxen geliefert wird. Insgesamt knapp 15 Millionen Dosen des Grippeimpfstoffs haben die deutschen Hausärzte in diesem Jahr bestellt. Wie viele Dosen davon nach Bayern gingen, kann der Apothekerverband nicht sagen.

Nachdem die Hersteller die Zahl der Vorbestellungen noch um eine Sicherheitsmarge ergänzt haben, stehen bundesweit 15,7 Millionen Dosen des Wirkstoffs zur Verfügung.

Das sind rund eine Million Einheiten mehr, als im Jahr 2017 verabreicht worden sind. 4. Können die Pharmakonzerne den Impfstoff nicht einfach nachproduzieren? Nein. Für die laufende Saison weiteren Impfstoff bereitstellen können die Hersteller nach eigenen Angaben nicht. Es dauere etwa sechs Monate, um den Impfstoff herzustellen, sagte eine Sprecherin von Sanofi.

Das Unternehmen gehört neben GSK und Mylan zu den drei großen Produzenten. Vorwürfe, die Hersteller hätten zu wenig produziert, teilt Metz nicht. Sie hätten sich wie in jedem Jahr an den Vorbestellungen orientiert. "Alles andere wäre unwirtschaftlich", sagt der Sprecher des bayerischen Apothekerverbands.

5. Mein Arzt hat keinen Impfstoff mehr: Was kann ich tun? Wer sich gegen die Grippe impfen möchte und dies bislang noch nicht getan hat, muss sich von der aktuellen Diskussion nicht entmutigen lassen. "Wir führen eine Warteliste. Sobald wir wieder Impfstoff haben, informieren wir die Patienten auf der Liste", sagte der Hausarzt aus dem Landkreis Kulmbach. "Patienten können natürlich ihren Arzt fragen, ob der eine Praxis mit Impfstoff kennt", rät darüber hinaus die LGL. 6. Woher können Ärzte den Impfstoff jetzt überhaupt noch beziehen? Falls Ärzte Teile ihrer vorbestellten Dosen derzeit noch bei ihrem Apotheker lagern, haben sie darauf unverändert Zugriff. Wie viele bestellte Dosen derzeit noch in bayerischen Apotheken lagern, kann der Sprecher des bayerischen Apothekerverbands nicht abschätzen. Dieser blinde Fleck macht eine seriöse Antwort darauf, ob und gegebenenfalls wann der Impfstoff tatsächlich ganz ausgeht, deshalb auch so schwer.

Laut dem zuständigen Referatsleiter der KVB, Johannes Braumiller, dürfen sich Ärzte wohl schon in den kommenden Tagen untereinander mit dem Impfstoff versorgen. Dieser Austausch soll dann auch den Apotheken erlaubt sein. Deshalb spricht das bayerische Gesundheitsministerium auch lieber von einem Verteilungs- als einem Versorgungsproblem.

Wie der Handel zwischen den Apotheken konkret aussieht, steht auf einem anderen Blatt Papier. "Die Kühlketten müssen ja eingehalten werden", sagt Metz. Er erwarte, dass vor allem benachbarte Apotheken einander aushelfen werden: "Eine bayerische Apotheke wird sicherlich nicht bei Kollegen in Flensburg nachfragen", sagt Metz.

7. Kann ich als Patient den Impfstoff auch selbst bei der Apotheke kaufen? Theoretisch ja. Auf Rezept könnten Patienten den Impfstoff bei den Apotheken selbst kaufen. Könnten. Denn deren Lager sind leer. "Es handelt sich nur noch um eine hypothetische Frage", sagt Metz. 8. Hat Impfstoff aus dem EU-Ausland dieselbe Qualität wie der für Deutschland produzierte? Im Lichte des gegenwärtigen Engpasses will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Apotheken ermöglichen, ausnahmsweise auch aus anderen EU-Ländern bezogenen Impfstoff abzugeben. Impfstoff aus dem EU-Ausland unterscheidet sich von dem in Deutschland handelsüblichen laut dem bayerischen Apothekerverband auch deshalb nicht, weil es sich in der Regel um dieselben Hersteller handelt.

Die Zulassungskriterien für Impfstoffe seien im EU-Ausland außerdem so gut wie identisch.

Der größte Unterschied liege darin, dass die Beipackzettel nicht in deutscher Sprache verfasst sind. Nachdem die Patienten den Impfstoff nicht selbst spritzen, ist dieser Unterschied ohne praktischen Belang.

9. Werden Risikopatienten bevorzugt? Einen rechtlichen Anspruch auf eine bevorzugte Behandlung haben Risikopatienten nicht. Laut KVB liegt diese Frage im persönlichen Ermessen eines jedes einzelnen Arztes.

Viele Ärzte dürften sich jedoch an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts halten. Demzufolge sollten insbesondere Menschen über 60, Schwangere, chronisch Kranke und medizinisches Personal geimpft werden. 10. Werden Privatpatienten bevorzugt? Auch hier wollte eine Sprecherin der KVB der individuellen Entscheidung der Hausärzte nicht vorgreifen. Nachdem allerdings seit dieser Saison sowohl für Kassen- als auch für Privatpatienten der qualitativ gleiche Vierfach-Impfstoff verabreicht wird, dürften Ärzte für eine systematische Bevorzugung von Privatpatienten keine Motive haben.