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Franken
Notfallsanitäter

Hunderte Notarzt-Ausfälle in Franken: Was passiert, wenn Sanitäter auf sich gestellt sind?

Notfallsanitäter müssen immer häufiger auch ohne einen Notarzt erste Hilfe am Einsatzort leisten und die Patienten behandeln. Doch das dürfen sie laut Gesetz gar nicht.
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Immer häufiger müssen Notfallsanitäter die Patienten die den Notruf abgesetzt haben, behandeln. Doch dass sie das machen, fällt in eine rechtliche Grauzone. Das BRK zeigt sich bestürzt. Symbolfoto: Ronald Rinklef
Immer häufiger müssen Notfallsanitäter die Patienten die den Notruf abgesetzt haben, behandeln. Doch dass sie das machen, fällt in eine rechtliche Grauzone. Das BRK zeigt sich bestürzt. Symbolfoto: Ronald Rinklef

5.800 Stunden, verteilt auf 551 Ausfälle im Zeitraum zwischen dem 1. Dezember 2019 und dem 6. Januar 2020. So lange fehlten Notärzte im Freistaat Bayern bei Fällen, bei denen Menschen dringende medizinische Hilfe benötigten. In Franken kam es zu 239 Ausfallmeldungen. Daraus resultierten mehr als 2.500 Ausfallstunden.

Das ergab eine interne Erhebung des "Bayerischen Roten Kreuzes (BRK)". Insgesamt betreibt das "BRK" 195 Notarztstandorte. Generell seien die Zahlen für Franken aber deutlich besser, als vergleichbare Standorte in Bayern, sagt Sohrab Taheri, Pressesprecher des BRK, im Gespräch mit inFranken.de. Spitzenreiter, was die Ausfallstunden in Franken angeht, ist Kronach mit 1010 Ausfallstunden. Neustadt belegt mit 549 Ausfallstunden den zweiten Rang und die Rettungskräfte aus den Haßbergen haben 200 Ausfallstunden zu verzeichnen. Insgesamt zeigt sich Taheri aber sehr zufrieden mit dem fränkischen Bereich. "Da haben wir teilweise nur einen Ausfalltag, beispielsweise in Forchheim", meinte er.

Einen Fahrer stellt das BRK bei rund der Hälfte der Standorte in Bayern. Dabei ist auch die "Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB)" gefragt. Sie ist für die Sicherstellung und Organisation des Notarztdienstes verantwortlich.

Notfallsanitäter behandeln Patienten - dürfen sie das?

Das "Bayerische Rote Kreuz" erklärt, dass die Notärzte vor Ort zwischen einer Stunde und 78 Stunden fehlten. In diesem Zeitraum waren die Notfallsanitäter somit auf sich alleine gestellt. Dieser Missstand kann vor allem für die Rettungskräfte vor Ort schwerwiegende Konsequenzen haben. Denn: Ruft ein Patient in Lebensgefahr oder schwer krank den Rettungsdienst und ein Notarzt ist nicht vor Ort, muss der Notfallsanitäter erste Hilfe leisten. Dabei ergreift er gegebenenfalls Maßnahmen, die einem Arzt vorbehalten sind: Doch genau das dürfte er eigentlich nicht, sagt Taheri.

Im Sinne des Patienten wendet er zwar weitere Schäden ab und trägt zur Verbesserung des Patientenzustandes bei, doch begibt sich dabei in rechtliche Grauzonen. Denn eigentlich sind Maßnahmen wie die Medikamentengabe, das Legen eines intravenösen Zugangs oder gar drastischere Maßnahmen, wie ein Luftröhrenschnitt bei Schwerverletzten lediglich den Ärzten vorbehalten.

BRK zeigt sich bestürzt - "Wollen den Menschen nur helfen"

Der Pressesprecher des BRK, Sohrab Taheri, erklärte sein Bedauern, dass mit der Schaffung der Ausbildung zum Notfallsanitäter im Jahr 2014 nicht auch die Ausbildung in das Heilkundepraktiker-Gesetz mit aufgenommen wurde. "So müssen die Notfallsanitäter in einer rechtlichen Grauzone agieren. Und das trotz jahrelanger Ausbildung", schildert er.

Karl Hartmannsgruber, Fachanwalt für Medizinrecht, kommentiert die Einschätzung wie folgt: "Das Heilkundepraktiker-Gesetz ist ein Vorkriegsrelikt. Da steht eine ganze Menge nicht drin", meint er. Außerdem sei die Abgrenzung zu anderen Bereichen schwierig, sagt er.

"Da ist die Frage: Wann sollten Berufsgruppen aus dem Pflege oder Heilpraktik-Bereich berücksichtigt werden? Das gilt ja nicht nur für die Notfallsanitäter, sondern auch für Pfleger, Altenpfleger, Krankenschwester und so weiter", sagt Hartmannsgruber.

Bisher wurde kein Sanitäter angeklagt

Das zeigt auch die aktuelle Lage: Bislang wurde kein Notfallsanitäter angeklagt. "Wir sollten es aber nicht drauf ankommen lassen. Schließlich geht es den Notfallsanitätern darum Menschen zu helfen. Stellen Sie sich vor, Sie tun Gutes, retten Leben und wären einer möglichen Strafbarkeit ausgesetzt. Kein gutes Gefühl!", klagt Taheri.

Ein Bürger der sich nicht anders zu helfen weiß als unter der "112" nach Hilfe zu rufen, müsse sich darauf verlassen können, dass binnen zwölf Minuten ein Rettungsteam vor Ort sei. "Und wenn dem Menschen akut geholfen werden muss, warten die Notfallsanitäter nicht erst auf den Notarzt. Sie sind ja dafür ausgebildet worden zu helfen. Das wäre ja unterlassene Hilfeleistung", erklärt er.

Würden die Notfallsanitäter, deren Ausbildung es seit 2014 in Deutschland gibt, vom "Heilkunde-Praktiker-Gesetz" berücksichtigt werden, könnte sich diese Grauzone in ein legales Tätigkeitsfeld verändern. Im aktuellen Status Quo sei die Situation aber für alle Beteiligten unbefriedigend, erklärt der Sprecher des "BRK".

Das sagt der Medizinrechtsexperte dazu

Rechtsanwalt Hartmannsgruber sieht die Problematik nicht so dramatisch. "Da wird ihnen niemand einen Strick draus drehen, wenn der Notfallsanitäter dem Patienten hilft, oder Medizin verabreicht", erklärt er. Dafür gebe es auch den Rechtsbestand der "Nothilfe". "Und diese Nothilfe kann man sehr weit fassen", schildert der Jurist.

Nichtsdestotrotz werde aktuell an einer Aktualisierung der Rechtslage unter Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gearbeitet.