Wenn es um die Einschätzung der Corona-Situation in Deutschland geht, gibt es an verschiedenen Zahlen kein Vorbeikommen. Eine davon: der Reproduktionsfaktor. Dieser hat sich in den vergangenen Wochen teils deutlich unter einem Wert von 1 eingependelt. Das wird als positives Signal gewertet, zumal auch die Zahl der Neuinfektionen konstant niedrig bleibt.

Nun veröffentlichte das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gemeinsam mit dem ifo Institut eine Studie über die "ideale" Reproduktionszahl. Dazu äußerte sich der Virologe und Leiter des Berliner Charité Christian Drosten im Coronavirus Update, dem Podcast des NDR.

Schrittweise Lockerungen als beste wirtschaftliche Lösung

"Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona-Pandemie" heißt der mehrseitige Essay zur Studie. Drosten findet es "sehr interessant, dass man in Deutschland mal sieht, dass lebenswissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Forschung gemeinsam angestellt wird." 

Ein Hintergedanke der Studie ist, dass 300 Neuinfektionen pro Tag in Deutschland kontrollierbar sind. Daher wird berechnet, nach welcher Zeitspanne diese Zahl erreicht wird. Dazu werden verschiedene Reproduktionszahlen eingesetzt, um einen Vergleich zu haben.

Die unterschiedlichen Ergebnisse, die daraus resultieren, gehen mit verschiedenen Auswirkungen auf die Wirtschaft einher: "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine leichte, schrittweise Lockerung der Beschränkungen den Weg mit den niedrigsten wirtschaftlichen Kosten darstellt", heißt es in dem Aufsatz zu der Studie.

Erneuter Shutdown würde erheblichen Schaden bringen

Ein wichtiges Konzept zur Erklärung der Studie ist die "Hammer und Tanz-Strategie". Nachdem zunächst Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Infektionsketten verhängt wurden ("Hammer"), kommt nun der "Tanz". Hier wird versucht, "das Ganze unter Kontrolle zu halten, aber nicht komplett einzusperren, weil dann andere Dinge leiden, wie die Wirtschaft. In dieser Tanzphase sind wir", meint Drosten.

Nun müsse Stück für Stück herausgefunden werden, welche Auswirkungen verschiedene Maßnahmen oder Lockerungen mit sich bringen. "Eine Verschärfung der Shutdown-Maßnahmen gegenüber dem Status quo würde in jedem Szenario größere volkswirtschaftliche Kosten verursachen", heißt es in der Studie. Den Status quo legten die Autoren für den 20. April 2020 fest. An diesem Tag traten erste Lockerungen in Kraft.

Ein denkbares Szenario wäre ein erneuter Shutdown, um auf einen niedrigen Reproduktionsfaktor zu kommen. Bei einem Faktor von R=0,5 oder gar R=0,1 auf Kosten eines Shutdowns, würden "zusätzliche volkswirtschaftliche Kosten von 1,1 bzw. 4,2 Prozentpunkten des Bruttoinlandsprodukts verursacht. Das entspricht etwa 77 oder gar 277 Milliarden Euro.

Goldener Mittelweg: Idealer Reproduktionsfaktor bei 0,75

Auch weitere Lockerungen sind denkbar: Unter der Annahme, dass der Reproduktionsfaktor dann etwas erhöht ist, berechnen die Forscher auch dieses Szenario. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass "eine weitere Öffnung mit einer Reproduktionszahl von 1 [...] mit erheblich größeren wirtschaftlichen Kosten verbunden" sei. Zusätzlich müsse bei einem konstanten R-Faktor von 1 bis Juli 2021 mit zehntausenden Toten gerechnet werden.

Somit ergebe sich nach Erkenntnissen der Forscher eine ideale Reproduktionszahl von R=0,75. In Kombination mit leichten Lockerungen würde dies mit "einem Wertschöpfungsgewinn gegenüber dem Status quo von etwa 26 Milliarden Euro verbunden", wie es in dem Aufsatz zur Studie heißt. Insgesamt würden volkswirtschaftliche Kosten hier auf 0,4 Prozentpunkte reduziert.

Christian Drosten bezeichnet das Ergebnis als "goldenen Mittelweg." Bei dem berechneten Szenario gäbe es einen guten Kompromiss "zwischen der Tiefe des Absinkens der Wirtschaftsleistung und der daraus folgenden Dauer der Erholung."

Tipp: Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus "Sars-CoV-2" finden Sie im Newsticker von inFranken.de.