Glasgow
Fitnesswahn

Extreme Muskelbeschwerden und brauner Urin nach dem Fitnesstraining: Was bedeutet das?

Trainieren bis der Arzt kommt? Drei Frauen aus Schottland machen schmerzhafte Erfahrungen, nachdem sie das Fitness-Center verlassen. Ihre Ärztin reagiert umgehend.
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Drei schottische Frauen strapazierten ihr Leistungsvolumen im Fitnessstudio derart über, dass sie ins Krankenhaus mussten. Symbolbild: pixabay.com / 5132824
Drei schottische Frauen strapazierten ihr Leistungsvolumen im Fitnessstudio derart über, dass sie ins Krankenhaus mussten. Symbolbild: pixabay.com / 5132824
Drei Frauen gehen verunsichert zum Arzt:
Eine schottische Ärztin tappt im Dunkeln, dann wendet sie sich an Spezialisten. Innerhalb kurzer Zeit tauchen drei junge Patientinnen in ihrer Praxis und klagen über extreme Schmerzen. Allen drei werden zwei Tatsachen schlussendlich zum Verhängnis: Der Besuch eines Fitnessstudios und der Wille, beim Training über die Schmerzgrenze zu gehen.


Fall 1

Die erste Patientin ist eine 18-Jährige, die über extreme Schmerzen in den Oberschenkeln klagt. Ein Privattraining mit unzähligen Kniebeugen beziehungsweise "Squads" liegt lediglich vier Tage zurück. Wer im Sommer seinen Po im Bikini präsentieren möchte, kommt schlussendlich an dieser Übung nicht vorbei. Das Problem: Die junge Frau kommt kaum noch die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Selbst der Toilettengang wird zur Qual. Soweit so gewöhnlich, denkt sich der Laie. Dass es sich wahrscheinlich um keinen gewöhnlichen Muskelkater handelt, bemerkt die Ärztin, als die 18-Jährige von braunem Urin berichtet. Außerdem gehe sie nur einmal am Tag auf die Toilette.

In der Fachzeitschrift "BMJ Case Reports", berichtet ein Team um Hazel Henderson vom örtlichen Gesundheitsamt in Ayr vom Fall der 18-Jährigen. Die Ärztin hatte ihre Patientin schließlich an Spezialisten verwiesen.


Fall 2

Nur wenige Stunden später erscheint eine weitere 18-Jährige in der Praxis. Auch sie klagt über starke Schmerzen. Sie sagt, ihr Training sei drei Tage her. Doch sie hat Schmerzen nicht im Oberschenkel, sondern in den Armen. Genauer gesagt: Im Bizeps. Die Ärztin kann deutliche Schwellungen erkennen. Die Arme zu strecken tut der Patientin mittlerweile so sehr weh, dass die 18-Jährige ihre Arme nur noch im rechten Winkel verharren lässt. Auch sie berichtet von verfärbtem Urin, zwar nicht braun oder schwarz, aber deutlich dunkler als gewöhnlich.


Fall 3

Im dritten Fall treibt es eine 24-jährige Frau zur Ärztin: Die Patientin erzählt, wie sie vor fünf Tagen mit "Kettlebells" (Kugelhanteln/"Rundgewichten") verschiedene Übungen gemacht habe. Unter anderem streckte sie die fünf Kilogramm schweren Kugelhanteln rund 30 Sekunden mit ausgestreckten Armen von ihrem Körper weg. In den letzten Tagen wurden ihre Schmerzen immer schlimmer, sagt sie. Sie quäle sich so sehr, dass sie kaum mehr schlafen könne. Auch die 24-Jährige berichtet von braunfarbenem Urin.

Wie auch die erste Patientin schickt die Ärztin die anderen beiden ins Hospital. Bluttests sollen Klarheit bringen.


Lebensgefährliches Nierenversagen droht

Das Ergebnis: Alle drei Frauen haben ihre Muskeln einer derartigen Belastung ausgesetzt, dass diese damit begonnen haben, sich aufzulösen. Im Fachjargon nennt man das "Rhabdomyolyse": Eine Art Mantel der Muskelzellen geht kaputt, der Muskelinhalt drückt nach außen. Die körperlichen Konsequenzen können in einem solchen Fall mehrere Organe betreffen.

Die Auflösung der Zellen führt zu einer Überschwemmung der Nieren durch den Muskelfarbstoff Myoglobin. Myoglobin färbt den Urin schlussendlich braun. In zu großen Mengen greift dieser Stoff ebenfalls Nierenzellen an, was zu einer Verstopfung kleinster Gefäße der Niere führen kann. Kommt es zu dieser Verstopfung, kann der Urin nicht mehr abfließen. Ein Nierenversagen droht. Bei möglichem Nierenversagen ist Zeit als Faktor der Ausprägung entscheidend. Eine schnelle medizinische Versorgung kann die Bedrohung im Keim ersticken.


Zwölf Liter Flüssigkeit intravenös

Die drei betroffenen Frauen hingen die folgenden Tage am Tropf und wurden durch eine Kochsalzlösung versorgt. Patienten dieser Art erhalten täglich rund zwölf Liter Flüssigkeit intravenös. Dadurch wird der Urin verdünnt und die Nieren werden durchgespült.

Die erste Patientin erhielt zusätzlich einen Katheter, so dass überwacht werden konnte, wie viel Flüssigkeit den Körper wieder verlässt.

Nach einigen Tagen im Krankenhaus dann endlich positive Nachrichten: Alle drei Patientinnen haben Glück im Unglück! Ihre Nieren erholen sich, alle können das Krankenhaus wieder verlassen. Im Anschluss folgt eine spezielle Therapie für Gewebe und Muskeln.
Gemeinsam mit den Trainern des Fitnessstudios ergründete die schottische Hausärztin die Ursache der Erkrankungen. Die gut ausgebildeten Fitnesstrainer betonten dabei, dass die Frauen während dem Training stets zum Trinken animiert worden seien.

In allen drei Fällen waren die Betroffenen eigentlich sportlich, absolvierten jedoch ein vollkommen neues Training: Ungewohnte Bewegungen mit hoher Anzahl an Wiederholungen - auf einem Niveau, das ihr eigentliches Leistungsvolumen weit überstieg. Die Autoren des Fachartikels im "BMJ Case Report" warnen indes vor einem neuen Trend, der in der Fitnessszene Einzug hält: Training über die Müdigkeit hinaus, mit vielen Wiederholungen und hoher Intensität. Insbesondere "Crossfit" rückt in diesem Zusammenhang in den Fokus der Autoren. Zu den Risikogruppen für "Rhabdomyolyse" zählten in der Vergangenheit insbesondere Soldaten, Bodybuilder, Ultra-Läufer und Gewichtheber. Das Training dieser Risikogruppen beinhaltet teilweise Elemente, die auch im "Crossfit" gängig sind.


Der Unterschied zum Muskelkater

Muskelkater schwillt normalerweise rund 48 Stunden nach dem Training ab. Ist das nicht der Fall, kommt eine "Rhabdomyolyse" in Frage. Zusätzlich sind Muskeln bei einem Kater noch belastbar - bei den Fällen, die in Schottland auftraten, war die Bewegungsfähigkeit "deutlich" eingeschränkt und die Muskeln sehr angeschwollen. Insbesondere die Farbe des Urins gilt als kein Symptom eines Muskelskaters sondern einer schwereren Erkrankung.
tu
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