So behandeln Sie ihren Reizdarm richtig - Empfehlungen der Experten: Laut aktuellen Schätzungen sollen in Deutschland etwa 11,1 Millionen Menschen von dem sogenannten „Reizdarmsyndrom“ betroffen sein. Weltweit sollen zwischen 5 und 20 Prozent der Menschen an einem „Reizdarm“ leiden. Woher die Krankheit allerdings kommt, ist nach wie vor nicht eindeutig zu bestimmen. Sehr wohl gibt es aber einige Anhaltspunkte, die bei einer Identifizierung des Ursprunges helfen können.

Prinzipiell versteht man unter dem Reizdarmsyndrom (RDS) ein häufig auftretendes, in den Verdauungsorganen beheimatetes Krankheitsbild. Es tritt vor allem durch abdominelle Beschwerden zutage.
Die Website des amerikanischen „National Institutes of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases“ unterscheidet die Diagnose „Reizdarm“ zudem in drei unterschiedliche Kategorien. Jede mit unterschiedlichen Symptomen. 

Reizdarm: Diese verschiedenen Arten gibt es

  • RDS-D: Bezeichnet vor allem ein Reizdarmsyndrom mit Durchfall und losem Stuhl. 
  • RDS-O: Bezeichnet vor allem ein Reizdarmsyndrom mit Verstopfungen.
  • RDS-M: Bezeichnet vor allem ein Reizdarmsyndrom mit wechselnden Stuhlgewohnheiten. Sowohl Verstopfungen als auch Durchfall können auftreten.

Laut der Ärztin Ricarda Schwarz, Fachbereich Neuroradiologie und Radiologie, von der Uniklinik Tübingen geht das Reizdarmsyndrom häufig mit Schmerzen, Blähungen und Darmwinden einher. Allerdings ist es auch möglich, dass diese Symptome in Kombination mit Durchfall und Verstopfung auftreten. Bei den häufigsten Reizdarm-Symptomen handelt es sich um: 

  • Krampfartige Bauchschmerzen
  • Vermehrt auftretender Durchfall, Verstopfung oder ein Wechsel aus beidem
  • Blähungen, Blähbauch, Völlegefühl
  • Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung

Das Reizdarmsyndrom und seine Auslöser

Das Reizdarmsyndrom wird häufig den psychosomatischen Erkrankungen zugeordnet. Außerdem handelt es sich bei der Diagnose meist um eine sogenannte Ausschlussdiagnose. Ärzte gehen also erst von einem Reizdarmsyndrom aus, wenn nach eingehenden Untersuchungen keine organischen Auslöser für die vorliegenden Symptome gefunden werden können. Auf eine bestimmte Ursache lässt sich der Reizdarm in der Regel nicht zurückführen, häufig gibt es verschiedene Auslöser und sie variieren von Patient zu Patient.

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Doch Experten konnten belegen, dass die Beschwerden durch die Psyche und den Darm beeinflusst werden können. Auch  psychotherapeutische Maßnahmen sowie Antidepressiva konnten zu einer Linderung der Symptome führen. In einem Entwurf für eine aktualisierte Leitlinie für die Diagnose des Reizdarmsyndroms aus dem Juli 2020 heißt es zudem, die Diagnose könne als gesichert betrachtet werden, wenn alle relevanten Diagnosen mit ähnlichen Krankheiten ausgeschlossen seien.

Zur Entstehung des Reizdarmsyndroms gibt es mehrere Überlegungen. Beispielsweise könnten die Nervenäste im Verdauungstrakt ungewöhnlich empfindlich und/oder gestört sein. Dadurch ist es möglich, dass der Magen und Darm auf alltägliche Funktionen wie die Durchquerung von Gasen oder Flüssigkeiten unverhältnismäßig reagiert. Sprich: Es verursacht bei einem Betroffenen starke Schmerzen. Auch können die Muskeln in den Wänden des Darms verkrampfen, ähnlich wie Krämpfe in den Beinen oder Armen. Damit gehen nicht nur Schmerzen einher, sondern zum Teil auch Verdauungsstörungen. Häufig treten Beschwerden auch bei erhöhten Stress- und Konfliktsituationen auf oder sie werden durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst. Weibliche erkranke berichten zudem, dass ihr Zyklus den Reizdarm beeinflusst.

Zusammenhang zwischen Reizdarm und Psyche

Wichtig zum Verständnis der Krankheit ist der Zusammenhang zwischen Psyche und Körper: Das zentrale Nervensystem steht über Botenstoffe mit dem Darmnervensystem in engem Austausch. Ein überaktives "Bauchhirn" kann daher auch die Psyche eines Menschen beeinflussen. Umgekehrt kann sich aber die Stimmung auch auf den Magen-Darm-Trakt auswirken.

Aus aktuellen Erhebungen wird klar: Ein Reizdarm taucht oft als Begleiterscheinung zu einer Depression, chronischem Stress, seelischen Traumata und Angststörungen auf. Im neuesten Diagnose-Entwurf zur Thematik „Reizdarm“ schreiben die Experten: „Psychophysiologische Erklärungsmodelle, die im Sinne einer ‚reattribution technique‘ Symptome mit Emotionen in Verbindung setzen, können hilfreich sein. Eine positive Arzt-Patienten-Beziehung führt zu weniger Rückfragen. Persönliche Zuwendung im Rahmen der Arzt-Patient-Interaktion, Selbsthilfegruppen, der normale zeitliche Krankheitsverlauf und der Placeboeffekt können Faktoren sein, die zur einer symptomatischen Beschwerdebesserung beitragen.“

Zwar wird durch einen Reizdarm weder die Lebenserwartung verkürzt, noch müssen Betroffenen mit chronischen, organischen Komplikationen wie einer Darmkrebs-Erkrankunge rechnen - dennoch schränkt die Krankheit die Lebensqualität merklich ein. 

Diagnose Reizdarm: So können Sie sicher sein

Um die Reizdarm-Diagnose zu sichern, empfiehlt die Ärztin Martina Melzer mehrere Untersuchungen. Unter anderem Blutuntersuchungen, einen Test auf Blut im Stuhl, rektale Tastuntersuchungen, eine Ultraschalluntersuchung, eine Darmspiegelung sowie eine Überprüfung des Stuhls auf Parasiten, Würmer oder Entzündungsmarker und Gallensäuren. Erst wenn diese Untersuchungen andere Erkrankungen ausschließen können, gehen die Experten von einem „Reizdarm“ aus.

Eine Behandlung der Patienten ist im Anbetracht dieser komplexen, zum Teil nach wie vor unklaren Zusammenhänge schwierig. Auch eine einheitliche Therapie wurde bislang nicht gefunden. Die aktuelle Handlungsempfehlung richtet sich daher nach den schwerwiegendsten Symptomen. Ist der Reizdarm noch in einer milden Ausprägung auszumachen, so ist unter Umständen bereits eine Ernährungsberatung zielführend. Also vor allem die Vermeidung von Essen, das den Reizdarm verschlimmern könnte. Das betrifft erfahrungsgemäß blähendes Kohlgemüse, Bohnen, Zwiebeln und Knoblauch genauso wie Kaffee und scharfe Gewürze.

Anderen Patienten konnten dagegen psychotherapeutische Maßnahmen helfen. Beispielsweise eine Gesprächs- oder Verhaltenstherapie. Auch Strategien, um mit Problemen besser umgehen zu können und Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Yoga konnten einigen Betroffenen eine Linderung der Symptome verschaffen. Bleiben diese Maßnahmen erfolglos können Ärzte auch zu Medikamenten greifen. 

Reizdarm behandeln und vorbeugen: Das hilft

Laut einer Erhebung des Gastroenterologen Alexander C. Ford in Zusammenarbeit mit seinen Kollegen des St. James’s University Hospitals in Großbritannien zeigte vor allem die Behandlung von Patienten mit Antidepressiva positive Ergebnisse. Unter Antidepressiva verringerten sich die Symptome der Betroffenen merklich, insgesamt zeigten sich bei rund 56 Prozent der Behandelten eine Besserung. Zum Vergleich: Bei der Placebogruppe verzeichneten nur rund 35 Prozent der Patienten eine Besserung. 

Wirklich vorbeugen kann man dadurch, dass die Ursachen des Reizdarms noch immer nicht geklärt sind, nur schwer. Jedoch sind eine gesunde Lebensweise, wenig Stress, ausgewogene Ernährung und viel Sport nicht nur bei der Behandlung des Reizdarms wichtig, sondern auch bei der Vorbeugung. Bei allen Betroffenen gilt aber: Die zeitnahe Absprache mit einem Arzt des Vertrauens ist unerlässlich. 

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