Wie effizient ist das System der Rettungsdienste in Deutschland? Manchmal kommt der Rettungswagen - und hilft einfach nicht. Das musste etwa ein Torwart erleben, der sich bei einem Fußballturnier mit mehreren Armbrüchen vor Schmerzen auf dem Boden wand: Nach wenigen Minuten waren die Sanitäter zwar da - aber das Pech des Torwarts war: Er hatte sich in Baden-Württemberg verletzt. Dort dürfen nur Ärzte Schmerzmittel verabreichen. Und da es Samstag war, waren die meisten Notarzt-Standorte nicht besetzt. Es dauerte fast eine Stunde, bis er eine Spritze bekam - durch einen mit dem Helikopter eingeflogenen Arzt.

"Hätte sich der Junge in Hessen verletzt, wäre ein Rettungswagen gekommen, die Sanitäter hätten ihm eine Spritze verabreicht und dann sofort ins Krankenhaus gebracht", sagt Pierre-Enric Steiger. Er erzählt diese bedrückende Begebenheit, die sein Sohn als Zeuge erlebt hat, wenn er an einem simplen Beispiel erläutern will, was seiner Ansicht nach in Deutschland im Rettungsdienst gerade falsch läuft. Er ist Präsident der Björn Steiger Stiftung in Winnenden.

Björn Steger Stiftung: Schlechte Versorgung durch Rettungsdienst

Die Stiftung wurde von seinen Eltern gegründet, nachdem ihr Sohn - und Pierre-Enrics älterer Bruder - 1969 nach einem Verkehrsunfall das Opfer einer zu schlechten Versorgung durch den Rettungsdienst wurde. Im Rettungsdienst hätten sich im Laufe der Jahre etliche Fehlentwicklungen eingeschlichen, sagt Pierre-Enric Steiger über die heutige Situation.

Das zeige sich vor allem daran, dass jedes Bundesland eigene Regeln und Gesetze zum Rettungsdienst hat - was es schwermache, bundeseinheitliche Standards durchzusetzen. Das führe etwa dazu, dass jedes Land für sich festlege, innerhalb welcher Frist ein Rettungswagen am Einsatzort sein muss - und ebenso, wie dies erhoben wird, wer dies kontrolliert und welche Sanktionen bei Nichteinhaltung drohten.

Ausbildung bei Notfallsanitätern: Harte Grenzen der Bundesländer

Hinzu komme eine unterschiedlich geregelte Ausbildung der Notfallsanitäter - was diese bei Einsätzen manchmal behindere. "Ein Notfallsanitäter aus Hessen kann zum Beispiel nicht nach Mainz zum Einsatz fahren. Die Grenzen der Bundesländer sind da oft härter als die Staatsgrenzen." Die Folge ist laut Pierre-Enric Steiger: "Überleben ist eine Frage des Zufalls."

Auch bei den Leitstellen sieht er großen Verbesserungsbedarf. Früher seien diese früher im europäischen Vergleich fortschrittlich gewesen, heute hänge Deutschland weit zurück. Das liege daran, dass andere Staaten einen automatisierten Fragenkatalog haben, in welchem ein Computerprogramm je nach Auskunft und Antwort eines Anrufers bei der Leitstelle die jeweils nächste Frage vorgebe. In Deutschland hingegen verlasse man sich dagegen auf die Erfahrung des Disponenten. "Aber wenn jemand schnell der Überzeugung ist, er wisse, was der Patient hat, dann vergisst er bei der Abfrage schnell bestimmte Parameter", sagt Steiger.

Gesundheitsminister Jens Spahn sieht Reformbedarf

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht Reformbedarf bei den Rettungsdiensten. So sieht ein Ende Juli vorgelegter Diskussionsentwurf seines Ministeriums zahlreiche Neuerungen vor, die das Wirrwarr aus unterschiedlichen Kompetenzen strukturieren sollen: Beispielsweise ist geplant, die Nummer des Rettungsdienstes (112) sowie des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (116117) unter einem Dach zu vereinen - den "Gemeinsamen Notfallleitstellen" (GNL).

Hier soll zu jedem Notfall eine qualifizierte Ersteinschätzung erstellt werden, eine sogenannte Triange - und erst dann wird der Patient auf die nächste Versorgungsebene weitervermittelt. "Das ist eine Reform, die an der Wurzel ansetzt und daher möglicherweise sogar eine Grundgesetzänderung nötig macht", sagte Spahn bei der Vorstellung des Entwurfs.

Zuspruch der Reform auch von Grüne

Beifall erhält Spahn auch aus den Reihen der Opposition. Die Grünen erklärten die Reform für überfällig. "Wir Grüne haben hierzu bereits im vergangenen Jahr konkrete Vorschläge gemacht, an denen sich Gesundheitsminister Spahn erfreulicherweise orientiert", sagte die Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther.