• Experte Stefan Pilz im inFranken.de Interview: Hilft Vitamin D gegen Corona?
  • Vitamin D kann schwere Corona-Verläufe vorbeugen und Sterblichkeitsrate senken
  • Vitamin-D-Überdosierung ist laut Pilz unwahrscheinlich
  • Aber: Forscher, wie beispielsweise Smollich, üben auch Kritik in aktuellen Studien

Vitamin-D gegen Corona: Inzwischen häufen sich die Meldungen über Vitamin D im Kampf gegen Corona. Auch das RKI empfiehlt seit Mitte Januar eine Vitamin-D-Behandlung für Covid-Patienten und eine Vorsorge für Risikogruppen. Oft wird das "Sonnenvitamin" Vitamin D als die Lösung für eine Vermeidung einer Corona-Infektion oder einen schwerwiegenden Verlauf dargestellt. Doch was ist an den Lobpreisungen wirklich dran? inFranken.de hat den Faktencheck gemacht und den Vitamin-D-Experten Stefan Pilz interviewt. 

Für Experte Stefan Pilz ist klar: “Eine Überdosierung mit Vitamin D ist sehr unwahrscheinlich"

Stefan Pilz, Professor an der Medizinischen Universität Graz und Experte auf dem Forschungsgebiet Vitamin D, hat sich unseren Fragen gestellt.

Herr Pilz, was ist Vitamin D eigentlich?

Stefan Pilz: "Vitamin D ist die Vorstufe eines Hormons, eines Steroidhormons. Wenn wir Vitamin D zuführen, wird es im Körper in ein Hormon umgewandelt und wirkt in unserem Körper wie ein Steroidhormon, vergleichbar mit Geschlechtshormonen. Das heißt, dass Vitamin D praktisch in allen Organen des Körpers Wirkstellen hat. Dadurch, dass die Rezeptoren in allen Organen sind, erklärt sich die breite Wirkung von Vitamin D im Körper."

Wie können wir Vitamin D am besten aufnehmen?

Stefan Pilz: "Wir können Vitamin D selbst durch Sonnenlichteinstrahlung auf die Haut bilden. Das sollte auch die Hauptzufuhrquelle des Vitamins sein. Etwa 80 bis 90 Prozent beziehen wir über die Haut und einen geringen Teil über die Nahrung. Natürliche Lebensmittel, die Vitamin D enthalten, sind sehr rar. Es ist eigentlich nur fettiger Fisch zu nennen. Andere Lebensmittel sind Pilze und Eier. Man schafft es über natürliche Ernährung aber eigentlich nicht, ausreichend Vitamin D zuzuführen. Vitamin D ist also nicht primär ein Ernährungsproblem, sondern ein Problem des Lebensstils: Wir sind zu wenig an der Sonne. Wir sind zu wenig draußen. Übergewicht stellt ebenfalls ein Problem dar, da Vitamin D dann im Fettgewebe abgelagert wird und somit nicht zur Verfügung steht."

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Kann man davon ausgehen, dass wir durch den Lockdown im Winter einen Vitamin-D-Mangel haben? 

Stefan Pilz: "Im Winter ist sicher davon auszugehen. Es gibt deutliche jahreszeitliche Schwankungen des Vitamin-D-Spiegels. Der Tiefpunkt liegt in vielen Ländern, auch in Deutschland und in Österreich, etwa im Februar. Ob der Lockdown im Speziellen einen Einfluss hat, ist noch nicht ganz klar. Da gibt es meines Wissens nach noch keine klaren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Gerade im Zusammenhang mit der Gewichtszunahme würden viele Faktoren dafür sprechen, dass viele Menschen gerade jetzt (März 2021) einen starken Vitamin-D-Mangel haben. Insgesamt hängt es aber damit zusammen, wie sich Menschen verhalten: Gehen sie etwa mehr an die frische Luft, wenn sie in Kurzarbeit sind oder verbringen sie mehr Zeit zu Hause. Solche und ähnliche Faktoren spielen eine Rolle.

Kann man eine Corona-Erkrankung durch Vitamin-D-Supplementierung verhindern? Oder den Verlauf einer Erkrankung beeinflussen?

Stefan Pilz: "Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Vitamin D und Atemwegserkrankungen. Es gibt Studien von Adrian Martineau aus 2017 im British Medical Journal, die gezeigt haben, dass das Risiko für Atemwegserkrankungen niedriger ist, wenn Vitamin D eingenommen wird. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat dies ebenfalls bestätigt. Das war jedoch vor Corona. Ob dies auch für Corona gilt, können wir noch nicht abschließend beurteilen. Es spricht jedoch vieles dafür, weil Vitamin D im Immunsystem wirkt. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass Menschen, die einen Vitamin-D-Mangel haben, ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf haben."

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Es gibt unterschiedliche Meinungen. Manche Ärzte und Forscher sagen, dass die Studienlage noch nicht reicht. Was sagen Sie dazu?

Stefan Pilz: "Es gibt in der Wissenschaft selten ein Schwarz-Weiß-Bild. Aussagen wie "Das ist hundertprozentig bewiesen" oder "Es gibt keine Evidenz" sind vermutlich unqualifizierte wissenschaftliche Statements. Es ist immer die Frage: Welches Evidenzlevel haben wir? Ich glaube, mit den Vorstudien zu den Atemwegsinfekten, die wir haben, und auch mit der Wirkweise von Vitamin D und auch mit den diversen Beobachtungen, haben wir eine gute Beweislage bezüglich des Zusammenhangs von Corona und Vitamin D. 

Es gibt eine aktuelle Studie aus Großbritannien, die herausgefunden hat, dass Menschen, die Vitamin D supplementieren, seltener an Corona erkranken. Das war speziell bei der Supplementierung mit Vitamin D so und nicht bei anderen Vitaminen oder Mikronährstoffen. Man muss sicher aufpassen mit bestimmten Meldungen. Studiendaten legen nahe, dass Vitamin D vor allem im präventiven Stadium hilft, vermutlich aber nicht, wenn man schon erkrankt ist. Wir können Vitamin D als einen Baustein von vielen Bausteinen für unserer Gesundheit sehen. Wenn wir diesen optimieren, sind wir insgesamt besser aufgestellt und somit auch für den Fall einer Corona-Infektion. In der medialen Berichterstattung muss man dann jedoch aufpassen, denn ob eine hohe Vitamin-D-Dosierung im Fall einer Covid-19-Erkrankung hilft, wird momentan von Forschern untersucht und scheint laut aktuellem Forschungsstand eher fraglich.

Es gibt zwar erste Hinweise, etwa die Studie aus dem Reina Sofia Krankenhaus in Spanien, die dies andeuten. Hier waren die Zahlen außergewöhnlich gut. Die Einnahme von Vitamin D hatte hier einen starken Effekt. Allerdings sind bei der spanischen Studie Fragen offengeblieben und es gibt einige Kritikpunkte. Daher bedarf es an dieser Stelle weiterer, kontrollierter Studien zu Vitamin D, um einen kausalen Zusammenhang von Vitamin D im Kontext Covid-19 zu klären.

Wie wahrscheinlich ist eine Überdosierung mit Vitamin D?

Pilz: "Bei Vitamin D braucht man sich wenig Sorgen machen: Eine Überdosierung ist sehr unwahrscheinlich. 4.000 Einheiten zu empfehlen ist sehr sicher. Das ist weniger, als man dem Körper etwa durch Sonneneinstrahlung zuführen würde. Einzeldosen in einem Bereich von 100.000 Einheiten oder höher wäre hingegen schädlich bzw. nicht zu empfehlen. Man muss aber auch immer sagen: Wenn etwas positive Effekte hat, gibt es auch mögliche Nebenwirkungen. Aber selbst, wenn wir sehr viel Vitamin D im Körper speichern, baut sich das Vitamin D wieder ab. Gespeichertes Vitamin D hat eine Halbwertszeit von zwei Wochen. Trotz einer Langzeitspeicherung sinkt der Spiegel wieder, wenn man ein paar Monate lang nichts einnimmt. Wenn jemand schon  genug Vitamin D im Körper hat, wird diese Person nicht unter einer weiteren Zufuhr leiden."

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Manche Medien berichten, dass es zu Nierensteinen kommen kann bei Vitamin-D-Einnahme...

Pilz: "Nein, das stimmt nicht. Vitamin D in physiologischen Dosierungen führt nicht zu Nierensteinen. Kalzium kann aber zusammen mit Vitamin D die Wahrscheinlichkeit von Nierensteinen erhöhen. Aber: Auch wenn Sie Nierensteine und einen Vitamin-D-Mangel haben, sollte der Vitamin-D-Mangel angegangen werden."

Sollte man sich auf Vitamin-D-Mangel beim Arzt testen lassen?

Pilz: "Ich verlasse mich grundsätzlich auf die offiziellen Empfehlungen, die wir bisher haben. Es gibt beispielsweise bestimmte Personengruppen, denen wir immer Vitamin D geben. Jeder Säugling in Deutschland und Österreich bekommt zumindest im ersten Lebensjahr Vitamin D zugeführt, und das gilt fast auf der ganzen Welt. Es gibt auch etliche Länder, wie Amerika oder Finnland, die Vitamin D schon systematisch in Nahrungsmitteln zusetzen. Dort gibt es offizielle Empfehlungen Vitamin D zuzusetzen. Menschen in Pflegeheimen - das sind auch Covid-Risikopatienten - sollten Vitamin D supplementieren. Hier ist der Vitamin-D-Mangel in der Regel bei 90 bis 95 Prozent. Dort können sie auch ohne Testung eine Supplementierung einleiten. Andere Gruppen, zum Beispiel Frauen, die schwanger werden wollen, können 800 bis 1.000 Einheiten Vitamin D supplementieren. Ungeborene  können nämlich selbst kein Vitamin D produzieren und sind daher auf den Vitamin-D-Spiegel der Mutter angewiesen. Dies sind allgemeine Empfehlungen - ein Blut-Test ist jedoch auch sehr gut. Denn so kann ich am besten bestimmen, ob ein Mangel vorliegt und wie schwer dieser ist, wobei ein solcher Test bei bestimmten Erkrankungen wie zum Beispiel diversen Knochenkrankheiten empfohlen ist.

Wer sind Risikogruppen - neben den bereits genannten?

Pilz: "Menschen, die viel im Büro arbeiten. In vielen Ländern gibt es heutzutage einen erhöhten Vitamin-D-Mangel. Interessant ist auch folgender Zusammenhang: In Ländern mit höherem durchschnittlichen Vitamin-D-Mangel gibt es auch mehr Corona-Tote und umgekehrt. Das ist jedoch nur eine Korrelation und ein möglicher Faktor. Man muss etwa auch die Unterschiede in den Gesundheitssystemen beachten. Interessant ist auch der Aspekt, dass man mit heller Haut besser Vitamin D produziert als mit dunkler Haut."

Wo sollte man Vitamin D kaufen?

Pilz: "Wichtig ist hierbei die Qualität. Bei der Form der Darreichung gibt es keinen großen Unterschied. Es macht keinen großen Unterschied, ob man nun Tabletten, Öle oder Tropfen zu sich nimmt. Wir wissen inzwischen, dass Vitamin D sehr gut vom Körper aufgenommen wird, sofern man keine schweren Darmerkrankungen hat. Es ist dabei nicht notwendig, auf teure Präparate zurückzugreifen."

Würden Sie empfehlen, Vitamin D zu supplementieren?

Pilz: "Vor allem im Winter kann man eine Vitamin-D-Supplementierung für Risikogruppen, zu denen beispielsweise Heimbewohner, sehr alte Menschen und stark übergewichtige Personen zählen, empfehlen."

Studien zu Vitamin D und Covid-19: Vorteile bei Vitamin D-Einnahme 

Britische Forscher haben den aktuellen Forschungsstand zu Vitamin D und Corona für das "British Medical Journal" Anfang März 2021 zusammengefasst. Sie kommen dabei zu dem Ergebnis, dass es zwar keine direkten Beweise zwischen dem Vitamin D-Spiegel und dem Auftreten oder den Folgen von Covid-19 gibt, dass es aber indirekte Beweise für eine immunmodulatorische Rolle von Vitamin D bei Atemwegsinfektionen gibt.

Vorteile bei Vitamin-D-Einnahme in Kürze:

  • Vitamin D wirkt unterstützend im Immunsystem.
  • Menschen mit Vitamin-D-Mangel haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Corona-Verlauf.
  • Menschen, die Vitamin D supplementieren, erkranken seltener an Corona.
  • Vitamin D Supplementierung hilft vor allem im präventiven Stadium.
  • Vitamin D kann auch bei einer bestehenden Corona-Erkrankung helfen.

Forscher Smollich übt Kritik an Vitamin-D-Hype: “Großteil der Daten ist ohne Aussagekraft”

Der Forscher Martin Smollich hat sich dem Thema Corona und Vitamin D in einem Blogartikel auf dem Fachblog "Ernährungsmedizin" Ende 2020 gewidmet und kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Smollich betont jedoch, dass die Supplementierung mit Vitamin D nur dann wirkungsvoll ist, wenn tatsächlich ein Vitamin-D-Mangel vorgelegen hat. Wer ohnehin einen guten Vitamin-D-Spiegel hat, dem nützt die Vitamin D Einnahme auch nichts.

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Der Forscher stellt außerdem klar, dass Vitamin D nicht an sich antiviral wirksam sei, sondern ein Vitamin-D-Mangel die Anfälligkeit von Virusinfekten der Atemwege erhöhe. Wird der Vitamin-D-Mangel durch Supplemente behoben, gibt es also keinen darüber hinausgehenden Nutzen. 

Smollich weist weiterhin darauf hin, dass der Großteil der Daten ohne Aussagekraft sei, da entweder Störfaktoren nicht beachtet wurden oder der Vitamin-D-Spiegel erstmalig im Krankenhaus gemessen wurde. Im Detail schreibt er: "Wenn ein Patient mit schwerer Covid-19-Symptomatik ins Krankenhaus aufgenommen wird und dort ein Vitamin-D-Mangel festgestellt wird, dann heißt das noch lange nicht, dass dieser Patient bereits früher, also zum Zeitpunkt der Infektion, einen Vitamin-D-Mangel hatte. Genauso wenig ist das ein Beweis dafür, dass dieser Vitamin-D-Mangel die Ursache der Covid-19-Erkrankung ist."

Fazit: Vitamin D Einnahme ist unbedenklich

Eines wird schließlich klar: Vitamin D ist kein Wundermittel und kann auch nicht alleine vor einer Corona-Infektion oder einem schweren Krankheitsverlauf bewahren. Der Vitamin-D-Experte Stefan Pilz betont selbst, dass Vitamin D nicht als "Allheilmittel" gesehen werden kann.  Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass Menschen, die genügend Vitamin D in ihrem Körper haben, weniger selten an Atemwegserkrankungen leiden und weniger schwere Corona-Verläufe haben. Eine Vitamin-D-Überdosierung hält der Mediziner für sehr unwahrscheinlich.

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Vitamin D scheint also am ehesten als präventives Mittel gegen Corona zu helfen. Dies legen auch einige Studien nahe. Wie jedoch auch einige Forscher kritisch anmerken, bedarf es für eine sichere Aussage über den Zusammenhang zwischen Corona und Vitamin D jedoch noch mehr Forschung.

 

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