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Sommerwelle schwappt hoch: Was bringt die vierte Corona-Impfung wirklich?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat ihre Empfehlung für eine vierte Corona-Impfung angepasst. Der zweite Booster ist ihrer Ansicht nach vor allem für gesundheitlich gefährdete Menschen und Beschäftigte in Medizin und Pflege sinnvoll. Expertinnen und Experten haben zur zweiten Booster-Impfung unterschiedliche Meinungen.
Die Stiko empfiehlt eine vierte Corona-Impfung mit Einschränkungen.
Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt eine vierte Corona-Impfung - jedoch nur für bestimmte Personengruppen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Die Corona-Infektionen steigen seit Anfang Juni vorwiegend aufgrund der Mutation „BA.5“ drastisch. Die Ständige Impfkommission (Stiko) reagierte auf das veränderte Infektionsgeschehen bereits und passte die Impfempfehlung an. Laut der Stiko ist eine zweite Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus besonders für gesundheitlich gefährdete Personengruppen wichtig, um sich vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen.

Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in medizinischen und Pflege-Einrichtungen sollten eine zweite Auffrischungsimpfung erhalten. Besonders bei Personal mit intensivem Patientinnen- und Patientenkontakt könne ein erhöhter individueller Schutz aufgebaut werden trotz hohem Infektionsrisiko.

Risiko schwerer Krankheitsverläufe kann mit zweiter Booster-Impfung weiter minimiert werden

Laut aktuellen Daten des Robert Koch Institutes (RKI) vom 27. Juni 2022 haben bislang rund 6,5 Prozent der Menschen in Deutschland eine zweite Booster-Impfung erhalten. Bei Menschen ab 60 Jahren wurde fast jeder Fünfte geimpft.

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Zwar räumen die Expertinnen und Experten ein, dass eine Infektion mit der Omikron-Variante weniger oft zu schweren COVID-19-Krankheitsverläufen führe. Dennoch könne man das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes weiter minimieren. Menschen, die mit einer Omikron-Erkrankung einen schweren Krankheitsverlauf durchmachen, müssten mit ähnlich drastischen Auswirkungen wie bei schweren Verläufen von Nicht-Omikron-Infektionen rechnen, heißt es seitens der Stiko. 

Die zweite Booster-Impfung solle bei besonders gefährdeten Personengruppen frühestens drei Monate nach der ersten Booster-Impfung verabreicht werden. Bei Personal in der Pflege oder im medizinischen Bereich solle sie frühestens nach sechs Monaten verabreicht werden. In „begründeten Einzelfällen“ könne jedoch auch hier nach drei Monaten geimpft werden. Die Europäische Union hat noch keine Empfehlung für eine zweite Auffrischungsimpfung für Menschen, die 60 Jahre oder älter sind, ausgesprochen.

Antikörper nehmen nach der ersten Booster-Impfung ab

Die Stiko begründete ihre Empfehlung mit dem nachlassenden Schutz der Grund- und Auffrischungsimpfung. Laut aktuellen Daten sei ersichtlich, dass der Schutz nach der ersten Auffrischimpfung gegen Omikron-Infektionen innerhalb weniger Monate abnehme. Menschen, die nach einer ersten Auffrischungsimpfung eine Corona-Infektion durchgemacht haben, würden keine zweite Auffrischung benötigen. 

Andreas Radbruch, Immunologe und wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums in Berlin, erklärte gegenüber der Apotheken Umschau, dass er gegen eine allgemeine Empfehlung der zweiten Booster-Impfung sei. Seiner Ansicht nach schütze die vierte Impfung mit den bislang bekannten Impfstoffen „nur sehr unvollkommen vor Infektion und Infektiosität“. Dabei beruft er sich auf Forschungsdaten aus Israel

Dass der Antikörperspiegel mit der Zeit sinke, sei für ihn sogar etwas Positives. „So werden die Plasmazellen selektiert, die die besten Antikörper machen“, erklärte Radbruch. Die selektierten Plasmazellen wanderten anschließend in das Knochenmark, „wo sie uns über Jahre und Jahrzehnte mit den schützenden Antikörpern versorgen“, schildert Radbruch.

Stiko argumentiert: "Viel hilft viel" darf nicht der Leitsatz sein

Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen forderte Mitte Juni, über eine erneute Prüfung und Ausweitung der Stiko-Empfehlung nachzudenken. So könnten Menschen, die jünger als 70 Jahre sind, ein weiteres Impfangebot bekommen. Das gelte sowohl für Covid-19 als auch für die Influenza. Die Stiko jedoch betonte, dass für eine allgemeine Empfehlung der zweiten Booster-Impfung ein begründeter medizinischer Indikator bestehen müsse, erklärte Thomas Mertens, Stiko-Vorsitzender, gegenüber der Deutschen Presse Agentur (dpa).

Die Überzeugung „Viel hilft viel“ dürfe nicht als Leitsatz herangezogen werden. „Die resultierenden Handlungen, die durch den Handlungswillen von Politikern angestoßen werden, sollten vor ihrer Umsetzung so weit irgend möglich geprüft sein“, so Mertens. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, erklärte ebenfalls auf DPA-Nachfrage, dass für ihn derzeit kein Bedarf nach einer generellen Empfehlung der zweiten Booster-Impfung bestehe.

Die aktuelle Datenlage zur Effektivität sowie Verträglichkeit der zweiten Auffrischungsimpfung sei „limitiert“, heißt es von den Expertinnen und Experten. Man könne jedoch davon ausgehen, dass es keine großen Unterschiede im Vergleich zur ersten Booster-Impfung geben werde. Eine zweite Booster-Impfung dient dazu, die Wirksamkeit der bereits erhaltenen Corona-Impfung zu erhalten. Laut Forschenden der Universität Marburg benötigen Menschen, die älter als 80 Jahre sind, mindestens drei Impfungen, um eine entsprechende Immunantwort zu erhalten. Dies könne jedoch zum jetzigen Zeitpunkt bereits mehrere Monate zurückliegen. Daher sei für diese Personengruppe eine vierte Impfung sinnvoll. 

Studie aus Israel bestätigt Wirkung der zweiten Booster-Impfung

Die Effektivität einer doppelten Booster-Impfung wird indes von einer Studie aus Israel bestätigt. Menschen, die älter als 60 Jahre waren und zwei der Auffrischungsimpfungen erhalten haben, seien bis zu dreimal besser vor schweren Krankheitsverläufen des Coronavirus geschützt. 

Abnehmen könne die Schutzwirkung einer Impfung durch einen erneuten Booster nicht, sagte Immunologin Christine Falk gegenüber dem „Spiegel“. Sie erklärte: „Man müsste schon einige Male hintereinander im Abstand von nur wenigen Monaten boostern, bis eine Erschöpfung einsetzt. Mit einer vierten Dosis macht man erst einmal nichts kaputt.“ Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bezeichnete die Stiko-Empfehlung zur zweiten Booster-Impfung für Ältere und Risikopatienten als „richtigen Schritt“. Damit erhielten Betroffene „zusätzliche Sicherheit“. 

Laut aktuellen Zahlen haben 77,7 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfung erhalten, als vollständig geimpft gelten bislang 76,1 Prozent. Rund 23 Prozent gelten als ungeimpft, was etwa 19,5 Millionen Menschen entspricht.

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