Schwere Komplikationen nach Corona-Impfungen sollen 40 Mal häufiger sein, als bisher gedacht. Die Untererfassung bei Impfnebenwirkungen sollen bei 70 Prozent liegen - mindestens. Es sind alarmierende Zahlen, die da zuletzt in den Medien kursieren. Allein: Wie aussagekräftig und realistisch sie sind, darüber herrscht Uneinigkeit.

Denn die Studie von Prof. Dr. Harald Matthes an der Charité in Berlin ist umstritten - ebenso wie der durchführende Mediziner selbst. Andererseits kritisiert Matthes selbst die Berichterstattung deutlich - eine faktenbasierte Diskussionen um den Sinn oder Unsinn der Corona-Impfung sei kaum möglich. Doch was sind die Fakten in diesem Fall?

Worum es geht: Befragung offenbart hohe Zahl an Impfnebenwirkungen

Matthes führt derzeit eine Studie zum "Sicherheitsprofil von Covid-19-Impfstoffen" durch. Dabei können sich Probanden ab 18 Jahren online anmelden und werden über ihre Erfahrungen in der Corona-Pandemie befragt. Dabei werden nicht allein Fragen zur Impfung gestellt. "Der ImpfSurv-Fragebogen erfasst neben den demografischen und klinischen Daten die Daten zu den Impfreaktionen und Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung bzw. bei der Befragung Covid-19 erkrankter Personen bzw. nicht-erkrankter Personen die Krankheitssymptome bzw. Beschwerden. Zusätzlich werden Fragen zur mentalen Gesundheit erfasst", heißt es in der Studienbeschreibung. 

Bei dieser Befragung stellte sich nun heraus, dass Nebenwirkungen nach Impfungen deutlich häufiger auftreten, als beispielsweise vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) angegeben. Genauer sollte man sagen: Die Befragten haben bei sich deutlich häufiger Nebenwirkungen beobachtet, als von Medizinern an das PEI gemeldet worden. Und genau hier liegt der Knackpunkt: Erfasst das PEI systematisch zu wenige Nebenwirkungen - oder die Matthes-Studie systematisch zu viele?

In einem Gespräch mit Focus Online legt Matthes dar, dass etwa 10.000 Menschen an der Survey-Studie teilnehmen. Bei diesen sollen Nebenwirkungen und schwere Komplikationen deutlich häufiger aufgetreten sein, als vom PEI veröffentlicht. Matthes spricht hier selbst von "Verdachtsfällen" - denn es wurde zu diesem Zeitpunkt noch nicht untersucht und bewiesen, dass es sich tatsächlich um Nebenwirkungen handelt. Als "schwere Impfnebenwirkung" gilt Matthes dabei bereits, wenn ein Patient mindestens 3 Tage krankgeschrieben wurde. Das PEI und auch das Robert-Koch-Institut definieren Impfnebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden anders

Kritik am Paul-Ehrlich-Institut: Werden Impfnebenwirkungen verschwiegen?

Laut Matthes würden die von ihm erfassten Daten aber gut zu ausländischen Studien passen. Er nennt hierbei unter anderem Daten aus Israel, Kanada und Skandinavien, vor allem Schweden. In Deutschland würden Impfnebenwirkungen hingegen systematisch unterschätzt.

Zum einen liege das an der Arbeit der Mediziner, andererseits am Fehlen eines allgemeinen Impfregisters. So müssten Ärzte die Impfnebenwirkungen an das PEI melden. Wegen des damit verbundenen Aufwand würde dies aber nur unzuverlässig passieren. So würden Nebenwirkungen untererfasst. Für Matthes bedeutet das, dass"das Paul-Ehrlich-Institut und die Politik nicht ihrer Behauptung nachkommen, sie würden sehr genau hingucken und alles für die Sicherheit tun."

Zu ähnlichen Schlüssen kam im Frühjahr eine Auswertung der Krankenkasse BKK Provita unter ihren Versicherten. Dort hieß es dann, man sehe "erhebliche Alarmsignale". Kritiker hingegen sahen haltlose "Schwurbelei". Am Ende musste BKK-Provita-Vorstand Andreas Schöfbeck seinen Hut nehmen. Für Matthes Ergebnis unglücklicher Kommunikation: Schöpfbeck hätte nicht von Kausalität sprechen sollen. Soll heißen: Nicht behaupten, dass es tatsächlich deutlich mehr Impfnebenwirkungen gibt, sondern nur, dass es "Hinweise" darauf gibt.

Methodisch schwach: Unsaubere Arbeit von Matthes?

Derselbe Vorwurf trifft aber auch Matthes selbst: Denn seine Studie offenbart methodische Schwächen. Wie das ZDF berichtet, hat sich nun sogar die Charité selbst wegen dieser Schwächen von der Studie distanziert. Hauptproblem: Aus einer freiwilligen Befragung wird auf die gesamte Bevölkerung geschlossen. Nun sind Stichproben-Umfragen nicht ungewöhnlich. Aber zur wissenschaftlichen Praxis gehört es eben auch, nach systematischen Fehlern zu suchen. Soll heißen: Gibt es Grund zu der Annahme, dass die Antworten der Studienteilnehmer verzerrt sind und kein allgemeingültiges Bild abgeben?

Zwei Gründe sprechen dafür, dass es solch eine systematische Verzerrung bei Matthes Studie gibt. Zum einen müssen die Probanden selbst Angaben zu ihren Nebenwirkungen machen. Doch sind Laien tatsächlich in der Lage dazu, zu unterscheiden, ob eine nach einer Impfung auftretende Erkrankung tatsächlich Ergebnis der Impfung ist - oder nur rein zufällig nach der Impfung auftrat? Um solche Verzerrungen zu vermeiden, werden möglichst Kontrollgruppen eingeführt. Also Befragte, die im selben Zeitraum keine Impfung oder nur ein Placebo erhielten. Dies ist bei Matthes nicht geschehen.

Schwerer noch wirkt die Kritik an der Auswahl der Befragten. Die Befragten konnten sich freiwillig bei der Studie anmelden. Matthes veröffentlichte Flyer, die man verteilen konnte, um für eine Teilnahme zu werben. Doch welche Menschen wurden so erreicht? Kritiker behaupten: Vor allem Impfskeptiker.

Anthroposophischer Hintergrund: Viele Impfskeptiker befragt?

Dies liegt vor allem auch an Matthes medizinischen Hintergrund: Der Professor ist Anthroposoph, steht also für eine eher "spirituelle und esoterische Weltanschauung". Seine "Klinik Havelhöhe" in Berlin fiel in der Pandemie mit umstrittenen Praktiken und einem vergleichsweise lockeren Umgang mit den Corona-Maßnahmen auf, wie Recherchen der taz nahelegen. Es liegt also zumindest nahe, zu vermuten, dass tendenziell viele Impfskeptiker an Matthes Studie teilnehmen. Da zusätzlich noch Menschen unter 18 ausgeschlossen wurden und die Bereitschaft, an solchen Studien teilzunehmen, nicht gleichmäßig in der Gesellschaft verteilt ist, sagen Matthes Daten wenig über die Lage in Deutschland aus - sondern nur etwas über die 10.000 Teilnehmenden. Repräsentativ ist die Studie damit sicherlich nicht

Matthes selbst ist bereits seit Beginn der Pandemie ein Kritiker der Corona-Politik und trug seine Vorbehalte recht deutlich in die Öffentlichkeit. Dies brachte ihm wiederum öffentliche Kritik ein - was er nun bei Focus-Online für eine recht unverblümte Medienschelte verwendete. 

Und hier liegt das eigentliche Dilemma der aktuellen Diskussion: Statt um medizinische Hilfe geht es um Politik. Egal ob das PEI oder Matthes Recht haben, es gibt auf jeden Fall Betroffene, die nach einer Corona-Impfung langanhaltende Beschwerden haben. Doch diese fühlen sich oft alleingelassen, instrumentalisiert von Corona-Skeptikern einerseits, andererseits ignoriert von Ärzten, die sich nicht "die Finger an dem Thema verbrennen" möchten.