• Corona-Forschung: Wieso infizieren sich bestimmte Menschen nicht?
  • Zwei Studien geben Aufschluss: T-Zellen und Kreuzimmunität spielen wichtige Rolle
  • Ergebnisse von großer Bedeutung für künftige Impfstoffe

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie haben Experten vorhergesagt: Irgendwann wird sich jeder mit Corona infiziert haben. Ganz richtig ist diese Annahme aber offenbar nicht. Während sich einige Menschen, vor allem durch die Omikron-Variante, schon mehrfach angesteckt haben, gibt es auch Leute, die komplett ohne Infektion durch die Pandemie gekommen sind. Ist es also möglich, immun gegen Corona zu sein? Gleich zwei Forschungsteams aus Großbritannien sind dieser Frage nachgegangen und zum gleichen Ergebnis gekommen: Die Antwort liegt in den T-Zellen unseres Immunsystems.

Coronavirus: T-Zellen können Infektion vor Ausbruch abbrechen

Wissenschaftler*innen des University College London haben eine Studie mit Mitarbeitenden aus dem Gesundheitswesen durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im November 2021 im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht. Insgesamt wurden die Daten von 730 Menschen analysiert. Bei 58 Personen war über einen Zeitraum von vier Monaten weder ein PCR-Test positiv war, noch wurden bei ihnen Antikörper gefunden, obwohl sie ein hohes Infektionsrisiko hatten und in den Kliniken regelmäßig getestet wurden.

20 dieser Studienpersonen wiesen jedoch eine Besonderheit auf: Ihr Level an T-Zellen war erhöht. T-Zellen sind weiße Blutkörperchen, die körperfremde Strukturen erkennen. Je nach Art können sie die "Eindringlinge" zerstören oder wiederum andere Immunzellen aktivieren, die Antikörper produzieren - letzteres war bei den Probanden aber nicht der Fall. Dafür wurde bei 19 von ihnen ein bestimmtes Immunprotein namens IFI27 nachgewiesen. Das Protein könnte laut Forschenden ein Hinweis auf einen vergangenen Kontakt mit Sars-CoV-2 sein. Ihrer Theorie nach könnte durchaus eine Infektion erfolgt sein, die allerdings durch die Immunreaktion des Körpers abgebrochen wurde. Ein solcher Vorgang wird in der Fachsprache als "abortive Infektion" bezeichnet.

"Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es ist wirklich überraschend, dass die T-Zellen eine Infektion so schnell kontrollieren können", wird Shane Crotty, Immunologe am La Jolla Institute for Immunology in Kalifornien, der nicht an der Forschung beteiligt war, von "Nature" zitiert. 

Vorangehende Erkältung kann Kreuzimmunität schaffen

Grund für die effektive Abwehr der Viren könnte laut Forschungsteam ein bestimmter Typ Gedächtnis-T-Zellen sein, den sie in den Proben fanden. Diese Zellen waren aktiv gegen eine Reihe von Virus-Proteinen, die für die Vermehrung der Viren wichtig waren, den sogenannten Replikationskomplex. Die Wissenschaftler*innen fanden diese T-Zellen deutlich häufiger bei denjenigen, die keine Anzeichen für eine Infektion gezeigt hatten, als bei denjenigen, die an Covid-19 erkrankt waren. Darüber hinaus war der T-Zellen-Typ auch in Blutproben, die bereits vor der Pandemie genommen worden waren, vorhanden.

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Mala Maini, Mitautorin der Studie, erklärt: "Wir denken, dass sie bei einer früheren Infektion mit einem ähnlichen Virus entstanden sind." In der Virologie ist in solchen Fällen auch von kreuzreaktiven T-Zellen die Rede. Sobald sie ein Virus erkennen, vermehren sich diese Immunzellen extrem schnell. Vermutlich wurden sie gebildet, als die Probanden eine gewöhnliche Erkältung durch eines der humanen Coronaviren hatte. Da die Gedächtnis-T-Zellen auf den Replikationskomplex reagieren, ist es nämlich nicht so wichtig, um welche Virusvariante es sich handelt. Im Gegensatz zum Spike-Protein, mit dem Viren in menschliche Zellen eindringen, das sich aber von Virusvariante zu Virusvariante unterscheidet, ist der Replikationskomplex bei vielen Coronaviren gleich.

Die Studie ließ dennoch einige Fragen offen. Zum einen ist unklar, wann eine Erkältung die Bildung solcher T-Zellen auslöst. Denn obwohl die allermeisten Menschen in ihrem Leben mindestens einmal eine von Coronaviren verursachte Erkältung hatten, haben offenbar nur wenige die entsprechenden Gedächtnis-T-Zellen.

Zweite Studie bestätigt: Gedächtnis-T-Zellen haben Einfluss auf Infektion

Zum anderen merken andere Forscher an, dass es keine definitiven Beweise gebe, dass die untersuchten Personen tatsächlich Kontakt mit Sars-CoV-2 hatten. Diesen Zweifeln halten die Studienautoren entgegen, dass der gemessene Anstieg der T-Zellen genau mit der ersten Pandemie-Welle in Großbritannien zusammenfällt. Da sei ein Zufall sehr unwahrscheinlich. Andere Kritiker meinen: Selbst wenn die speziellen T-Zellen damals eine Infektion gänzlich unterbinden konnten, sei unklar, ob das auch für andere Corona-Varianten gelte.

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Im Januar 2022 kam ein weiteres Forschungsteam aus Großbritannien jedoch zu der gleichen Theorie, wieso einzelne Menschen nicht an Corona erkranken. Die Wissenschaftler*innen des Imperial College London untersuchten eine Gruppe von 52 Menschen, die nachweislich Kontakt mit dem Coronavirus hatte. Nur die Hälfte von ihnen infizierte sich tatsächlich. Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachmagazin "Nature Communications" veröffentlicht. 

Die Blutproben der Studienteilnehmer*innen wurden mit besonderem Augenmerk auf die T-Zellen untersucht. Dabei stellten die Forschenden fest, dass nicht-Infizierte ein deutlich höheres Level an "kreuzreaktiven T-Zellen" im Körper hatte. "Unsere Studie liefert den bisher deutlichsten Beweis dafür, dass T-Zellen, die durch gewöhnliche Erkältungs-Coronaviren ausgelöst werden, eine schützende Rolle gegen SARS-CoV-2-Infektionen spielen", erklärt Ajit Lalvani, leitender Autor der Studie.

"Diese T-Zellen bieten Schutz, indem sie Proteine innerhalb des Virus angreifen und nicht das Spike-Protein auf der Virusoberfläche." Es handelt sich demnach um denselben Mechanismus, den auch das Forschungsteam des University College beobachten konnte: Kreuzimmunität durch Gedächtnis-T-Zellen. 

Universal-Impfstoff gegen Corona? So wäre es möglich

Für die Wissenschaftler ist diese Erkenntnis von großer Bedeutung: Nicht nur konnten sie das Rätsel um die Immunität gegen Corona lüften, auch die Entwicklung eines Universal-Impfstoffes rückt damit ein Stückchen näher. Die bisherigen Corona-Vakzine nutzen das Spike-Protein, das wie bereits erwähnt je nach Variante unterschiedlich sein kann. "Das Spike-Protein steht unter starkem Immundruck durch die Antikörper, die der Impfstoff auslöst, was zur Entwicklung von Mutanten führt, die den Impfstoff umgehen können", so Lalvani. Das erste Beispiel dafür: die Omikron-Variante.

Die Proteine im Inneren des Virus, auf die die Gedächtnis-T-Zellen abzielen, würden dagegen viel seltener mutieren. Sie bleiben quasi über die unterschiedlichen Virusvarianten hinweg "konserviert". "Neue Impfstoffe, die diese konservierten, internen Proteine enthalten, würden daher großflächig schützende T-Zellen-Reaktionen auslösen, die gegen aktuelle und zukünftige SARS-CoV-2-Varianten schützen sollten", sagt Lalvani. Bis ein solcher Impfstoff auf den Markt kommt, wird es aber wahrscheinlich noch dauern. Zudem ist es ungewiss, inwiefern wir uns künftig überhaupt um weitere Corona-Mutationen Sorgen machen müssen. Kürzlich haben Forschende mögliche Szenarien vorgestellt, wie sich die Pandemie dahingehend entwickeln könnte.

Für Menschen, die sich bislang nicht angesteckt haben, sind die Studienergebnisse aber durchaus erfreulich: Wer bereits viele fleißige T-Zellen besitzt, wird höchstwahrscheinlich auch in Zukunft keine Corona-Infektion bekommen. 

Zum Weiterlesen: Auch die Blutgruppe kann einen Einfluss darauf haben, ob wir uns mit Corona infizieren. Forschende haben herausgefunden, welche Menschen dadurch ein besonders hohes oder niedriges Ansteckungsrisiko haben.

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