Berlin

Große Corona-Studie zeigt: So viele Patienten starben im Krankenhaus

Eine Studie, die Informationen Zehntausender Corona-Patienten aus 920 deutschen Krankenhäusern zusammenträgt, zeigt, wie tödlich ein Krankheitsverlauf im Ernstfall sein kann. Eine Bevölkerungsgruppe ist dabei besonders gefährdet.
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Krankenhaus
Jeder der Hilfe benötigte, wurde behandelt. Deutschland steht in Zeiten der Pandemie gut da. Foto: Parentingupstream/Pixabay

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat zusammen mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung und der Technischen Universität Berlin in einer Studie herausgearbeitet, wie der Krankheitsverlauf einer Sars-CoV-2-Infektion in einem Krankenhaus verlaufen kann. Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Behandlungsdauer und die Genesungschancen der Patienten.  Die Studie wurde die in dem Fachblatt thelancet.com veröffentlicht.

Rund 10.000 Menschen mit einer bestätigten Corona-Infektion , die im Zeitraum vom 26. Februar bis zum 19. April 2020 in 920 deutschen Krankenhäusern aufgenommen wurden, sind für die Studie herangezogen worden. Dies geschah erstmals mit dem Einbezug des bundesweiten Einblicks der Abrechnungsdaten der AOK. Diese vertritt knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung.

Corona-Patienten: Sterblichkeit bei Männern höher als bei Frauen 

Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf zwei Gruppen gelegt:

  • Beatmete Patienten und
  • Nicht beamtete Patienten

 Schnell wurde klar, dass die Sterblichkeitsrate der Menschen, die eine Beatmung erhielten, deutlich über der lag, die keine benötigten. Außerdem machten sich Patienten mit Vorerkrankungen und hohem Alter deutlich bemerkbar. Insgesamt war die Sterblichkeit der Männer (25 Prozent)  höher, als die der Frauen (19 Prozent).

Weitere Erkenntnisse zur Sterblichkeit brachte die Altersverteilung der Patienten:

  • Von den 70 bis 79-jährigen Patienten starben 27 Prozent.
  • Von den über 80-jährigen Patienten starben 38 Prozent.
  • Insgesamt starben 53 Prozent aller beatmeten Patienten.
  • Von den nicht-beatmeten Patienten starben 16 Prozent.
"Die hohen Sterblichkeitsraten machen deutlich, dass in den Kliniken relativ viele Patienten mit einem sehr schweren Krankheitsverlauf behandelt wurden. Diese schweren Verläufe betreffen eher ältere und gesundheitlich bereits beeinträchtigte Menschen, kommen aber auch bei jüngeren Patienten vor“, sagt Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO. Insgesamt hat gut ein Fünftel der Corona-Patienten, die in deutschen Kliniken aufgenommen wurden, nicht überlebt. 

Das Gesundheitssystem hält stand - keine Ressourcenknappheit 

In der Studie sind die Daten der Covid-19 Patienten mit Beatmung getrennt von denen ohne Beatmung ausgewertet worden. Das Durchschnittsalter aller Patienten betrug circa 68 Jahre. Insgesamt wurden 17 Prozent der 10.000 Patienten künstlich beatmet

Christian Karagiannidis, Sprecher der DIVI-Sektion „LungeRespiratorisches Versagen“ sowie Leiter des ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim betont, dass alle Menschen, die eine Beatmung benötigten, auch wirklich eine erhielten. Er lobt außerdem die Tatsache, dass zu jedem Zeitpunkt genug Intensiv-Betten bereitstanden, um weitere Patienten aufnehmen zu können. Damit stehe Deutschland gut da, auch wenn es aus seiner Sicht schwierig sei, einen internationalen Vergleich zu ziehen. In erster Linie nicht nur medizinisch, sondern auch telefonisch ist das Hilfsangebot in Deutschland für die Bevölkerung groß. 

Interessant ist auch, dass fast doppelt so viele Männer wie Frauen eine Beatmung erhalten haben. Die Sterblichkeit liegt hier aber trotzdem auf dem gleichen Niveau."Aus den Abrechnungsdaten heraus lässt sich dieser deutliche Unterschied nicht erklären, hier besteht weiterer Forschungsbedarf“, so Karagiannidis.

Vorerkrankungen und hohes Alter machen besonders anfällig 

Warum die Sterblichkeit bei beatmeten Patienten höher ist, als bei jenen die nicht beatmet werden, lässt sich unterschiedlich begründen. Unter den stationär behandelten Patienten, zeigten die, die eine Beatmung in Anspruch nahmen, häufiger Begleiterkrankungen.

  • 39 Prozent der beatmeten Patienten litten an Diabetes.
  • 43 Prozent der beamteten Patienten waren herzkrank. 

Die nicht beatmeten Patienten hatten, verglichen dazu, selten Vorerkrankungen. So hatten nur 24 Prozent Herzprobleme und nur knapp 26 Prozent Diabetes. Menschen, die eine Dialyse benötigten und gleichzeitig beatmet wurden, hatten es besonders schwer: 73 Prozent dieser Patienten starben im Krankenhaus.

Diese Tendenz zeigt, dass die beatmeten Menschen aufgrund der Begleiterkrankungen deutlich schlechtere Genesungschancen haben als andere. Der Faktor des hohen Alters verstärkt diese Anfälligkeit noch und verschlechtert die Heilungsaussichten.

Die Dauer der Behandlung der Patienten betrug im Schnitt 14 Tage. Patienten ohne Beatmungsmaßnahmen hatten eine durchschnittliche Behandlungsdauer von 12 Tagen benötigt während Menschen mit Beatmung eine mehr als doppelt so lange Zeit brauchten. 23 Prozent mussten sogar länger als 21 Tage beatmet werden. Hier konnten Rückschlüssen auf die benötigten Kapazitäten im Fall einer "zweiten Welle" abgeschätzt werden.

Corona-Studie liefert wichtige Erkenntnisse für eine mögliche zweite Welle

"Mit unserer Auswertung liegen hilfreiche Zahlen für Projektionen zur Nutzung von Krankenhaus- und Beatmungskapazitäten vor. So fallen pro 100 stationäre Patienten durchschnittlich 240 Beatmungstage an. Dies sind für die Vorbereitung auf eine zweite Pandemie-Welle wichtige Zahlen. Bezüglich der normalen Krankenhausbetten ist aber auch bei hohen Infektionszahlen überhaupt kein Problem zu erwarten“, so Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin.

Corona ist keineswegs ein Virus, der mit einer Grippe oder einem Schnupfen vergleichbar ist. Auch wenn die Heilungschancen insgesamt nicht aussichtslos sind, sind Menschen mit Vorerkrankungen und hohem Alter besonders gefährdet. Daher sollte jeder in seinem Maße, die ihm zur Verfügung stehenden Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und einhalten, um seine Mitmenschen zu schützen. Denn eines ist sicher: Covid-19 unterscheidet nicht - somit ist die Pandemie nicht nur ein medizinischer Kampf, sondern auch ein solidarisch sozialer - für alle Bürger und Menschen, egal welchen Alters. Nicht zuletzt deswegen wurden erst jetzt die Maßnahmen in Bayern wieder verschärft.