Mehrere Bundesländer fordern die Regierung dazu auf, schnell wieder gesetzliche Voraussetzungen für schärfere Corona-Regeln zu schaffen. Bayern, Hessen, NRW und Baden-Württemberg fürchten eine erneute Corona-Wellte im Herbst und bestehen auf die Möglichkeit wieder Beschränkungen wie 3G, 2G oder die Maskenpflicht in Innenräumen einzuführen. Medienberichten zufolge könnte es bald eine generelle Regelung in Bezug auf die Corona-Schutzmaske geben. Die sogenannte O-bis-Regel.

Gleichzeitig hat sich der Kassenärztechef Andreas Gassen trotz gestiegener Corona-Infektionszahlen gegen die Ausweitung der Maskenpflicht und gegen die Fortführung anlassloser Bürgertests ausgesprochen. "Das Narrativ war immer, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werden dürfe", sagte Gassen dem Redaktionsnetzwerk vor Beratungen der Gesundheitsministerkonferenz an diesem Mittwoch und Donnerstag (23.06.2022).

Bundesländer wollen gesetzliche Voraussetzung für schärfere Corona-Regeln

Es gebe zwar auch jetzt hohe Infektionszahlen, die Erkrankungsverläufe seien aber überwiegend leicht. "Viele Betroffenen merken es nicht einmal." Deshalb könnten höhere Infektionszahlen allein nicht Grundlage für Maßnahmen sein, "etwa für eine erneute Maskenpflicht". Gassen forderte zudem, zeitnah anlasslose Bürgertests zu stoppen. "Sie bringen sehr wenig und kosten sehr viel", kritisierte er. "Stattdessen sollten wir uns auf PCR-Tests bei symptomatischen Patienten zu fokussieren."

Auch der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit kritisierte die vier Länder scharf: "Jetzt mit einzelnen Maßnahmen und Forderungen vorzupreschen, bevor die Daten ausgewertet wurden, ist nicht angemessen", sagte er im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Zudem müsse man über 2G- oder 3G-Regelungen gar nicht erst diskutieren, da die Situation inzwischen eine ganz andere sei. "Es gibt fast niemanden mehr, der nicht geimpft oder genesen ist", so der Virologe. 

Gleichzeitig warnte er davor, die Wirkung der Masken zu überschätzen. Laut dem Experten sei es bisher noch unklar, um wie viel Prozent eine Maskenpflicht die Todeszahl oder Krankenhauseinweisungen senken könne. Zwar könnten richtig getragene FFP2-Masken vor einer Infektion schützen, andere Maßnahmen seien aber effizienter und sollten vor einer Maskenpflicht eingeführt werden. Der Virologe nannte im Interview mit dem RND etwa Homeoffice. "Wenn die Effizienz einer Maskenpflicht für die Pandemiebekämpfung gering ist, wären die Millionen Euro für Masken anderswo besser eingesetzt", so Schmidt-Chanasit.

Virologe Schmidt-Chanasit warnt, die Wirkung der Masken zu überschätzen

Zudem würde die Frage, für wen eine erneute Maskenpflicht gelten solle, völlig außer Acht gelassen. Es sei unklar, ob Geimpfte, Kinder und Schüler oder im Supermarkt mit wenigen Kontakten und hohen Räumen eine Maskenpflicht gelten solle. Man müsse außerdem zwischen OP- und FFP2-Masken unterscheiden.

"Für die allgemeine Bevölkerung ist eine FFP2-Maskenpflicht nicht sinnvoll." Ohnehin würde die Maske vor dem Corona-Virus nur dann schützen, wenn sie korrekt getragen werden würde. "Um im Supermarkt einzukaufen, ist eine FFP2-Maskenpflicht überflüssig und Ressourcen­verschwendung", meint der Virologe gegenüber dem RND.

Das Ärzteblatt veröffentlichte dieses Frühjahr einen Fachartikel über das Pro und Contra eines FFP2-Maskeneinsatzes. Aus der veröffentlichten Studie mit 50 geschulten Mitarbeitenden eines Kran­ken­hauses geht hervor, dass nur bei einem Drittel aller FFP2-Masken ein akzeptabler Schutz vor Übertragungen bestand. Die FFP2-Maske würde im Vergleich zur OP-Maske den Schutz nicht verbessern, jedenfalls nicht im Alltag.