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Pandemie

Wer sind die Corona-Superspreader? Forscher entschlüsseln Übertragungsmuster von Sars-CoV-2

Japanische Forscher haben herausgefunden, dass sogenannte Superspreader an bestimmten Merkmalen zu erkennen sind. Sie haben auch festgestellt, an welchen Orten die Gefahr einer Coronavirus-Übertragung am höchsten ist.
 

In Japan hätte ein starker Ausbruch des neuartigen Coronavirus kaum verwundert. Schließlich zeichnet sich das Land mit 126 Millionen Einwohnern durch eine überalterte Bevölkerungsstruktur und dicht besiedelte Wohnverhältnisse aus. Allerdings kam es laut Angaben der "Johns Hopkins Universität" zu gerade einmal etwas mehr als 40.000 bestätigten Fällen. Im Vergleich zu Ländern wie Deutschland (insgesamt 212.000 bestätigte Fälle, Stand 4. August 2020) ist das also eine bemerkenswert niedrige Zahl.

Und diese hätte sogar noch niedriger ausfallen können, würden die Infektionszahlen dort nicht seit einiger Zeit wieder ansteigen - insbesondere in der 14 Millionen Einwohner zählenden Metropole Tokyo. Die steigenden Fallzahlen bereiten der japanischen Regierung Sorgen. Die Tatsache, dass es sich bei den Betroffenen jedoch überwiegend um junge Menschen, im Alter zwischen 20 und 30 Jahren handelt, bestätigt die Ansichten von Japans Chef-Virologen Hitoshi Oshitani von der "Tohoku-Universität" in Sendai. Er fand in einer vorab veröffentlichten Studie heraus, dass das Infektionsgeschehen überwiegend von jungen Menschen ausgehe, die wenige oder gar keine Symptome zeigen.

Coronavirus: Superspreader als große Gefahr

Oshitani ist der Überzeugung, dass die meisten Infizierten niemanden anstecken - einige wenige Superspreader hingegen seien für sehr viele Übertragungen verantwortlich. Diese Ansichten werden von immer mehr wissenschaftlichen Studien unterstützt.

Dabei stehen auch die Ereignisse im Fokus, bei denen die Wahrscheinlichkeit solcher Massenübertragungen hoch ist. Adam Kucharski von der "London School of Hygiene and Tropical Medicine" fand mit seinen Kollegen in einer Studie heraus, dass vermutlich zehn Prozent der Fälle 80 Prozent der Ausbreitung bewirken.

Es sei für Experten daher wichtig zu wissen, wo solche Ereignisse zu erwarten sind. Nur so könne versucht werden, die Ausbrüche zu verhindern - ohne dafür große Teile der Gesellschaft lahmzulegen.

Coronavirus: Japan mit Cluster-Strategie

In Japan ist die Strategie zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie eine andere als in Deutschland. Statt massenhafte Tests durchzuführen, werde auf eine Cluster-Strategie gesetzt. Sobald eine Infektion auftritt, wird die Infektionskette zurückverfolgt. Alle Kontakte des Betroffenen müssen dann vorsorglich in Quarantäne, ohne die Ergebnisse der Testergebnisse abzuwarten.

Es soll versucht werden, Ansammlungen von Infektionen zu finden. Dem Wissenschaftsmagazin Science sagte Oshitani, dass Japan eine andere Strategie verfolge als die meisten westlichen Länder. "Wir versuchen, die Cluster zu identifizieren und ihre gemeinsamen Merkmale zu finden", so der Virologe.

Generelle Ausgangsbeschränkungen gab es in Japan im Gegensatz zu anderen Ländern und Regionen der Welt nicht - dafür aber Empfehlungen, möglichst zu Hause zu bleiben. Regionalen Politikern war es jedoch möglich, einzelne Schulen oder Betriebe anlässlich steigender Infektionszahlen zu schließen. 

Drosten lobt Japans Corona-Strategie

Auch der deutsche Virologe Christian Drosten zeigte sich Ende Mai in seinem Podcast überzeugt von Japans Strategie. Diese sei "mutig, aber richtig". Sollte es in Deutschland im Herbst zu einer zweiten Welle kommen, können auf diese Weise großflächige Lockdowns verhindert werden.

Oshitani und seine Kollegen analysierten in ihrer Studie zu Superspreadern den Zeitraum von Januar bis April 2020.  Es wurde nach Orten und Situationen gesucht, an denen sich viele Menschen gleichzeitig ansteckten. Als Cluster galt, wenn mindestens fünf Infektionen an einem Ort zur gleichen Zeit entstanden.

61 solcher Cluster wurden untersucht - mit insgesamt 3184 Infizierten. Als Hotspots stellten sich folgende Orte heraus: Restaurants, Fitnessstudios, Konzerthallen, Altenheime oder Karaoke-Bars.

Superspreader des Coronavirus: Frauen unter 30 und ohne Symptome

Die verantwortliche Person zu finden, die einen solchen Cluster-Ausbruch verursachte, gestaltete sich meist als schwierig. Lediglich in 22 Fällen konnte diese Person identifiziert werden. Dabei  fielen entscheidende Merkmale auf: Für die Verbreitung der Viren waren vor allem Frauen verantwortlich, die unter 30 Jahren alt waren und keine Symptome zeigten.

Eine Erklärung, warum gerade Frauen das Virus so häufig übertragen, fanden die Wissenschaftler nicht. Dass Superspreader jedoch hauptsächlich zwischen 20 und 39 Jahren alt sind, konnte das Team um Oshitani hingegen erläutern: Ein enger Kontakt in geschlossenen Räumen ohne ausreichend Luftzirkulation, Räumlichkeiten wie Fitnessstudios, in denen Menschen schwer atmen, oder auch Umgebungen mit lauter Musik, die zu lautstarken Gesprächen oder dem mitsingen verleiten, konnten als Brennpunkte ausgemacht werden.

Solche Orte sind zum Beispiel Bars, Clubs oder Konzerte. Und diese gelten als Treffpunkt von überwiegend jüngeren Menschen. In Japan sind insbesondere Karaoke-Bars ein beliebtes Freizeitziel. Eine Ansteckung dort ist der Studie zufolge deutlich wahrscheinlicher als in den vollen U-Bahnen der Stadt.

Rückverfolgung der Superspreader essenziell

Das Verhalten von Japans Bürgern in öffentlichen Verkehrsmitteln wie der U-Bahn ist allerdings auch schon vor der Coronavirus-Pandemie von großer Vorsicht geprägt gewesen. Es ist üblich, einen Mund-Nase-Schutz zu tragen, um sich im dichten Gedränge nicht mit einer Grippe oder anderen übertragbaren Krankheiten anzustecken. 

Im Gespräch mit der Zeit erklärte Oshitani das Verhalten in den U-Bahnen Japans. Demnach werde dort kaum lautstark telefoniert - vielmehr werde sogar geschwiegen. Das sei im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus von Vorteil.

Außerdem ließ Oshitani in diesem Zusammenhang durchblicken, wieso eine Rückverfolgung der Superspreader so wichtig sei: "Wir hatten schon bei der Sars-Epidemie entdeckt, dass nicht jeder Infizierte jemanden ansteckte, sondern einige wenige sehr viele andere. Durch solche Superspreader entstehen Cluster. Das hatten wir auch beim neuen Coronavirus vermutet."

Risikofaktoren für Infektions-Cluster müssen erkannt werden

Laut den Autoren der aktuellen Studie sind die Ergebnisse wichtige Indikatoren für eine erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie. Wichtig sei, die Risikofaktoren für Infektions-Cluster zu kennen. Dadurch ließen sich Quarantänemaßnahmen gezielter anwenden, so die Forscher. 

Doch einfach wird das nicht, denn: Welche Veranstaltungen zu den Superspreading-Ereignissen zählen, mag schnell herausgefunden sein. Infizierte Menschen und damit mögliche Superspreader schon im Voraus zu erkennen, ist eine ganz andere Herausforderung.

Alle aktuellen Entwicklungen rund um das Coronavirus erfahren Sie im News-Ticker von inFranken.de.

ml