Nach einer überstandenen Corona-Infektion wiegen sich die meisten Menschen erst einmal in Sicherheit. Doch ebenso wie die Impfung bietet auch die Genesung keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Ansteckung. Eine jetzt als Vorabversion ("Preprint") veröffentlichte Studie aus Belgien zeigt, welche Rolle die Omikton-Varianten BA.1 und BA.2 dabei spielen. Und eine Auswertung aus England zeigt, dass sich schon Hunderttausende Menschen mehrfach mit dem Coronavirus infiziert haben.

Offiziell erfasst wurden seit Beginn der Pandemie rund 7640 Dreifachinfektionen, wie die Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UK HSA) mitteilte. Für 62 Menschen sei registriert, dass sie viermal infiziert waren - immer mit einem Abstand von mindestens 90 Tagen. Insgesamt erfasste die Behörde zum Stand 6. März in England 715.154 Reinfektionen. Da viele Reinfektionen etwa wegen milder Symptome gar nicht auffallen und erfasst werden, gehen Experten von einer deutlich höheren Zahl solcher Fälle aus. Warum kann das passieren?

Neue Studie aus Belgien: Refinfektion durch Omikron-Varianten BA.1 und BA.2

Ein Forscherteam aus Belgien hat eine neue Studie als Vorabversion ("Preprint") veröffentlicht, die zu dem Ergebnis kommt, dass die Zeiträume zwischen einer wiederholten Infektion mit dem Coronavirus offenbar deutlich kleiner ausfallen können, als der bislang postulierte Mindestzeitraum von 60 Tagen. Ein entscheidender Faktor ist dabei der Omikron-Subtyp BA.2.

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Die Omikron-Variante des Coronavirus ist weniger für die Schwere der Erkrankung, als vielmehr für die hohe Ansteckungsgefahr berüchtigt. Vor allem durch den Subtyp BA.2 ist eine erneute Ansteckung deutlich wahrscheinlicher geworden, auch wenn man eine Infektion mit der ursprünglichen Omikron-Variante BA.1 bereits überstanden hat - und zwar schon nach weniger als 60 Tagen. Als Reinfektion galt bislang laut offizieller Definition der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC die durch zwei positive PCR-Tests belegte wiederholte Ansteckung innerhalb von mindestens 60 Tagen. Die Studie der Forschenden der Universitätsklinik Leuven in Belgien hinterfragt diesen Zeitraum nun kritisch.

Die Wissenschaftler*innen analysierten Daten vom 1. Dezember 2021 bis 7. Februar 2022, also aus der Zeit, als die ursprüngliche Omikron-Variante BA.1 die Delta-Variante ablöste. Zudem analysierten sie Daten aus dem zeitraum  1. Januar bis 10. März 2022, also aus der zeit, als sich der Subtyp BA.2 als dominierende Variante durchsetzte. Das Forscherteam kam zu dem Ergebnis, dass zwischen zwei positiven PCR-Tests - also einer zweifachen Ansteckung - lediglich 17 bis 65 Tage lagen - im Schnitt also nur 47 Tage bis zur Reinfektion. Betroffen waren laut der Studie vor allem ungeimpfte Personen im Alter von unter zwölf Jahren. In höheren Altersgruppen sind Ungeimpfte und Personen ohne Auffrischungsimpfung anfälliger für eine Reinfektion. Die Booster-Impfung scheint hier Wirkung zu zeigen.

Mehrmals mit Corona angesteckt: Wieso kommt es zu Reinfektionen?

Grundsätzlich gehen Wissenschaftler*innen davon aus, dass drei Kontakte zu dem Virus notwendig sind, um eine ausreichende Immunität gegen Covid-19 aufzubauen. Ein Forschungsteam um Ulrike Protzer, Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München (TUM), hat dafür die Immunität von geimpften und genesenen Menschen über zwei Jahre hinweg beobachtet. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden im Fachmagazin "Nature Medicine" veröffentlicht.

"Das Immunsystem entwickelt nach insgesamt drei Kontakten zum Spike-Protein des Coronavirus eine qualitativ hochwertige Antikörper-Antwort", heißt es in einer Mitteilung der TUM. Dabei ist es scheinbar egal, in welcher Form unser Immunsystem Kontakt mit dem Virus hatte: dreifach geimpfte Menschen, geimpfte Genesene oder Geimpfte, die eine Durchbruchsinfektion erlitten - alle kamen auf fast gleiche Antikörper-Werte.

Es kommt aber nicht nur auf die reine Zahl der Antikörper an, sondern auch, wie gut sich die Antikörper an das Virus binden und es so unschädlich machen können. Daher sprechen die Forschenden von "qualitativ hochwertigen" Antikörpern. Diese sollen laut Protzer alle besorgniserregenden Varianten, "inklusive Omikron", bekämpfen können. Eine gute Immunantwort heißt aber natürlich noch lange nicht, dass man sich gar nicht mehr anstecken kann, denn es gibt zwei Probleme: Zum einen hält der Schutz durch Impfung oder Infektion nicht ewig, zum anderen stellt die Omikron-Variante unser Immunsystem vor ganz neue Probleme.

Besondere Eigenschaften von Omikron erhöhen Risiko für erneute Ansteckung

Die Omikron-Variante hat durch eine besondere Eigenschaft das Risiko einer Reinfektion noch verschärft. Grundsätzlich infizieren sich laut Quarks etwa fünfmal mehr Menschen als noch zu Zeiten der Delta-Variante. Das liegt unter anderem daran, dass Omikron eine Immunflucht-Variante ist. Unser Immunsystem erkennt die mutierten Coronaviren nicht mehr so gut, dadurch kann Omikron leichter die Immunantwort umgehen. "Hier braucht man deutlich mehr und bessere Antikörper, um das Virus zu neutralisieren", erklärt Oliver Keppler von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der ebenfalls an der TUM-Studie beteiligt war. Somit ist es letztlich wahrscheinlicher, sich erneut anzustecken oder trotz Impfung eine Durchbruchsinfektion zu bekommen.

Dazu kommt, dass jeder Mensch anders auf eine Corona-Infektion reagiert. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk, sagte laut Tagesschau, der Immunschutz hänge "sowohl von der Variante und der Menge an Virus ab als auch vom Verlauf". Eine Studie der University of California in San Francisco hat kürzlich gezeigt, dass der Körper in der Regel mehr Antikörper bildet, wenn die Krankheit schwer verläuft. Milde Verläufe, wie sie Omikron vorwiegend auslöst, haben dagegen eine geringere Immunantwort zur Folge. Die Ergebnisse der amerikanischen Forschenden wurden auf dem Portal "medRxiv" veröffentlicht und noch nicht unabhängig geprüft.

Die Studie zeigte außerdem, dass eher Antikörper gegen eine spezifische Variante gebildet wurden. "Genauso wie die Impfstoffe, die auf dem Spike-Protein des Wuhan-Virus beruhen, nur bedingt vor einer Infektion mit Omikron schützen, schützt auch eine Infektion mit Varianten vor Omikron nur bedingt vor einer Ansteckung mit Omikron", so Carsten Watzl von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie im BR. Andersherum schützt eine Omikron-Infektion laut Experten nicht so gut vor einer erneuten Ansteckung mit den bisherigen oder künftigen Varianten.

Omikron-Subtypen: Infektion schützt - aber nur bedingt

Dafür kann eine Omikron-Infektion aber offenbar gegen die Ansteckung mit einem anderen Subtypen schützen. Eine Studie aus Dänemark hat 1,8 Millionen positive Fälle zwischen November 2021 und Februar 2022 ausgewertet. In lediglich 187 Fällen hatte sich dieselbe Person zweimal mit einem oder beiden Omikron-Subtypen, BA.1 und BA.2, infiziert. 47 Menschen hatten sich erst mit BA.1 und kurz darauf mit BA.2 angesteckt - 89 Prozent waren ungeimpft, ihr Immunsystem hatte also noch gar keinen Kontakt mit dem Virus. Auch in Katar untersuchten Forschende Reinfektionen mit den Subtypen und kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Je nachdem, mit welcher Untervariante man sich zuerst infiziert hatte, lag die Schutzwirkung vor einer erneuten Infektion bei 90 bis 95 Prozent.

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Doch wie bereits erwähnt, hält diese Immunität nicht ewig. Fachleute sind sich einig, dass sowohl der Schutz der Impfung als auch einer Infektion mit der Zeit nachlässt. Der genaue Zeitraum lässt sich allerdings schwer bestimmen und hängt von zahlreichen Faktoren ab. Bei Genesenen ist die Immunantwort im ersten Moment breiter aufgestellt. Während das Immunsystem nach einer Impfung speziell auf das Spike-Protein des Coronavirus reagiert, produziert es bei einer Infektion auch Antikörper und sogenannte T-Zellen gegen andere Proteine, die das Virus umhüllen. Die Antikörper bauen nach einer Zeit aber wieder ab.

"Der Abfall der Immunantwort beginnt nach drei Monaten, schon nach sechs Monaten ist der Großteil der schützenden Antikörper wieder weg", sagte Martina Prelog von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie dem SWR. Wie die Virologin Sandra Ciesek jedoch betont, sei es schwierig, einen einheitlichen Zeitraum für die Immunität Genesener zu definieren. Dies sei von verschiedenen Faktoren abhängig: Mit welcher Virusvariante man sich infiziert habe, wie alt man sei, und wie lange die letzte Impfung zurückliege. Jugendliche hätten beispielsweise nach einer Durchbruchsinfektion oft noch sehr viele Antikörper.

Immunschutz nach Infektion lässt nach? Booster-Impfung kann helfen

Auch bei der Impfung fällt der Schutz vor Erkrankung nach einigen Monaten ab - der Schutz vor einem schweren Verlauf, Hospitalisierung oder Tod bleibt aber wesentlich länger bestehen, auch gegen die Omikron-Variante. Zudem kann eine Booster-Impfung den Schutz sowohl bei Geimpften als auch Genesenen zeitweise wieder auf 70 Prozent anheben, wie Daten aus Großbritannien zeigen.

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Trotz überstandener Corona-Infektion besteht weiterhin die Wahrscheinlichkeit, sich erneut zu infizieren. Das ist insbesondere der Fall, wenn man sich zuvor nicht mit der Omikron-Variante infiziert hatte, die nun in Deutschland vorherrschend ist. Auch wenn die Infektion bereits mehrere Monate zurückliegt oder noch keine Booster-Impfung erfolgt ist, besteht ein höheres Risiko. Wer bereits dreimal - egal ob über Impfung oder Infektion - Kontakt mit dem Virus hatte, ist grundsätzlich besser vor einer Infektion geschützt. Doch da die Schutzwirkung mit der Zeit nachlässt oder das Immunsystem durch neue Varianten umgangen werden kann, ist letztlich niemand vollkommen sicher vor einer Reinfektion. Der Schutz vor einem schweren Verlauf bleibt uns aber länger erhalten. Sollte es also zu einer erneuten Ansteckung kommen, wird diese laut dem Charité-Virologen Christian Drosten vermutlich milder und kürzer ausfallen.

lm/mit dpa

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