• Behauptung kursiert im Netz: Delta-Variante sechsmal tödlicher für Geimpfte 
  • Artikel auf "Unser Mitteleuropa" bezieht sich auf Report aus England
  • Berechnung der Sterblichkeitsrate führt in die Irre 
  • Behauptung im Faktencheck: Das ist an der Behauptung dran

Während die Impfkampagne gegen das Coronavirus auch in Deutschland fortschreitet, breiten sich Coronavarianten immer mehr aus - die sogenannte Delta-Variante gewinnt in vielen Ländern die Überhand. Auch in Deutschland tritt die Variante mittlerweile bei mehr als 70 Prozent der untersuchten Proben auf.

"Delta-Variante sechsmal tödlicher für Covid-Geimpfte?" Das steckt hinter der Behauptung

Auch geimpfte Menschen können sich infizieren. In den sozialen Medien wird nun ein Artikel geteilt, der behauptet, die Delta-Variante sei "sechsmal tödlicher bei Covid-Geimpften". Ist das richtig? Die Behauptung im Faktencheck.

Der genannte Report aus England liefert keine Belege dafür, dass Menschen mit vollständiger Covid-Impfung häufiger an der Delta-Variante sterben als solche ohne Corona-Impfschutz. Die Daten belegen jedoch, dass die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca wirksam gegen Krankenhausaufenthalte sind.

Der Report der Behörde Public Health England (PHE), auf die sich der Artikel bezieht, stellt schon zu Beginn klar: Es sei noch zu früh, "eine formale Bewertung der nach Alter geschichteten Todesfälle von Delta im Vergleich zu anderen Varianten zu geben". Sterblichkeit sei ein "verzögerter Indikator" und die Zahl der Fälle, die eine ausreichend lange Nachbeobachtungszeit von 28 Tagen abgeschlossen hätten, noch sehr gering.

Gefährliche Fake News: Rechnung zu Sterblichkeitsrate führt in die Irre

Deshalb führt die Rechnung in dem Artikel auf der Seite "Unser Mitteleuropa" in die Irre. Er gibt die Daten aus dem Report zwar richtig wieder: Zwischen dem 1. Februar 2021 und dem 14. Juni 2021 infizierten sich demnach 35.521 Menschen, die keine Corona-Impfung hatten, mit der Delta-Variante. Von ihnen starben 34. Bei denjenigen mit vollständigem Impfschutz (14 Tage nach der zweiten Impfung) infizierten sich 4087, 26 davon starben. Nun berechnen die Autoren aber eine "Sterblichkeitsrate" und kommen so auf 0,00636 Prozent Gestorbene unter den Menschen mit vollständigem Impfschutz, während der Anteil bei denjenigen ohne Corona-Impfung nur bei 0,000957 Prozent liege. Das führt zu der Behauptung, das Risiko für Menschen mit vollständigem Impfschutz, an der Delta-Variante zu sterben, sei 6,6 Mal höher als für solche ohne Impfschutz.

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Rechnet man nach, sind es zwar eigentlich 0,636 und 0,0957 Prozent, die Schlussfolgerung bliebe jedoch gleich. Und diese ist irreführend: Der Report zeigt nämlich klar, dass Menschen mit Corona-Schutzimpfung ein deutlich geringeres Risiko haben, sich überhaupt zu infizieren: Menschen mit vollständiger Corona-Impfung machen nur knapp sieben Prozent der Erkrankten aus. Der PHE-Report betont zudem, dass die Impfungen von Astrazeneca und Biontech eine hohe Wirksamkeit auch gegen die Delta-Variante haben: nach der zweiten Dosis zu 80 Prozent vor symptomatischen Erkrankungen und zu 94 Prozent vor Krankenhausaufenthalten.

In der Tabelle der Delta-Infizierten werden keine weiteren Faktoren - wie Alter oder eventuelle Vorerkrankungen - aufgeführt, die Einfluss auf die Sterblichkeitsrate haben könnten. Vor allem zu Beginn der Impfkampagne wurden in Großbritannien vorwiegend ältere und vorerkrankte Menschen geimpft, die allgemein ein höheres Risiko für schwere Corona-Verläufe oder den Tod haben. Sie sind - wie alle anderen - trotz Impfung nicht zu 100 Prozent vor einer Erkrankung oder einem tödlichen Verlauf geschützt.

Impfung bietet nie einen hundertprozentigen Schutz - doch Behauptung zu Sterblichkeit ist falsch

Bereits im März 2021 zeigte eine Modellrechnung britischer Wissenschaftler auf, dass auch Geimpfte erkranken und sterben können, wenn die Inzidenz trotz hoher Durchimpfungsrate hoch ist. Das heißt nicht, dass die Impfstoffe unwirksam sind oder gar die Krankheit auslösen - sondern lediglich, dass Impfungen keinen 100-prozentigen Schutz bieten, wie die dpa in einem Faktencheck gezeigt hat.

Die Autoren des Artikels lassen völlig außer Acht, dass die Impfquote in England stetig steigt. Am 14. Juni 2021 waren in England mehr als 25 Millionen Menschen zweifach geimpft, rund 10 Millionen hatten eine Impfung erhalten. In England leben gut 56 Millionen Menschen, also war ein gutes Drittel der Bevölkerung gar nicht geimpft – trotzdem ist ihr Anteil unter den Delta-Infizierten deutlich höher.

Dasselbe gilt für die Rechnung, die die Verfasser bei der Anzahl der Hospitalisierungen machen. Die Zahlen sind zwar richtig - 84 von 4087 zweifach Geimpften, die sich infizierten, kamen ins Krankenhaus, und 527 von 35.521 infizierten Ungeimpften. Aber die Schlussfolgerung ist falsch – es bleibt unerwähnt, dass das Risiko, sich überhaupt zu infizieren, ohne Corona-Impfung wesentlich höher ist als mit.

Das PHE veröffentlichte inzwischen aktuellere Zahlen, die zumindest grob nach Altersgruppen unterscheiden. Sie zeigen, dass die Todesfälle bei den Menschen mit zweifacher Corona-Impfung fast ausschließlich in der Gruppe ab einem Alter von 50 Jahren auftreten: Von 118 zweifach geimpften Delta-Toten zwischen dem 1. Februar 2021 und dem 21. Juni 2021 waren nur zwei unter fünfzig. Bei der Gruppe der Menschen ohne Impfschutz starben 21, die unter 50 Jahre alt waren, an der Delta-Variante, und 71 im Alter über 50.

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