Indien wird  zum Hotspot der Corona-Pandemie:  Am Freitag (23. April 2021) meldeten die Gesundheitsämter des Landes 332.730 Neuinfektionen - so viele wie nie zuvor in irgendeinem Land der Welt. Ein Grund dafür ist wohl die neue "Doppel-Mutante" B.1.617. 

Auch in Deutschland wurde die Variante in den vergangenen Wochen mehrfach nachgewiesen. Über die Ansteckungsgefahr der Variante ist bislang wenig bekannt. Unklar ist auch, wie gut die bislang zugelassenen Impfstoffe dagegen schützen. 

WHO schlägt Alarm: B.1.617- Das macht die "Doppel-Mutante" besonders

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde die neue Variante bereits als "Variant of interest" eingestuft.  Die Besonderheit der neuen Variante sind die beiden Mutationen im Spike-Protein: Wie das RKI schreibt, zeichnet sich die B.1.617 "durch zwei Aminosäureaustausche im viralen Spike Protein aus."

Konkret handelt es sich um die Mutationen E484Q und L452R, die bereits aus anderen Virus-Varianten bekannt sind. Sie werden "mit einer reduzierten Wirksamkeit der humoralen bzw. zellulären Immunantwort in Verbindung gebracht", erklärt das Robert-Koch-Institut. Zudem gibt es "Hinweise" auf eine erhöhte Übertragbarkeit.

B.1.617 womöglich ansteckender als "Wildtyp"

Dass die neue Variante tatsächlich ansteckender als der"Wildtyp" von SARS-CoV-2 ist, gilt als wahrscheinlich. In Indien, wo sich B.1.617 aktuell am stärksten ausbreitet, sind die Gründe für den rasanten Anstieg jedoch vielfältig und gehen auch auf mangelnde Gegenmaßnahmen zurück. 

Da die Variante bereits im vergangenen Jahr auftauchte, gilt es als wahrscheinlich, dass B.1.617 nicht ansteckender als etwa die britische Variante B.1.1.7 ist. "Wenn es die Welle in Indien antreibt, hat es mehrere Monate gedauert, bis dieser Punkt erreicht ist, was darauf hindeutet, dass es wahrscheinlich weniger ansteckend ist als die britische B.1.1.7-Variante", meint Dr. Jeffrey Barrett, Direktor der Covid-19 Genomics Initiative am Wellcome Sanger Institut.

Ein Grund für den plötzlich hohen Anteil der Variante könnte auch die vermehrte Test-Sequenzierung sein.  Bei einer geringen Sequenzierung lässt sich schwer ausmachen, wie weit verbreitet eine Virus-Variante ist. "Der plötzliche Anstieg der B.1.617-Fälle kann also auch damit zusammenhängen, dass nun mehr untersucht wird", schreibt das ZDF.

Wie wirken Impfstoffe gegen die Variante? 

Um den Impferfolg hierzulande vor den Corona-Mutanten zu schützen, ist für Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) die Sequenzierung von Stichproben "ein Muss", wie er über Twitter schrieb. Wie gut die bisher zugelassenen Impfstoffe gegen B.1.617 schützen, ist bislang ungeklärt. 

Problematisch an der Variante ist, dass sie der Immunantwort des Körpers entkommt. Vieles deutet darauf hin, dass sich auch geimpfte Menschen mit der neuen Mutante anstecken können. Gerade in Ländern mit einem hohen Anteil geimpfter Personen ist eine weite Verbreitung denkbar: Dort habe "eine solche Immune-Escape-Variante gute Voraussetzungen. Es kann dazu kommen, dass sich solche Varianten durchzusetzen beginnen", wird der Virologe Christian Drosten in Zeit Online zitiert. 

Außerdem fordert Karl Lauterbach bei einer 7-Tage-Inzidenz von 100 nicht sofort alles zu öffnen: "Wenn wir eine Inzidenz von 100 herum pendeln, laden wir Mutationen nach Deutschland geradezu ein." In Großbritannien breite sich die indische Variante wegen der niedrigen Inzidenz nur sehr langsam aus, hierzulande "könnte sich das B.1.1.7 Fiasko der dritten Welle wiederholen", so Lauterbach.

Bislang 21 Fälle in Deutschland - Spahn äußert sich

Laut den Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe man die neue Variante in Deutschland fachlich und politisch im Blick. Bei "entsprechender Erkenntnislage" seien Maßnahmen wie die Einstufung Indiens und möglicherweise anderer Länder als Virusvariantengebiet nicht ausgeschlossen, sagte der CDU-Politiker am Freitag in Berlin. Er verwies auch auf die engen Bande zwischen Indien und Großbritannien. Als Virusvariantengebiet sind derzeit unter anderem Südafrika und Brasilien ausgewiesen, wo jeweils als besorgniserregend eingestufte Varianten des Coronavirus kursieren.

RKI-Vizechef Lars Schaade sagte, es sei denkbar, "dass uns die Variante vor neue Herausforderungen stellt". Aber die Belege seien noch nicht da. "Wir müssen da hinschauen, Warnungen müssen ernst genommen werden." Es gehe auch darum, die weitere Einschleppung der Variante nach Deutschland zu vermeiden. Die Zahl der bisherigen Nachweise liegt bei 21, wie das RKI bereits in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht geschrieben hatte. "Wir sehen im Moment noch keine Tendenz zur großen Verbreitung innerhalb von Deutschland. Aber wir haben das im Blick", betonte Schaade.