Ende April gab es die ersten Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Schon zu dieser Zeit warnte der Virologe Christian Drosten vor einer zweiten Infektionswelle. Auch wenn Drosten seine Aussagen inzwischen ein wenig korrigiert hat, Einigkeit zwischen den Experten scheint dahingehend nicht zu herrschen.

Ein anderer prominenter Virologe, Hendrick Streeck, äußerte in einem Interview mit dem General Anzeiger Bonn (GA), dass er nicht mit einer zweiten Weller rechne. Streeck ist Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn.

"Heinsberg habe ich als Chance begriffen": Virologe Streeck gibt Einschätzung zur Corona-Pandemie

Streeck leitete die Heinsberg Studie. Dabei wurde ein Ausbruch in einem Corona-Hotspot genauer untersucht. Aus der Gemeinde Gangelt wurden 919 Menschen aus 405 Haushalten getestet. Erstmals wurde dabei die Dunkelziffer der Infektionen herausgefunden. Das Ergebnis: 15,5 Prozent aller Getesteten hatten bereits Antikörper gegen das Coronavirus - ein Zeichen dafür, dass sie schon mit dem Virus infiziert waren. Das sind laut quarks.de fünfmal mehr als durch bisherige Test bekannt war.

Allerdings sei die Altersverteilung bei der Studie nicht repräsentativ gewesen. Es wurden überdurchschnittliche viele alte Menschen und verhältnismäßig wenig Kinder getestet. Außerdem sind Antikörpertest nicht zu hundert Prozent genau und die Ergebnisse der Studie lassen sich nicht auf ganz Deutschland übertragen.

Streeck sagt im Interview mit dem GA, dass er die Studie als Chance gesehen habe. So hätte er die sehr schweren Fälle, aber eben auch die milden Verläufe der Krankheit Covid-19 sehen können.

Mehr oder weniger auf Corona testen? "Das hängt vom Ziel ab"

Momentan würde sehr wenig getestet, sagt Streeck. Ob das gut oder schlecht sei, hänge vom Ziel ab: "Wenn man versuchen will, das Virus komplett einzudämmen oder auszutreiben, müsste man sehr viel offensiver testen und jede Infektionskette unterbinden." Um Krankenhauskapazitäten nicht zu überlasten, sollte man nur die testen, die tatsächlich Symptome zeigen.

Momentan habe man kein konkretes Ziel, was Corona anginge. Wenn das Virus bei uns heimisch werden und immer in den kälteren Jahreszeiten vermehrt auftreten würde, wäre es eventuell sinnvoller, eine Teilimmunität zu erreichen. Streeck geht auch tatsächlich von einem Infektionsanstieg im Herbst aus.

Dennoch rechnet Streeck nicht - wie Drosten - mit einer zweiten Welle, die Deutschland überrollen wird. Was er für viel wahrscheinlicher hält, sind "Hotspot-Ausbrüche". Also örtlich begrenzte Anstiege von Infektionen, die dann von den zuständigen Gesundheitsämtern eingedämmt werden.

Die beste Kenngröße für die Einschätzung der Corona-Pandemie laut Streeck: Intensivbetten

Für Streeck ist die Entscheidung, ob die Lockdown-Maßnahmen aufgehoben werden sollte, nicht nur eine Entscheidung aus Virologen-Sicht. Viel mehr spielten gesellschaftliche, soziale, psychologische, hygienische und wirtschaftliche Faktoren hinein.

Auch der R-Wert sei nur bedingt aussagekräftig. Bisher sollte der R-Wert möglichst unter 1 bleiben. Doch laut Streeck ist der R-Wert auch immer abhängig von der Anzahl der Test. Würde mehr getestet, würde auch der R-Wert steigen.

"Die beste Kenngröße sind die Intensivbetten, denn um die geht es am Ende." Für den Bonner Virologen ist es das sinnvollste, herauszufinden, welche Intensivkapazitäten vorhanden sind und sich danach zu richten. Doch das Problem ist, dass Covid-19 nach einer Infektion erst nach zwei Wochen ausbrechen kann. "Dadurch sehen wir nicht sofort, wann wir an unsere Belastungsgrenze kommen". Zur Einschätzung benötige man eine Kenngröße, die es noch nicht gibt. Beispielsweise "das Verhältnis der gemessenen Fälle durch Stichproben zur Intensivkapazität".

"Wir können das Virus nicht austreiben, dafür ist es zu spät", betont Streeck. Man solle nun mehr nach Strategien und Möglichkeiten suchen, mit dem Virus zu leben.