Der Umgang mit dem Coronavirus ist kompliziert. Während etwa in China frühzeitig versucht wurde, das öffentliche Leben einzuschränken, ist in den Niederlanden oder in Großbritannien lange Zeit nicht effektiv dagegen vorgegangen worden.

Ein Erklärungsansatz für dieses Phänomen ist, dass unterschiedliche Strategien der Virusbekämpfung verfolgt wurden. Mittlerweile haben aber die meisten Länder weltweit eine ähnliche Vorgehensweise: Die Ausbreitung des Virus soll verlangsamt werden, indem das gesellschaftliche Leben so gut es geht zurückgefahren wird. Doch warum hat das Prinzip der Herdenimmunität bisher nicht funktioniert - und gibt es vielleicht sogar die Hoffnung, dass das in Zukunft wirksam ist?

Coronavirus: Was ist Herdenimmunität?

Die "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" erklärt Herdenimmunität wie folgt: Grundsätzlich können viele ansteckende Krankheiten durch Impfungen eingedämmt werden. Ist ein Mensch also gegen etwas geimpft, so ist dessen Immunsystem auf die Krankheit eingestellt und kommt, solange die Impfung nicht verfällt, auch nicht als weiterer Überträger in Frage. Natürlich gibt es auch Menschen wie Babys oder chronisch Kranke, bei denen eine Impfung nicht möglich ist. Doch gerade in diesem Fall ist es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich immun gegen eine Krankheit sind - denn je weniger Personen das Virus übertragen können, desto geringer ist auch die Gefahr, dass sich ungeschützte Menschen daran anstecken.

Herdenimmunität heißt also, dass durch die Immunität vieler Menschen gegen eine Krankheit die Ausbreitung und Ansteckungsgefahr reduziert werden kann. Mit diesem Prinzip können Krankheiten teilweise komplett verhindert werden. Betrachtet man das am Beispiel der Masern, dann lässt sich sagen, dass eine Ausbreitung verhindert werden kann, wenn 95 Prozent der Bevölkerung geschützt ist. So werden durch die Herdenimmunität  zum Beispiel Säuglinge geschützt, die für eine Impfung noch zu jung sind. Übrigens: Anfang März 2020 ist in Deutschland eine Masern-Impfpflicht eingeführt worden. Doch sowohl viele Eltern als auch Ärzte sind gegen das Gesetz - warum, das lesen Sie hier.

Markus Knuf, Kinder- und Jugendarzt aus Wiesbaden, erklärt bei n-tv, dass unter Herdenimmunität der Anteil von Menschen verstanden werde, "die durch eine Immunität in einer Population geschützt sind und dann nicht erkranken können. Der Schutz kann erworben werden durch das Durchmachen der Erkrankung oder durch eine Impfung." Weiterhin gibt er zu verstehen, dass dies in zwei Schritten passiere. Hat eine Person demnach die Krankheit durchgemacht, so entsteht eine Immunität. "Und wenn die ganze Bevölkerung die Erkrankung durchgemacht hat, dann hat ein Erreger keine Chance mehr, die Herde, die Bevölkerung zu erreichen, weil ja alle geschützt sind."

Warum funktioniert das Prinzip der Herdenimmunität nicht bei dem Coronavirus?

Dass das Prinzip der Herdenimmunität momentan noch keine Alternative im Kampf gegen das Coronavirus ist, lässt sich an mehreren Punkten festmachen. Gut verdeutlichen lässt sich das am Beispiel von Großbritannien, wie National Geographic berichtet. Man habe zu Beginn der Ausbreitung versucht, eine Herdenimmunität aufzubauen. Das Ziel sei es gewesen, dass Menschen, bei welchen lediglich milde Symptome auftreten werden, immun gegen das Virus würden. So äußerte sich der oberste wissenschaftliche Berater der britischen Regierung, Sir Patrick Vallance, Mitte März.

Grundsätzlich hätte diese Strategie durchaus funktionieren können - würden mit Covid-19 nicht solch große Risiken einhergehen. Da sich aber durch die schnelle Verbreitung enorm viele Menschen anstecken, kommt es logischerweise auch zu mehr schwerwiegenden Fällen. Das hat eine Überlastung des Gesundheitssystems zur Folge. Somit ist das Aufbauen einer Herdenimmunität nach aktuellem Stand höchstens eine Lösung für die Zukunft.

Wird noch einmal das Beispiel der Masern betrachtet, fällt auf, dass etwa 30 Prozent der Erkrankungen Komplikationen nach sich ziehen - diese reichen von Krampfanfällen über Lungenentzündungen bis hin zum Tod. Auch weil das Coronavirus noch nicht ausreichend erforscht ist, macht es momentan mehr Sinn, auf einen wirksamen Impfstoff zu warten, als einen Großteil der Bevölkerung dem Risiko einer Covid-19 Infektion auszusetzen. Würde das Vorgehen so aussehen, dass eine Immunität der Gesamtbevölkerung dadurch erreicht wird, diese auf natürlichem Wege der Infektion auszusetzen, so würden dadurch schwere Krankheitsverläufe und vermeidbare Tode riskiert werden.

Das hat auch damit zu tun, weil noch gar nicht klar ist, ob einmalig an dem neuartigen Coronavirus Erkrankte auch in zukünftig immun gegen das Virus seien. Dem Deutschlandfunk zufolge gibt es Berichte über Menschen, die nach einer Genesung erneut an dem Virus erkrankt seien. Fraglich sei dabei jedoch, ob die Betroffenen das Virus tatsächlich los waren, oder ob das Virus nicht trotzdem unbemerkt weiter ausgeschieden wurde. So oder so ist der aktuelle Stand der Forschung noch nicht so weit, um tatsächlich ausschließen zu können, dass sich genesene Menschen erneut mit dem Virus infizieren können - theoretisch denkbar sei dies aber allemal.

Etwa 60 Prozent der Bevölkerung müssten gegen das Coronavirus immun sein

Wichtig ist auch zu erwähnen, dass das Prinzip einer Herdenimmunität nicht funktioniert, wenn nur ein Bruchteil der Bevölkerung immun ist. Folgt man der Argumentation von National Geographic, kommt es auf den jeweiligen Erreger und die damit verbundene Ansteckungsrate an, welcher Anteil der Bevölkerung immun sein müsse. Geht man nun davon aus, dass jede mit dem Coronavirus infizierte Person im Schnitt zwei bis drei weitere Personen ansteckt, wäre eine Herdenimmunität gegen Covid-19 dann erreicht, wenn etwa 60 Prozent der Bevölkerung immun sind.

Für die Zukunft ist die Idee einer Herdenimmunität sicherlich zielführend. Jedoch kommt es darauf an, dass sich vorerst die Ausbreitung verlangsamt, um die Gesundheitssysteme nicht zu überlasten. Nach effektiven Testverfahren, die eine vollständige Immunität nachweisen können, wird weiterhin geforscht. Sobald ein Wirkstoff gegen Covid-19 entwickelt wurde, kann bei richtiger Vorgehensweise durchaus eine Herdenimmunität erreicht werden - noch ist der wissenschaftliche Fortschritt in diese Richtung aber nicht weit genug.