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Coronavirus, Pest, Cholera: Reiner Zufall? Gibt es alle 100 Jahre eine Pandemie?

Pest, Cholera, Spanische Grippe und nun das Coronavirus. Diese Krankheiten können auch als Pandemien bezeichnet werden - was scheinbar zusätzlich auffällt, ist der zeitliche Abstand zwischen den jeweiligen Geschehnissen. Gibt es etwa alle 100 Jahre eine Pandemie? inFranken.de klärt auf.
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Das Coronavirus ist nur eine von vielen Pandemien. Gibt es mit anderen Krankheiten einen zeitlichen Zusammenhang? Symbolfoto: Tumisu/pixabay.com

Es sind Jahreszahlen, die sich scheinbar auf erstaunliche Weise gleichen: Im Jahr 1720 die Pest, 1820 die Cholera, 1920 folgt die Spanische Grippe - und nun 2020 das neuartige Coronavirus. Die Folgen von Covid-19 sind noch lange nicht abzusehen - alle aktuellen Informationen gibt es übrigens hier im Live-Ticker.

Wird die Welt tatsächlich alle 100 Jahre von einer Pandemie heimgesucht? Das wird zumindest in sozialen Medien vorgerechnet. Frühere Pandemien und einige damals getroffene Maßnahmen können mit der heutigen Situation verglichen werden. Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven, Professor der Uni Erlangen-Nürnberg, wirft einen Blick auf die Behauptungen.

Viele geschichtliche Beispiele im Umgang mit Seuchen

Eine ansteckende Krankheit breitet sich aus, eingeschleppt von Reisenden aus Asien. Als eine der ersten ist die Hafenstadt Venedig in Norditalien betroffen. Schon bald erlassen die Stadtoberen Quarantäne-Maßnahmen und riegeln den Zustrom von Fremden und Händlern ab. Was womöglich klingen mag wie ein Szenario aus der aktuellen Corona-Pandemie, ist tatsächlich aber ein Rückblick auf die Pest im 14. Jahrhundert. Kaum eine andere Seuche hat in der Geschichte so viel Angst und Schrecken ausgelöst wie der "Schwarze Tod" und in Europa zig Millionen Menschen dahingerafft.

"Mit Seuchenbedrohungen hat man in der Geschichte bis in unsere eigene Gegenwart immer wieder zu tun gehabt", sagt der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven. Die Pest, die durch ein Bakterium ausgelöst wird, und das neue Coronavirus lassen sich zwar medizinisch nicht vergleichen. Doch die Geschichte biete ein "Reservoir von Beispielen" im Umgang der Gesellschaften mit Seuchen, erklärt der Professor der Universität Erlangen-Nürnberg.

So war etwa die Bekämpfung der Pest einer der Startpunkte für den Ausbau eines öffentlichen Gesundheitswesens in Europa. "Die Seestädte im Mittelmeer haben, unmittelbar als der Schwarze Tod 1347 aus dem Orient mit Schiffen eingeschleppt wurde, gar nicht reagieren können", erklärt Leven. Todesraten von 30 bis 40 Prozent seien die Folge gewesen. Doch bei Epidemien in den Folgejahren entwickelten Städte wie Florenz, Venedig und Marseille Gegenmaßnahmen: Etwa wurden Waren und Reisende auf vorgelagerten Inseln eine Zeit lang in Obhut genommen. Die Dauer der Internierung variierte, häufig waren es um 40 Tage Quarantäne - abgeleitet von dem französischen Wort "quarante" für die Zahl 40.

Quarantäne als Vorsorge

Häuser wurden versiegelt und Kranke in spezielle Pest-Lazarette gebracht. "Auch dort bestand also so eine Art Ausgangssperre wie heute, bei der die Leute zuhause blieben und das öffentliche Leben erstarrte - wenngleich die Umstände andere waren", sagt Leven. Unmut regte sich über solche Einschränkungen bei der Kirche und der Wirtschaft.

Doch auch Solidarität und Hilfsbereitschaft wurden in Krisenzeiten gelebt. Leven erinnert etwa an den Mailänder Erzbischof Carlo Borromeo, der bei einer späteren Pest im 16. Jahrhundert die Kranken und unter Quarantäne Stehenden aufrief, die Messe von ihren Fenstern aus zu verfolgen. "Heute sehen wir die Bilder aus Italien, die zeigen, wie Menschen auf ihren Balkonen stehen und singen. Das ist quasi die säkulare Form der damals eingeführten Messen", sagt Leven.

Auch während der Cholera in Hamburg 1892 war Solidarität zu beobachten. "Es gab Bürgerkomitees, die die Gesundheitsfürsorge in die Hand nahmen", sagt der Direktor des Medizinhistorischen Museums der Hansestadt und Professor Philipp Osten. "Die haben Desinfektionskolonnen organisiert und abgekochtes Trinkwasser ausgegeben."

Aufklärung und Transparenz als Gebot der Stunde

Auch Gerüchte und Verschwörungstheorien kennt die Seuchengeschichte zur Genüge. Aufklärung und Transparenz sehen Historiker daher als wichtige Lehren. Beispiel Spanische Grippe, die Schätzungen zufolge im März 1918 zwischen 25 und 50 Millionen Menschen das Leben kostete. "Das Bagatellisieren oder das Wegschauen und Verleugnen einer Seuchengefahr ist ein Problem", sagt der Medizinhistoriker Volker Roelcke. Berichte zeigten, dass die zuständigen Behörden die Gefahr in Amerika, wo die Grippe ausbrach, zunächst ignorierten.

"Erst zwei, drei Monate später, als es eine größere Zahl von Betroffenen gab, haben die Behörden reagiert - aber nicht davon abgesehen, zum Beispiel amerikanische Soldaten nach Europa zu schicken", erklärt der Professor der Universität Gießen.

Und auch die "soziale Distanz" feierte während der Spanischen Grippe schon erste Erfolge. In St. Louis kam es nach Angaben des Münchner Historikers Nicolai Hannig zu Schulschließungen und Isolationen. Eine US-Studie belegte später: Während dort die Zahl der Infizierten nur langsam anstieg, schnellten in Philadelphia, wo es selbst nach den ersten Fällen noch öffentliche Paraden gab, die Zahlen in die Höhe.

Die Vorsorgemaßnahmen, die man damals ergriffen hat, sind recht vergleichbar mit unseren heutigen, sagt Hannig, der zur Geschichte von Naturkatastrophen und ihrer Bewältigung forscht. Er plädiert allerdings dafür, künftig noch genauer auf Probleme zu achten, die erst aus der Vorsorge entstehen - etwa die langfristigen Folgen von Quarantäne und Kontaktverboten für Wirtschaft und Gesellschaft.

Gibt es alle 100 Jahre eine Pandemie?

Nachdem nun einige Gemeinsamkeiten vergangener Pandemien und Seuchen mit dem neuartigen Coronavirus genannt wurden, lässt sich noch einmal auf die interessierende Frage blicken: Wird die Welt alle 100 Jahre von einer Pandemie verwüstet? Im Internet ist die Behauptung zu finden, dass Pandemien in einem 100-jährigen Rhythmus auftreten. Bei der Bewertung dieser Aussage fällt Folgendes auf: Der Abstand der genannten Infektionen entspricht nur ungefähr 100 Jahren. Zudem ist die Auswahl vollkommen willkürlich. Andere verheerende Seuchen fallen unter den Tisch, um den Anschein eines 100-Jahre-Rhythmus zu erwecken.

Der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven wirft einen Blick auf die Fakten und ist angesichts der 100-Jahre-Theorie skeptisch. "Zwischen den Pandemien traten noch viele weitere Epidemien auf, die hier unterschlagen werden", sagte der Professor der Uni Erlangen-Nürnberg auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Etwa fehlt die Asiatische Grippe. Auch weitere Pandemien wie die Pocken oder Tuberkulose werden nicht genannt.

Dass einige Pandemien zudem im Abstand von circa 100 Jahren auftreten, stimme nur auf den ersten Blick, erklärte Leven. Die erste Cholera-Pandemie datiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf 1817 und nicht auf 1820. Die Spanische Grippe verbreitete sich schon ab 1918 und der Ausbruch des neuartigen Coronavirus begann bereits 2019 in China. "Das heißt, der Ansatz des 100-jährigen Rhythmus ist von Anfang an verfehlt, ungenau und völlig willkürlich. Er erklärt überhaupt nichts", so Leven.