Lange war unklar, ob sich ein ungeborenes Baby im Mutterleib mit Covid-19 infizieren kann. Frühere Untersuchungen hatten bereits darauf hingewiesen. Nun haben Ärzte in Frankreich nachgewiesen, dass sich das Coronavirus in der späten Phase einer Schwangerschaft von der Mutter auf ihr Neugeborenes übertragen kann, wie das ZDF berichtet. Am Dienstag wurde die Fallstudie im Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht.

Eine schwangere 23-Jährige wurde im März mit Fieber und schwerem Husten in das Antoine Béclère Krankenhaus nahe Paris gebracht. Die Schwangerschaft war bis zur 35. Woche normal verlaufen. In der Klinik konnte dann das Coronavirus festgestellt werden. 

Coronavirus kann sich auf ungeborenes Baby übertragen: Viruslast in Plazenta am höchsten

Der Junge musste per Kaiserschnitt geholt werden, weil sich die Herztöne des Kindes verschlechterten. Die Ärzte entnahmen während dem Eingriff Proben von der Plazenta, dem Fruchtwasser, dem Blut sowie aus Nasen und Rachen der Mutter und des Babys. Das Ergebnis war eindeutig: Die Viruslast war in der Plazenta am höchsten.

Die Infektion nach der Geburt schließen die Ärzte aus. Sie brachten den Jungen direkt getrennt von der Mutter unter. Die positiv getestete Lungenflüssigkeit des Babys war zudem ein Indiz für eine Übertragung im Mutterleib, weiß Mario Rüdiger, Leiter Neonatalogie und Pädiatrische Intensivmedizin vom Uniklinikum Dresden. "Die Lungenflüssigkeit bildet sich bei Kindern vor der Geburt - bei dem Jungen ist eine Virus-Übertragung nach der Geburt daher auszuschließen", erklärt Rüdiger.

Die Symptome des Jungen waren schwer. Er bekam Hirnschwellungen, versteifte Muskeln und neurologische Symptome, wie sie auch bei Infizierten Erwachsenen auftreten. Bevor der Arzt mit der Behandlung beginnen konnte, klangen die Symptome allerdings wieder ab. Das Kind erholte sich bereits nach drei Wochen, die Mutter war nach drei Monaten symptomfrei.

Corona-Übertragung vor der Geburt nachgewiesen

Rüdiger bestätigte, dass das Team aus Frankreich nun den ersten methodisch einwandfreien durchgeführten Nachweis für eine Corona-Übertragung vor der Geburt erbracht habe. Auch der Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Professor Frank Louwen, erklärt, dass sich alles von Mutter und Baby austauschen könne - viel größere Moleküle und Zellstrukturen als kleine Viren. Deswegen könne natürlich auch das Virus in dem Säugling gefunden werden. 

Die Zahlen deuten allerdings darauf hin, dass eine Übertragung im Mutterleib, in Verbindung mit einem schweren Verlauf, selten ist. Laut Louwen haben Schwangere kein höheres Risiko infiziert zu werden und auch kein höheres Risiko bei einer Infektion Komplikationen zu entwickeln. Und wenn Komplikationen auftreten, seien diese gut behandelbar. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC wies jedoch vor Kurzem daraufhin, dass Schwangere einen schwereren Krankheitsverlauf haben könnten als Nicht-Schwangere. Vieles sei aber auch noch nicht erforscht.

Die Mutter, mit der dieser Nachweis erbracht wurde, hatte sich im letzten Schwangerschaftsdrittel mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Daher weiß man weiterhin nicht, wie sich eine Infektion auf das frühere Stadium der Schwangerschaft auswirkt. Die Universität in Erlangen führt dazu eine Studie mit 2400 Schwangeren durch. In der soll es primär um die ersten Schwangerschaftswochen gehen. 

Frank Louwen betont, dass Schwangere aber in der Regel seltener mit Covid-19 infiziert wären. Nicht weil sie schwanger sind, aber weil sie besonders auf sich und ihr Baby aufpassen. Lesen Sie auch: Coronavirus in Muttermilch - sind Babys in Gefahr?