"Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben - und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann", sagte Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer Ende April im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Die meisten Corona-Toten sind bereits älter oder haben Vorerkrankungen, daher Palmers Logik: Wieso Menschen retten, die in einem halben Jahr sowieso sterben? Eine Studie aus Schottland zeigt nun, dass der Grünen-Politiker damit falsch liegt.

Die Universität Glasgow und die schottische Gesundheitsbehörde führte eine Studie durch, um die eigentliche Lebenserwartung von Corona-Opfern zu untersuchen. Die Forscher verglichen dazu Daten der "WHO" zur durchschnittlichen Lebenserwartung verschiedener Altersgruppen, Alter und Geschlecht von Corona-Toten in Italien und die Lebenserwartung von Vorerkrankten aus Großbritannien, um deren verbleibende Lebensdauer abzuschätzen.

Corona-Infektion kann Erkrankte über ein Jahrzehnt ihrer Lebenszeit kosten

Besonders Patienten mit Erkrankungen an Herz, Lunge, Nieren oder Leber wurde dabei betrachtet, aber auch Bluthochdruck, Diabetes, Demenz, Krebs oder Schlaganfälle wurde miteinbezogen. Die Daten aus Italien zeigten beispielsweise Bluthochdruck als häufigste Vorerkrankung bei Corona-Toten: 73 Prozent waren davon betroffen. Diabetiker waren mit 31 Prozent die zweitgrößte Gruppe, knapp dahinter Patienten mit Herzerkrankung mit 28 Prozent.

Das Ergebnis: Die weiblichen Corona-Opfer hätten noch 11 Jahre zu Leben gehabt, die männlichen sogar 13 Jahre - deutlich mehr als ein halbes Jahr.

Die schottische Forscher weisen allerdings daraufhin, dass Faktoren wie der Zustand der Gesundheitsversorgung im jeweiligen Land und das Verhalten der einzelnen Patienten nicht berücksichtigt wurden. Sie könnten aber durchaus Einfluss auf die Überlebenschancen der Corona-Erkrankten haben. Die Studie hat ebenso nicht miteinbezogen, ob die Menschen übergewichtig oder Raucher waren, was sich bekanntermaßen auch auf die Lebensdauer auswirken kann. 

Corona kann auch bei jungen, gesunden Menschen tödlich sein

Die Autoren der Studie weisen außerdem daraufhin, dass eine Vorerkrankung nicht automatisch bedeutet, dass man früher stirbt. Auf der anderen Seite kann die Krankheit aber auch bei gesunden oder jüngeren Menschen tödlich verlaufen.

Fest steht jedoch: Auch ältere oder vorerkrankte Corona-Opfer verlieren durch das Virus wertvolle Lebenszeit.