Zu den momentanen Corona-Lockerungen gibt es viele Meinungen und Spekulationen. Welche Auswirkungen sie mit sich bringen, kann zum jetzigen Zeitpunkt kaum seriös bewertet werden. Ein Forschungsteam der Friedrich Alexander Universität (FAU) Erlangen hat sich aber schon jetzt mit der Frage beschäftigt, wie man die Einschränkungen kontrolliert auflösen kann - und spannende Szenarien dazu entwickelt.

Unter der Leitung von Reinhard German hat ein Team des Lehrstuhls Informatik zwei Simulationsmodelle entwickelt. Hier wurden detailliert mögliche Verläufe der Corona-Pandemie entwickelt, um so die möglichen Auswirkungen von Lockerungsmaßnahmen zu erkennen.

Lockerung der Corona-Beschränkungen: Zwei Simulationsmodelle

"Das erste Modell basiert auf systemdynamischen Berechnungen und nutzt im Wesentlichen Kenngrößen wie Basisreproduktionszahl, Inkubationszeit und Schweregrad des Krankheitsverlaufs, die auch vom Robert-Koch-Institut verwendet werden", erklärt German die Vorgehensweise der Forscher. Die zweite Simulation sei agentenbasiert. Man beobachte dabei unterschiedliche Individuen und treffe Aussagen über deren Verhalten. Hier wird simuliert, dass sich Menschen bei Treffen, Freizeitaktivitäten, am Arbeitsplatz oder bei einem Krankenhausaufenthalt anstecken.

Durch die Forschungen konnte das Team die Vorhersage des Robert-Koch-Instituts für den Verlauf der Pandemie unter den gleichen Annahmen bestätigen. Wenn unter diesen Annahmen der Lockdown demnächst vollständig aufgehoben würde und es keine kontaktreduzierenden Maßnahmen mehr  geben sollte, dann würde das deutsche Gesundheitssystem es wahrscheinlich nicht verkraften.

"Bei diesem Szenario wäre der Peak nur zeitlich verschoben. Wir müssten uns in der Spitze auf bis zu 400.000 Intensivpatienten einstellen und mit vielen unkontrollierten  Todesfällen rechnen", sagt German. Selbst durch Tragen eines Mund-Nase-Schutzes wäre die Situation immer noch bedrohlich, laut dem Leiter des Forschungsteams.

Ohne Impfstoff: Wiederholende Kontaktbeschränkungen bis März 2023 möglich

Die Informatiker gehen nach ihren Untersuchungen davon aus, dass bis März 2023 immer wieder Kontaktreduzierungen nötig sein könnten. So würde man eine Überlastung des Gesundheitssystems umgehen.
Das wäre laut German ein Kompromiss bis eine Herdenimmunität erreicht wäre. "Wenn davor ein Impfstoff zu Verfügung steht, kann diese Zeit verkürzt werden."

Momentan sind die Modelle der FAU die einzigen, die auch die Wirkung von Antikörpertests berücksichtigen. Wenn man davon ausgeht, dass bereits Infizierte Antikörper und damit eine Immunität entwickeln, können Kontakteinschränkungen aufgehoben werden. Das ist besonders wichtig für geschwächte Menschen und diejenigen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten. "Bereits 50.000 Antikörpertests pro Tag in Deutschland würden insgesamt 4,4 Millionen Menschen identifizieren, die die Infektion ohne Symptome durchgemacht haben - zusätzlich zu denjenigen, für die dies durch die überstandene Erkrankung bekannt ist. Diese Personen können von der Kontaktreduktion ausgenommen werden", betont German.

"Alle Angaben stehen selbstverständlich unter dem Vorbehalt der bisher noch eingeschränkt bekannten epidemologischen Daten und den Modellannahmen." Außerdem sieht das Forschungsteam in den Tracing-Apps einen möglichen Ansatz, um zu sehen, wer mit einer erkrankten Person Kontakt hatte, als sie noch keine Symptome gezeigt hat. Damit können man Infektionswege und die Dynamik der Pandemie besser nachvollziehen und den Einsatz von Antikörpertests verbessern, sagt German.