Bamberg
Kommentar

Ausnahmezustand beim Bockbieranstich: "Alle stehen nur rum" und trotzdem will jeder hin

In Franken ist die fünfte Jahreszeit eingeläutet. Und die steht ganz klar für Bockbier! Sämtliche Brauereien in Stadt und Land locken zu ihren berüchtigten Bockbieranstichen. Ein Phänomen, das so mancher wohl niemals verstehen wird...
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In Franken ist es die fünfte Jahreszeit. Die Bockbiersaison ist eröffnet und bei den Anstichen tummeln sich die Massen. Foto: Dunja Neupert
In Franken ist es die fünfte Jahreszeit. Die Bockbiersaison ist eröffnet und bei den Anstichen tummeln sich die Massen. Foto: Dunja Neupert
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"So viel Körperkontakt habe ich sonst das ganze Jahr nicht", amüsierte sich meine nicht-fränkische Begleitung und schüttelte mit dem Kopf. Das war vor genau einem Jahr. Im dichten Gedränge bei einem der Bamberger Bockbieranstiche. Er hat es einfach nicht verstanden...

Für viele ist es ein wahres Highlight im Herbst. Manch einer freut sich gar das ganze Jahr schon drauf. Die fünfte Jahreszeit ist eingeläutet. Es ist Bockbierzeit. In der Stadt und im Landkreis Bamberg herrscht an gewissen Tagen Ausnahmezustand. Nämlich dann, wenn wieder eine der vielen Brauereien zu einem Bockbieranstich lädt.

Gedrängel und Geschiebe

"Sollte es nicht um 17 Uhr erst losgehen?", fragte mich meine Begleitung. Ich konnte großes Unverständnis in seinen Augen erkennen. Es war erst 16 Uhr und das Brauereigelände rappelvoll. Als erfahrene Bockbieranstichgängerin habe ich natürlich schon längst durchblickt, dass man besser früher aufkreuzt. Einlassstopp ist bei Bockbieranstichen kein Fremdwort. Und es wäre doch schade, wenn man stundenlang in einer Schlage vor dem Gelände ausharren muss, bis die ersten Betrunkenen hinausstolpern und wieder Platz für den nächsten Schwung Trinkwilliger machen.

Hat man es jedoch in die Bier-Gefilde geschafft, steht einem das große Gedrängel erst bevor. Der Weg zum ersehnten Bierausschank ist länger als zunächst gedacht. Hier ein Schubser, da ein Rempler. Ohne oben erwähnten Körperkontakt geht es nicht. Lange Warteschlangen am Ausschank muss man mit einkalkulieren, ehe man sein ersehntes Hopfenkaltgetränk in den Händen hält. Kein Wunder, dass der ein oder andere gleich zwei Bock auf einmal bestellt. So spart er sich wenigstens eine Runde Schlangestehen.

Bockbier ist süffig, stark und hinterhältig

Bockbier, das sei an dieser Stelle nur ganz kurz erwähnt, ist übrigens Starkbier. Also Bier mit erhöhtem - um nicht gar zu sagen deutlich erhöhtem - Alkoholgehalt. Im Schnitt liegt der bei sieben Prozent. Und das merkt man auch. Auch die Trinkfesten unter euch werden wohl ein Bierchen weniger vertragen, wenn der Krug mit einem süffigen Bockbier gefüllt ist. Süffig ist es nämlich und das macht den Bock, wie er liebevoll abgekürzt wird, so hinterhältig - gar gemein.

Denn während man in geselliger Runde dem Bockbier frönt und den tückischen Alkohol erst gar nicht spürt, kommt es bald schon hart auf hart. Hinterrücks hat sich der Rausch angeschlichen und schon den stärksten Trinker unerwartet außer Gefecht gesetzt. Fragt man einen Bamberger, wie viele Bockbier er so schafft, könnte man das wohl an einer Hand abzählen.

Doch wer jetzt glaubt, außer Bockbier gibt es bei einem Bockbieranstich noch irgendein Zubrot, der irrt. Dem Hauptakteur, dem Bock, stiehlt nichts die Show. "Keine Musik, kein besonderes Essen, alle stehen nur rum", nuschelt meine nicht-fränkische Begleitung und schaut sich ungläubig um. Und er hat schon irgendwie recht. Nüchtern betrachtet ist nicht viel geboten und trotzdem hat man das Gefühl die halbe Stadt ist anwesend und friert sich gemeinsam den Allerwertesten ab. Die Anstiche finden in der Regel im Freien statt - und Herbstabende können schon mal zapfig kalt sein.

Das Brauereigelände ist dessen ungeachtet pickepacke-voll - von jung bis alt, über Männer und Frauen, Anzugträger und Jogginghosenträger ist die Masse bunt gemischt. Auf meinem Streifzug über das Areal treffe ich hier und da ein bekanntes Gesicht. Eine gute Gelegenheit, sich zwischen Bierholen und Toilettengang mit alten und neuen Bekannten kurz auszutauschen. Überall stehen Leute in kleineren oder größeren Grüppchen zusammen, unterhalten sich und trinken ihr Bockbier. Gesellig ist das schon. Und auch wenn es Nicht-Franken wohl niemals verstehen werden, gehe ich dennoch gerne wieder hin. Der nächste Bockbieranstich ruft.



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