KITZINGEN

Die Kitzinger Brauer waren eine Rass' für sich

Kitzingen war bis vor wenigen Jahrzehnten auch eine Stadt der Bierbrauer. Bei der Ausstellung „Hopfen + Malz“ schwärmte Rudolf Kerkel (77) nicht nur vom „Haustrunk“.
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58, Wiesenbronn: Die Ausstellung ist sehr gut gemacht. Die ehemaligen Kitzinger Brauereien werden leicht verständlich und sehr inhaltsreich vorgestellt. Dazu gibt es viele interessante Bilder, Pläne und Illustrationen. Das Ganze ist gut gelungen.
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„Bier verkaufen war fast so schlimm wie Staubsauger verkaufen.“
Rudolf Kerkel ehemaliger Bierbrauer

Kitzingen wurde nicht nur vom Weinhandel geprägt. Bis vor wenigen Jahrzehnten war es auch eine Stadt der Bierbrauer. Rudolf Kerkel kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als die Brauereischlote dampften und der Geruch von frisch gebrautem Bier durch die engen Stadtgassen zog. Insgesamt 15 Jahre arbeitete er für die Kitzinger Bürgerbräu und die Brauerei Kleinschroth. Die Ausstellung „Hopfen + Malz“, die noch bis zum 4. September in der Rathaushalle zu sehen ist, weckt bei dem 77-jährigen viele Erinnerungen.

1956 begann der Kitzinger seine kaufmännische Lehre bei der Bürgerbräu. Sein Lehrherr war Firmenchef Siegfried Heinrich Rockstroh, ein „nobler Mensch“, wie sich Rudolf Kerkel erinnert. Gerne denkt er an die elf Jahre zurück, die er bei der alteingesessenen Brauerei gearbeitet hat. „Der Kontakt zur Unternehmerfamilie war sehr familiär“, erzählt er. Wie alle Brauereien in Kitzingen sei auch die Bürgerbräu ein traditionsbewusster, mittelständischer Familienbetrieb gewesen.

Unternehmer, Angestellte und Arbeiter seien „wie eine große Familie“ gewesen: „Man hat einfach dazu gehört.“

Geselligkeit gepflegt

Die alten Fotos, die die Ausstellungsmacher Klaus D. Christof und Renate Haass für die Ausstellung zusammengetragen haben, spiegeln Kerkels Erinnerungen wider. Unter anderem zeigen sie fröhliche Feiern, Betriebsausflüge und Firmenjubiläen. In den ehemaligen Brauereien wurde nicht nur gemeinsam gearbeitet, sondern auch die Geselligkeit gepflegt. „Abends saß man im Mannschaftsraum beieinander, hat zusammen ein Bier getrunken. Und wenn der Chef gut gelaunt war, hat er a Fässle Bier mitgebracht“, erinnert sich Rudolf Kerkel.

Überhaupt waren die Brauer ein „spezieller Haufen“, eine „Rass? für sich“, wie der 77-Jährige auf gut Fränkisch anführt. Man pflegte einen eigenen Berufsjargon. So wurde der Mannschaftsraum beispielsweise „Schallander“ genannt und der Biersieder, der die Würze im Sudhaus pumpen musste, hieß gemeinhin nur der „Pump auf“. Der Berufsstand genoss zudem hohes Ansehen. „Neben den Metallern waren die Brauer die am besten bezahlten Leute in Kitzingen.

“ Freibier gab?s übrigens nicht nur, wenn der Chef gute Laune hatte. Die Sache war sogar tariflich geregelt: Pro Woche hatte jeder Mitarbeiter 36 Flaschen Bier frei, weitere 36 gab?s für 20 Pfennig pro Flasche – das war der sogenannte „Haustrunk“.

Umkämpfter Biermarkt

Einfach hatten es die kleinen Brauereien auf dem hart umkämpften Biermarkt nicht. Rudolf Kerkel, der nach seiner Lehre bei der Bürgerbräu und später bei der Brauerei Kleinschroth im Vertrieb gearbeitet hat, weiß davon zu berichten. Bis nach Frankfurt und in die Rhön fuhr er, um das Hopfengetränk aus Kitzingen an den Mann zu bringen. „Bier verkaufen war fast so schlimm wie Staubsauger verkaufen“, sagt er. Zwar gab es Gaststätten und Betriebskantinen, die den hiesigen Brauereien über Jahre hinweg treu blieben. Neue Kundschaft war jedoch schwer zu gewinnen. „Im Grunde genommen war der Markt gesättigt. Wenn die Nachfrage größer gewesen wäre, hätten wir noch mehr brauen können“, beschreibt der gelernte Kaufmann die damalige Situation.

Rudolf Kerkel weiß jedoch auch manche lustige Anekdoten aus der Zeit der Kitzinger Brauereien zu berichten. So wie die Geschichte vom Bockbier der Brauerei Carl Lang, die bis Ende der 1950er Jahre in der Herrnstraße – dort, wo heute die Sparkasse zu finden ist – ihren Braubetrieb hatte. „Damals haben die Leute gesagt: Dem Lang sein Doppelbock – der ist der Beste von ganz Kitzingen!“, erzählt er.

Bockbier von nebenan

Wenn er den Ausspruch hörte, musste er oft schmunzeln. Denn das viel gepriesene Bier stammte nicht aus dem Sudkessel der Brauerei Lang, sondern von der Brauerei gegenüber: „Für den Langs Carl hat es sich nicht rentiert, extra einen Sud Bock zu brauen. Deshalb hat er ab und zu bei der Bürgerbräu angerufen und gefragt: Wann füllt Ihr denn wieder einen Bock ab? Dann ist er mit seinem Wägele und 20 bis 30 Bierkästen rübergekommen, hat die leeren Flaschen mit Doppelbock füllen lassen und anschließend sein Brauerei-Etikett drauf? geklebt. Das war der beste Bock von Kitzingen!“

Heute wären solche „Bierbrau-Methoden“ wohl kaum mehr möglich. In den 1950er Jahren war das noch anders. „Damals mussten die Brauereien noch keinen Herkunftsnachweis bringen“, erklärt Kerkel. Inzwischen haben sich nicht nur die Vorschriften geändert – auch die Braubetriebe vor Ort haben ihre Tore geschlossen.

Stadtbild geprägt

Den 77-Jährigen stimmt dies schon ein bisschen traurig. „Die Brauereien haben das Stadtbild und das Wirtschaftsleben unserer Stadt mitgeprägt. Schade, dass sie verschwunden sind“, meint er. Umso mehr freut es ihn, dass sich die Ausstellung des Kulturvereines PAM e.V. der Kitzinger Brautradition widmet und dazu beiträgt, dass dieser Teil der Stadtgeschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Die Ausstellung „Hopfen + Malz“ ist noch bis zum 4. September im Kitzinger Rathaus zu sehen. Sie ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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