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Badeunfälle

Gefährlicher Trend: Viele Kinder in Franken lernen das Schwimmen erst spät oder gar nicht

DLRG, Wasserwacht und auch das Kulmbacher Schulamt berichten, dass viele Kinder erst spät oder gar nicht schwimmen lernen. Vor allem die Eltern sind gefragt.
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Kinder genießen das Wasser im Freibad in Weberstedt (Thüringen). Der Bundeselternrat plädiert für eine länderübergreifende Initiative für mehr Schwimmunterricht.  Frank May, dpa
Kinder genießen das Wasser im Freibad in Weberstedt (Thüringen). Der Bundeselternrat plädiert für eine länderübergreifende Initiative für mehr Schwimmunterricht. Frank May, dpa
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Je weiter die Temperaturen im Sommer nach oben klettern, desto mehr lockt das kühle Nass in Freibädern und Seen die Menschen. Ein paar Runden im Wasser schwimmen - und schon fühlen sich die heißen Temperaturen gar nicht mehr so unerträglich an. Immer wieder mischen sich in das sommerliche Badeglück deutschlandweit aber Schlagzeilen wie diese: "13-Jähriger rettet Kind vor dem Ertrinken", "Junge ertrinkt fast in Schwimmbad", "14-Jährige stirbt nach Badeunfall".

In der Region ertrank erst im vergangenen Sommer im Trebgaster Badesee eine junge Frau. Ende Juli kam es zu einem tödlichen Badeunfall am Brombachsee, wo ein 24-Jähriger nach seiner Rettung verstarb.

Umfrage: Hälfte der Deutschen können schlecht oder gar nicht schwimmen

Eine forsa-Umfrage aus dem Jahr 2017 ergab, dass sich insgesamt 52 Prozent der Deutschen als Nichtschwimmer oder unsichere Schwimmer einordnen. In der Gruppe der Zehnjährigen sind der Umfrage nach knapp 60 Prozent keine sicheren Schwimmer.

"Es werden immer mehr Kinder in den Nichtschwimmer-Kursen", berichtet Melanie Gandyra von der Wasserwacht Thurnau. 13 Erst- und Zweitklässler aus der Thurnauer Grundschule sind im Moment als Nichtschwimmer in ihrem Kurs angemeldet. Insgesamt zehn Mal je eine Stunde lang übt sie mit den Kindern. Ziel ist, dass diese am Ende das Seepferdchen-Abzeichen erreichen. Auch wer es nicht schafft, bekommt zumindest eine Urkunde.

"Das Seepferdchen zu haben, bedeutet aber nicht, dass die Kinder schon richtig schwimmen können", erklärt Gandyra und verweist auf die Anforderungen. Diese sehen einen Sprung vom Beckenrand, das Heraufholen eines Tauchrings aus schultertiefem Wasser und das Zurücklegen einer Strecke von 25 Metern vor.

Auch die Jugendleiterin des DLRG-Ortsverbands Kulmbach, Tatjana Reif, erklärt, dass nach einem Schwimmkurs und auch nach Bestehen des Seepferdchens Kinder keineswegs sicher schwimmen können. "Es bedeutet nur, dass sie sich 25 Meter über Wasser halten können. Die Eltern müssen das Kind zwingend weiterhin ständig beaufsichtigen und begleiten, wenn es ins Wasser geht."

Schnell können Kinder - und auch Erwachsene - jedoch in Situationen kommen, in denen es lebensentscheidend sein kann, ob man in der Lage ist, zu schwimmen oder nicht. Sei es die Einladung zum Kindergeburtstag im Spaßbad, der Schulausflug, sommerliche Aktivitäten an Seen und Flüssen oder eine Bootsfahrt. "Einem ist dabei gar nicht bewusst ist, wie schnell das Wasser vor allem für Kinder, ältere Menschen und unsichere Schwimmer zur Gefahr werden kann", sagt Reif.

Seepferdchen, Seeräuber und Freischwimmer

Nach dem Seepferdchen gibt es noch den Seeräuber sowie Schwimmabzeichen in Bronze, Silber und Gold. "Bis Bronze sollten es die Kinder eigentlich schon probieren", empfiehlt Gandyra. Wer dieses Abzeichen hat, gilt der DLRG nach als sicherer Schwimmer. Gefragt sind beim sogenannten Freischwimmer ein Sprung vom Beckenrand, 200 Meter schwimmen in höchstens 15 Minuten, von der Wasseroberfläche circa zwei Meter tief tauchen und von dort einen Tauchring heraufholen sowie ein Startsprung oder ein Sprung aus einem Meter Höhe. Außerdem wird die Kenntnis von Baderegeln vorausgesetzt.

Wie Gandyra berichtet, gibt es immer wieder auch Kinder, die Angst vor dem Wasser haben. "Mit denen laufe ich dann zum Beispiel zuerst mal im Watschelgang durchs Becken", erzählt sie. Auch die Froschbewegungen fürs Schwimmen werden geübt. Erst im Trockenen, dann auf der Treppe, die ins Becken führt. "Die Armbewegungen sitzen schnell, die Beinbewegungen fallen den Kindern meist schwerer."

Die Eltern stehen in der Pflicht

Viele Kinder lernen, wie Reif berichtet, das Schwimmen heutzutage entweder erst relativ spät oder zum Teil gar nicht. Grund hierfür sei unter anderem, dass es immer weniger Schwimmbäder gibt, in denen Schwimmkurse angeboten werden können, und das bestehende Kursangebot dementsprechend schnell ausgebucht ist. "Kritisch sehe ich außerdem die gesellschaftliche Entwicklung. Bei vielen Familien besteht kein Interesse daran, dass die Kinder frühzeitig schwimmen lernen", so die Jugendleiterin. Die Verantwortung werde stattdessen auf die Schulen übertragen.

Auch der Kulmbacher Schulamtsleiter Michael Hack berichtet, dass nach seinem Eindruck und den Rückmeldungen aus den Grundschulen im Landkreis immer weniger Kinder in die Schule kommen, die bereits schwimmen können. "Ein Lehrer kann einer Klasse mit 25 Schülern nicht das Schwimmen beibringen", betont Hack. Hier seien die Eltern in der Pflicht. Früher hätten die Kinder meist vor der Einschulung einen Schwimmkurs belegt.

"Es steht und fällt mit den Eltern", sagt auch Gandyra. Sie verstehe, dass viele neben der Arbeit kaum Zeit hätten. Es bringe den Kindern aber auch nichts, für kurze Zeit einen Kurs zu belegen und danach nicht weiter zu üben. Zum Beispiel habe sie den Schülern aus ihrem Schwimmkurs als Hausaufgabe aufgegeben, mit den Eltern ins Schwimmbad zu gehen. Nur vier der 13 Kinder hätten dies getan.

Wer mit seinem Nachwuchs regelmäßig zum Schwimmen geht, müsse letztendlich auch kein Geld für Kurse ausgeben, sagt sie. "Wenn die Kinder viel im Wasser sind, können sie's einfach irgendwann." Vielleicht nicht mit der perfekten Technik, aber schwimmen könne jeder. Das mit der Übung sei wie beim Fahrradfahren.

Gandyra selbst ist als junges Mädchen in einem Weiher eingebrochen und beinahe ertrunken. "Vielleicht bin ich deswegen so dahinter her, dass Kinder richtig schwimmen lernen." Auch sie hatte nach dem Vorfall erst einmal Angst, machte um den Weiher einen großen Bogen. Ihr Vater sei dann regelmäßig mit ihr ins Freibad gegangen.

Lehrschwimmbecken schon lange Geschichte

Was die Schulen betrifft, macht der Schwimmunterricht insgesamt einen kleinen Bestandteil des Sportlehrplans aus, wie Hack erklärt. Dabei gebe es verschiedene Varianten. "Manche Schulen haben das Schwimmen regelmäßig im Stundenplan, andere nutzen ein Blockmodell." Dies sei zum Beispiel möglich, wenn es vor Ort ein Freibad gibt. In den Sommermonaten könne dann der Sport- durch Schwimmunterricht ersetzt werden. Manchmal werde hier auch ein ganzer Tag oder eine Woche zum Schwimmen genutzt.

Das einzige Hallenbad im Landkreis, das die Schulen für den Schwimmunterricht nutzen können, steht in Kulmbach. Bis vor zwölf Jahren gab es zudem in Stadtsteinach ein Lehrschwimmbecken. Wie Bürgermeister Roland Wolfrum auf BR-Anfrage mitteilt, wies die Bädertechnik aus der Mitte der sechziger Jahre größeren Sanierungsbedarf auf. Diesen habe die Stadt jedoch finanziell nicht alleine stemmen können.

Das Lehrschwimmbecken sei vorrangig für den Schulschwimmunterricht gedacht gewesen, aber auch für Vereine wie zum Beispiel die Wasserwacht "und ganz allgemein für die Öffentlichkeit". Als Alternative zum geschlossenen Lehrschwimmbad stehe momentan, allerdings nur in den Sommermonaten, das Freibad Stadtsteinach zur Verfügung.

Wolfrum zufolge wäre es - bei einer entsprechenden Mitfinanzierung durch den Freistaat und/oder die Bundesrepublik - vorstellbar, am Schulgelände in Stadtsteinach wieder ein neues Lehrschwimmbecken zu errichten. "Der Platz wäre vorhanden. Für die Kommune alleine ist das aber nicht zu schaffen."

Gefährliche Abkühlung: In diesem Sommer starben zahlreiche Menschen bei Badeunfällen in Bayern.

 

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