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Altersvorsorge & Finanzen

Ruhestand: Kommt die Aktien-Rente - und wie funktioniert das Renten-Modell?

Das skandinavische Rentensystem, das um einen staatlichen Aktienfonds erweitert ist, gilt als Erfolgsmodell in Sachen Altersvorsorge. Die Stimmen, in Deutschland denselben Weg einzuschlagen, mehren sich. Doch so einfach ist das alles nicht.
Kommt die Aktien-Rente?
Kommt die Aktien-Rente? Foto: micheile || visual stories/unsplash.com
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  • Der Ausgangspunkt: Koalitionsvertrag
  • So funktioniert die Rente aktuell
  • Das Prinzip, das Problem und die Konsequenz
  • AP7: Der schwedische Weg
  • Es gibt andere Bedingung und auch Nachteile
  • Die OECD hat untersucht: Wer bekommt in Europa die höchste Rente?

Die Altersvorsorge in Deutschland braucht einen Neustart. Die Süddeutsche Zeitung schwärmt schon von der Ikea-Rente, weil die Ampel-Koalitionäre offenbar vom schwedischen Aktienfonds AP7 begeistert sind und ihm mit einer deutschen Variante nacheifern wollen. Nun ja, aber erzählen wir die Geschichte mal der Reihe nach.

Der Ausgangspunkt: Koalitionsvertrag

SPD, Grüne und FDP haben im Koalitionsvertrag vereinbart, der Rentenversicherung zehn Milliarden Euro aus Steuermitteln zum Aufbau einer kapitalgedeckten Säule zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Geld soll die Deutsche Rentenversicherung (DRV) einen Fonds gründen, der das Potenzial der globalen Finanzmärkte für die Altersvorsorge nutzen soll.

Vornehmlich dürfte es um langfristige Investments in Aktien bzw. Fonds (ETF) gehen. Künftig soll ein Teil der Rentenbeiträge in diesen Fonds fließen; die daraus eines Tages auszuzahlenden Rentenbezüge wären dann nicht mehr von Umlagen finanziert. Die Bundesregierung geht mit 10 Milliarden Euro in Vorleistung, um die Aktienrente schnell zu starten. Die gesetzlich Versicherten zahlen dann einen monatlichen Beitrag in den Fonds ein.

Dies und andere zentrale Punkte sind aber noch offen. Die Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung (DRV), Gundula Roßbach, sieht deshalb noch viel Klärungsbedarf beim geplanten Aufbau eines Kapitalstocks in der gesetzlichen Rentenversicherung. "Wir sehen da noch viele Fragezeichen", sagte Roßbach dem Handelsblatt. Auch sie nimmt Bezug auf das Rentenversicherungs-Modell in Schweden.

So funktioniert die Rente aktuell

Das Rentensystem in Deutschland besteht aus drei Säulen, die uns im Alter, wenn wir nicht mehr arbeiten können, tragen sollen.

Säule 1: beinhaltet die gesetzliche Rente und analog für Selbständige die sogenannte Basis-Rente

Säule 2: staatlich geförderte Anlageformen, beispielsweise die Riester-Rente und die betriebliche Altersvorsorge (bAV)

Säule 3: rein private Vorsorge in Form von Fondssparplänen, privaten Rentenversicherungen, Lebensversicherungen, Immobilien usw.

Die erste Säule der Rente beruht auf dem Solidaritätsprinzip und wird durch ein Umlageverfahren finanziert. Der Beitragssatz liegt derzeit bei 18,6 Prozent des Bruttolohns. Davon trägt der gesetzlich versicherte Arbeitnehmer die Hälfte, also 9,3 Prozent, die andere Hälfte also ebenfalls 9,3 Prozent trägt der Arbeitgeber. Ein Arbeitnehmer, der 4.000 Euro brutto im Monat verdient, muss davon also 372 Euro an die Rentenkasse (DRV) abführen. Die aktuellen Überlegungen zum Aktienfonds beziehen sich nur auf die erste Säule.

Das Prinzip, das Problem und die Konsequenz

Das Prinzip: Die jetzigen Rentner erhalten die aktuell eingezahlten Beiträge als monatliche Rente. Wenn die jetzt zahlende Generation selbst in Rente geht, wird diese von den dann berufstätigen Personen bezahlt.

Das Problem: (1) Die Rentner werden immer älter und erhalten deshalb länger Rente. Waren es 1962 noch sechs Beitragszahler, die einen Rentner 'finanzierten', so sind es heute nur noch 2,1. Ein dramatischer Abstieg. (2) Hinzukommt, dass immer mehr junge Menschen eine längere Ausbildungszeit absolvieren und deshalb später in die volle Erwerbstätigkeit eintreten und damit auch später in die Rentenkasse einzahlen.

Die Konsequenz: Das Umlagesystem aus sich selbst heraus trägt sich nicht mehr, sondern der Bund muss querfinanzieren. Dies bedeutet, dass Steuergelder aus dem Bundeshaushalt in die gesetzliche Rente einfließen. Im Jahr 2020 lagen die Zahlungen für das Rentensystem erstmals bei über 100 Milliarden Euro. Für 2022 sind sogar 110 Milliarden Euro eingeplant. Das ist mehr als ein Viertel des gesamten Bundeshaushaltes. Tendenz steigend. Weil den Politkern der Bundeszuschuss zunehmend über den Kopf wächst, sinnen sie auf Abhilfe. Genau an dieser Stelle kommt der schwedische Weg ins Spiel.

AP7: Der schwedische Weg

16 Prozent ihres Bruttoeinkommens zahlen die Schweden nach demselben Prinzip wie in Deutschland an die gesetzliche Rentenkasse ein. Zusätzlich sind sie verpflichtet, und dies seit 20 Jahren, weitere 2,5 Prozent ihrer Einkünfte am Kapitalmarkt in Fonds zu investieren. Aus der dann später die sogenannte Prämienrente gezahlt wird. In welchen Fonds er oder sie einzahlt, darf jede*r Rentenversicherte selbst bestimmen, aber nur im Rahmen der Vorgaben der Rentenbehörde.

Zusätzlich zu anerkannten Aktienfonds gibt es den 'Schweden-Fonds AP7', den die Behörde selbst aufgelegt hat. Mehr als fünf Millionen Schweden nutzen ihn. Der Fonds, den zum kleineren Teil vom Team der Rentenbehörde verwaltet wird, hält ein Anlagevermögen von umgerechnet 85 Milliarden Euro. Das Geld steckt vor allem in Aktien, zum geringen Teil in Anleihen. Im Schnitt hat der Fonds bisher eine jährliche Rendite von 11 Prozent erzielt. Das ist mehr als ansehnlich.

Und so arbeitet AP7: Bemerkenswert ist die Sparsamkeit der staatlichen Fondsverwalter. Sie orientieren sich an den großen Indexfonds und kommen mit einem sensationell niedrigen Verwaltungskostensatz von 0,075 Prozent aus. Wer den Anlegern aus der Behörde nicht traut, kann seine Aktienrente auch Blackrock, Carnegie und Axa anvertrauen. Rund 400 Fonds stehen zur Auswahl, die von der Rentenbehörde als vertrauenswürdig eingestuft sind.

Es gibt andere Bedingung und auch Nachteile

Die Erträge bei der Prämienrente sind bis jetzt überschaubar, sie machten 2021 vermutlich gerade einmal fünf Prozent der insgesamt ausgezahlten Rentenleistungen aus. Durchschnittlich waren das 82 Euro im Monat. Diese Rente  spielt also nur eine kleine Rolle bei der Altersversorgung in Schweden. Da sich die schwedische Alterssicherung von einem leistungsbestimmten zu einem beitragsbestimmten System veränderte, lasst sich die Hohe der Rente nicht vorhersagen. Dies heißt, dass sich im Fall des Anstiegs der Lebenserwartung die Hohe der Pension reduziert. Das Rentenalter ist flexibilisiert: Es gibt nur eine Untergrenze mit 61 Jahren. Es besteht die Moglichkeit, langer zu arbeiten und damit individuell auch die Anspruche zu erhohen. Und es gibt außerdem noch andere Rahmenbedingungen als in Deutschland:

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  • Alle Erwerbstätigen ab 16 Jahren zahlen ausnahmslos in die staatliche Rentenversicherung ein.
  • Von den 18,5 Prozent Rentenversicherungsbeitrag zahlen die Beschäftigten 7,4 Prozent und die Unternehmen 11,1 Prozent (Verhältnis 40 Prozent zu 60 Prozent).
  • 90 Prozent der Schweden haben eine nahezu gleichlautende Betriebsrentenzusage. Dabei werden die Beiträge vollständig von den Unternehmen gezahlt. Konkret sind das 4,5 Prozent bis zur Beitragsbemessungsgrenze.

Wenn auch moderat, die schwedische Politik hat in den letzten Jahren den Weg des Ruckbaus staatlicher Verantwortung unter Verstarkung der Individualisierung in der Altersvorsorge eingeschlagen. Es gibt jetzt ein strikt an der Beitragsdauer und -hohe orientiertes System. Die Rolle des Staates als Finanzier ist deutlich kleiner geworden.

Die OECD hat untersucht: Wer bekommt in Europa die höchste Rente?

Das Netto-Rentenniveau ermittelt regelmäßig die OECD in 37 Ländern.

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Es gibt erheblich Schwankungen: Das Rentenniveau erreicht bei Durchschnittsverdienern (2021) in Litauen weniger als 31 Prozent bis hin zu knapp 90 Prozent und mehr in Österreich (87,1 Prozent), Luxemburg (88,7 Prozent) und Italien (81,7 Prozent).

Zum Vergleich: Schweden erreicht mit 56,2 Prozent nur unwesentlich mehr als Deutschland mit 52,9 Prozent. Bei der Frage, was bleibt am Ende des Tages für den Rentner übrig, verschieben sich die Bezugsgrößen beim Benchmark erheblich.

Zurück nach Deutschland und zum Ampelvorhaben

Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung erwähnt Schweden zwar kein einziges Mal. Und doch sind die Anleihen beim Königreich im Norden zu erkennen. Denn: Die Ampel-Koalitionäre haben die Gründung eines Fonds beschlossen, der das Potenzial der globalen Aktienmärkte für die Altersvorsorge nutzen soll. Die Bundesregierung geht mit 10 Milliarden Euro in Vorleistung, um die Aktienrente an den Start zu bringen.

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Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält die Summe für viel zu gering: "Nötig wäre ein Betrag im dreistelligen Milliardenbereich". Und Ute Klammer, Direktorin des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen, hält es für sinnvoller, "dauerhaft einen kleinen Teil der gesetzlichen Rentenbeiträge am Kapitalmarkt zu investieren".

Die Details des deutschen Wegs der Aktienrente sind noch unklar. Es lohnt sich, die Wege anzuschauen, die die skandinavischen Länder oder Österreich eingeschlagen haben. Und: Private Vorsorge bleibt unerlässlich. Der Koalitionsvertrag prophezeit: "Neben der gesetzlichen Rente bleiben die betriebliche wie private Altersvorsorge wichtig für ein gutes Leben im Alter."

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