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Altersvorsorge

Finanzexperten schlagen Alarm: Selbst Milliarden-Investitionen reichen für sichere Rente nicht aus

Nach den Sondierungsgesprächen der Ampelparteien seien wichtige Probleme beim Thema Rente immer noch nicht geklärt, kritisiert die Deutsche Rentenversicherung. Besonders bei einer Berufsgruppe fehlt es an finanzieller Absicherung.
 
Das Rentenniveau soll in den kommenden Jahren nicht weiter absinken. Dafür muss die Regierung aber mehr Geld investieren, fordern Kritiker.
Das deutsche Rentenniveau soll in den kommenden Jahren nicht weiter absinken. Dafür muss die Regierung aber mehr Geld investieren, fordern Kritiker. Foto: CC0 / Pixabay / Intuitivmedia
  • Kritik an Ampelparteien: Fragen zur Rente weiterhin offen
  • Finanzexperten sagen: Angepeilter Kapitalstock benötigt hohe Summen
  • Rentenniveau muss langfristig gesichert werden
  • finanzielle Absicherung von Selbstständigen reicht bisher nicht aus

Ab 2022 bekommen deutsche Rentner mehr Geld: Um mehr als fünf Prozent sollen die Bezüge im kommenden Sommer steigen, wie kürzlich aus einem Entwurf des Rentenversicherungsberichts hervorging. Doch die freudige Nachricht wird getrübt: SPD, Grüne und FDP haben die wesentlichen Probleme beim Thema Rente nämlich immer noch nicht gelöst, kritisiert die Rentenversicherung. Auch die von der Politik versprochenen Investitionen werden laut Finanzexperten nicht ausreichen, um das Rentenniveau zu sichern.

Rente in Deutschland: viel Kapital notwendig

„Aus unserer Sicht lassen die Formulierungen im Sondierungspapier sehr viele Fragen offen“, kritisiert Alexander Gunkel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Rentenversicherung, am Donnerstag (4. November 2021) in Berlin. Seiner Ansicht nach müsste der von den Ampelpartnern geplante Kapitalstock mit „sehr, sehr erheblichen Summen“ gefüllt werden, wenn damit das Rentenniveau und der Beitragssatz dauerhaft sichergestellt werden sollten, so Gunkel.

Als Ergebnis ihrer bisherigen Sondierungsgespräche hatten die drei Parteien festgehalten, dass sie zur langfristigen Stabilisierung des Rentenniveaus und des Beitragssatzes in eine teilweise Kapitaldeckung der Rentenversicherung einsteigen wollen. Das würde bedeuten, dass Geld auf dem Kapitalmarkt angelegt werden soll. Aktuell wird die Rentenversicherung vor allem aus Beiträgen und Steuermitteln finanziert. In einem ersten Schritt soll der Rentenversicherung laut Sondierungspapier im kommenden Jahr ein Kapitalstock von zehn Milliarden Euro zukommen. Gunkel wies darauf hin, dass damit aber noch nicht geklärt sei, wie viele Milliarden künftig hineinfließen.

Gesetzlich ist bereits vorgesehen, dass der Beitragssatz – derzeit liegt er bei 18,6 Prozent – bis zum Jahr 2025 nicht über 20 Prozent steigen soll und dass das Rentenniveau von aktuell 49,4 Prozent bis dahin nicht unter 48 Prozent sinkt. Wenn längerfristige Stabilität durch den Kapitalstock erreicht werden solle, seien aber „viel höhere Beträge“ nötig als derzeit angekündigt. Nach aktueller Schätzung könnte der Beitragssatz bis 2035 auf 22,3 Prozent steigen und das Rentenniveau auf 45,7 Prozent absinken. Das Rentenniveau beschreibt das Verhältnis von Renten zu Löhnen.

Bei Altersvorsorge muss nachgebessert werden

Gleichzeitig forderte die Rentenversicherung die möglichen Koalitionspartner zur besseren Absicherung der Selbstständigen auf. Es sei „etwas überraschend“, dass eine verpflichtende Alterssicherung von Selbstständigen nur indirekt im Sondierungspapier angesprochen werde. „Wir halten es für vordringlich, dass jetzt das in mehreren Legislaturperioden vertagte Thema der Altersvorsorgepflicht für Selbstständige angegangen wird“, sagt Gunkel.

Auch die Präsidentin der Rentenversicherung, Gundula Roßbach, fordert, diese drängende Frage sollte beantwortet werden. Deutschland sei das einzige Land in Europa, in dem Selbstständige nicht obligatorisch abgesichert seien. Gerade in der Plattform-Ökonomie zeige sich, dass dies nötig sei. „In der digitalen Welt brauchen wir unbedingt flankierende Maßnahmen.“ Gemeint sind Liefer- und andere Dienste via Internet. Anja Piel, die Arbeitnehmervertreterin des Rentenvorstands, sagte, gerade in der Corona-Krise habe sich gezeigt, dass viele Selbstständige keinen Sicherungsanker hätten.

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