Aussteiger – jedem dürfte dieses Wort ein Begriff sein, dennoch weiß kaum jemand, was genau einen Aussteiger ausmacht. Es sind Menschen, die sich bewusst gegen ein Leben innerhalb der Zwänge unserer kapitalistisch geprägten Gesellschaft entscheiden. Dieser Schritt in die Individualität kann ganz unterschiedlich und von verschiedener Tragweite sein. Der folgende Artikel soll einen Überblick über Arten des Ausstiegs geben und über Vor- und Nachteile informieren.

Aussteiger und Selbstversorger: Leben ohne Geld

Es gibt Aussteiger, die sich dem System komplett entziehen und ohne Geld leben. Das heißt, dass sie weder Einkommen haben, noch Ausgaben tätigen. Diese Personen zahlen keine Steuern oder ähnliche gesetzliche Abgaben und sind nicht krankenversichert. Diese Form des Aussteigertums ist radikal und zum Teil gesetzeswidrig. In Deutschland besteht eine Krankenversicherungspflicht, die ohne Ausnahme für jeden Bürger gilt.

Ein komplett geldfreies Leben ist also in Deutschland kaum möglich, da man zumindest den Betrag für die eigene Krankenversicherung aufbringen muss. Alle anderen Bereiche des Lebens werden durch ein wachsendes Angebot für Aussteiger und ökologisch bewusst lebende Menschen abgedeckt. Lebensmittel und Kleidung können kostenlos in sogenannten Umsonst-Läden oder bei Foodsharing-Stellen abgeholt werden.

Auch in Bamberg gibt es solche Einrichtungen: Der Umsonst-Laden Mosaik bietet gebrauchte Alltagsgegenstände aller Art an, die Initiative Lebensmittelretten bietet Lebensmittel an, die nicht mehr verkäuflich, auf jeden Fall aber noch genießbar sind. Schwieriger wird es bei der Wahl des passenden Wohnraumes. Um geldfrei leben zu können, ist es notwendig, einen Lebensraum zu finden, der mietfrei bewohnt werden kann.

Viele Aussteiger nutzen Projekte sozialer Einrichtungen, kaufen sich vom Erlös ihres verkauften Besitzes ein kleines Gehöft oder leben im Wald.

Selbstversorger
Neben dieser sehr konsequenten und allumfassenden Variante des Aussteigertums existieren auch abgeschwächte Formen. Es gibt beispielsweise Selbstversorger, die krankenversichert sind  und sämtliche gesetzlichen Abgaben leisten, ihre Lebensmittel und Dinge des alltäglichen Gebrauchs jedoch komplett selbst anbauen und herstellen.

Diese Menschen sind trotz ihrer Integration in die kapitalistische Gesellschaft als Aussteiger zu bezeichnen, da sie sich bewusst gegen die Verschwendung von Lebensmitteln entscheiden und wirtschaftliche Unabhängigkeit anstreben. Das Ziel des autarken Lebens bezieht sich nicht nur auf Gemüse, Obst, Getreide und Fleisch oder Milchprodukte, sondern auch auf andere Bedarfsgüter wie Kleidung, Möbel und Ähnliches.

Selbstversorger sein allein bedeutet harte Arbeit und wenn noch Geld für Miete und Krankenversicherung dazuverdient werden muss, stellt diese Lebensweise einen Fulltimejob dar.

Aussteigen aus dem Beruf

Wem ein Ausstieg aus der Gesellschaft oder aus dem Konsumzwang zu weit geht, der kann sich dennoch als Aussteiger bezeichnen, wenn er aus seinem Beruf aussteigt. Diese dritte Form des Aussteigens beinhaltet einen Austritt aus dem, meist vernünftigen und lukrativen Beruf zugunsten von mehr Selbstbestimmung und individueller Freiheit.

Oft sind Menschen mit ihrer aktuellen beruflichen Situation unzufrieden, wenn ihnen neben der Arbeit nicht genug Zeit für ihr Privatleben bleibt. Unabhängig von Verdienst und sozialer Stellung geben Personen ihre Stelle auf, wenn sie daraufhin mehr Zeit für ihre persönliche Entfaltung haben. Auch dieser Vorgang ist als Ausstieg zu bezeichnen.


Keine Wohnung, keine Versicherung, keine Freunde? Die Herausforderungen eines Aussteigerlebens
Unabhängig davon, welche Art des Aussteigen Sie favorisieren würden, alle Möglichkeiten bergen sowohl Vor-, als auch Nachteile. Die wohl größten Herausforderungen eines jeden Aussteigers sind die Wohnraumproblematik und die gesetzliche Vorgaben zu Krankenversicherung, Steuern und Ähnlichem. Miete lässt sich umgehen, das Gesetz nicht.

Um Nachzahlungen und schlimmeren rechtlichen Folgen vorzubeugen ist es ratsam, sich vor dem Ausstieg von einem Steuerberater oder Anwalt beraten zu lassen. Ein weiterer Punkt, der gegen das Aussteigen spricht, ist der soziale Aspekt. Man muss sich der Folgen bewusst sein, die ein solcher Schritt mit sich bringt. Wenn man sich dafür entscheidet, geldlos oder weitgehend ohne Geld zu leben, verzichtet man damit automatisch auf soziale Interaktionen, die etwas kosten.

Das heißt konkret: kein Kino, nie mehr Essen gehen, keine Konzerte, Museen, Ausstellungen, die Eintritt kosten und so fort. Über kurz oder lang kann das Auswirkungen auf das eigene Sozialleben haben. Generell sollten die finanziellen Folgen eines Ausstieges gut durchdacht sein.

Dabei muss unbedingt an die Altersvorsorge und den potentiellen Eintritt einer längeren oder schwerwiegenden Krankheit gedacht werden. Vor allem, wenn man den Ausstieg mit der Familie beabsichtigt, ist der Planungsaufwand enorm. Schulpflicht und die damit einhergehenden Kosten, eine ausreichende und ausgewogene Nahrungsmittelversorgung, medizinische Mittel und Kleidung sind nur einige der zu bedenkenden Aspekte.

Freiheit und Individualität - Chancen für Aussteiger
Für ein Aussteigerleben, in welcher Form auch immer, spricht die Auseinandersetzung mit dem eigenen ökologischen Fußabdruck. Dieser misst die Auswirkungen auf Klima und Umwelt, die das eigene Verhalten nach sich zieht.

Eine aktive Auseinandersetzung mit der Herkunft der Lebensmittel und Konsumgüter ist ein wichtiger Schritt gegen Verschwendung und unnötigen Überfluss. Diese Überlegungen sind für jeden Haushalt empfehlenswert, da sie das eigene Konsumverhalten reflektieren und gegebenenfalls Missstände aufzeigen. Ebenfalls positiv ist die vollständige Selbstbestimmung, die ein Leben fernab der Zwänge einer konsumorientierten Gesellschaft bietet. Routinen und Tagesabläufe können selbst festgelegt oder ganz vermieden werden. Wichtig ist, die Anforderungen und Pflichten des Aussteigerlebens nicht zu unterschätzen.

Das Leben als Aussteiger ist mit Sicherheit nicht für jedermann geeignet. Wer uneingeschränkte Freiheit und vollständige Selbstbestimmung sucht, der sollte sich aller Risiken und Herausforderungen bewusst werden und den Selbstversuch wagen.

Und wem die Idee des Ausstiegs aus System, Konsumgesellschaft oder gesichertem Beruf zu abenteuerlich erscheint: Auch die Optimierung des eigenen Konsumverhaltens und die Verkleinerung der ökologischen Fußabdruckes kann zu einem erhebenden Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung führen!

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