Riga/Bamberg — Als ich mich vor sechs Wochen auf den Weg nach Lettland zu meinem einjährigen Freiwilligendienst machte, konnte ich nahezu kein einziges Wort Lettisch. Meine wenigen Berührungspunkte mit der fremden Sprache beschränkten sich auf meine Versuche, sich Floskeln wie "Ich heiße..." oder "Wie geht es dir?" einzuprägen. Doch leider blieb es allein bei Versuchen. Kein einziges Wort hatte es in mein Langzeitgedächtnis geschafft.

Wie verständigt man sich nun aber in einem Land, dessen Sprache man nicht mächtig ist? Der erste Versuch sich mitzuteilen, erfolgt häufig übers Englische. In Lettland nicht immer die beste Wahl. Dort wird in vielen Schulen nämlich sogar Deutsch als erste Fremdsprache angeboten. Daher kann man es durchaus auch mit der eigenen Muttersprache versuchen. Und schließlich könnten einem in Riga auch ein paar Worte Russisch helfen. Denn in Lettland lebt eine große russische Minderheit. Und so verstehen auch die meisten Letten Russisch.
Doch wenn das alles nicht funktioniert, sind selbst die alltäglichsten Dinge eine Herausforderung:
Kürzlich war ich zum Beispiel beim Kauf einer Wärmflasche zu pantomimischen Einlagen gezwungen. In Riga gibt es die nahezu nur in Apotheken. In einer solchen angekommen, versuchte ich der Verkäuferin mit Händen und Füßen zu erklären, was mein Begehr ist. Ziemlich erfolglos. Die Verkäuferin tippte eher auf eine Flasche Mineralwasser. Mit der Zeit - und sich immer wiederholenden Erklärungsversuchen - bildete sich eine lange Warteschlange hinter mir. Wer schon nicht die passenden Worte hat, der braucht ein dickes Fell.
Oder eben Geduld. Diese wurde mir auch in einer gänzlich anderen Situation abverlangt, als ich in meiner Wohnstraße auf Fahrradtouristen traf, die mich in gebrochenem Englisch etwas fragten. Da sie munter Deutsch und Englisch mischten, war mir schnell klar, dass ich wohl Landsleuten gegenüberstand. Also antwortete ich auf Deutsch. Es dauerte ein ganzes Weilchen, bis sie kapierten, dass sie nicht weiter nach englischen Vokabeln suchen müssen. Schließlich bekam ich die erstaunte Frage zu hören: "Jetzt müssen Sie uns aber erklären, woher Sie so gut Deutsch können?"

Das zählt wohl zu den Dingen, die einem nur geschehen, wenn man im Ausland lebt. Dazu gehörte auch der skurrile, jedoch schöne Moment, als ich in einem lettischen Café auf das deutsche "Bitteschön" eines Kellners, der mich als deutsche Kundin identifiziert hatte, mit einem lettischen "Paldies!"(=Danke!) antwortete. Manchmal steht in einem fremden Land eben alles Kopf.








Teil eins: Riga - mein neues Zuhause



Rom, Paris, London. Es gibt viele Städte, von denen man als junger Mensch träumt. Einmal raus. Irgendwo anders leben. Neue Leute kennenlernen. Svenja Fluhrer, klar.text-Jugendredakteurin, hat es nach Riga gezogen. Was sie dort macht, was sie erlebt, das beschreibt sie für euch.

Riga/Bamberg — Vor weniger als einem halben Jahr saß ich noch über meinen Abiturprüfungen in einem Bamberger Gymnasium. Jetzt wache ich bereits seit einem Monat täglich in einer neuen Stadt auf, um wieder in eine Schule zu gehen. Diesmal liegt sie jedoch über 1500 Kilometer von Bamberg entfernt.
Seit September arbeite ich im Rahmen eines Freiwilligendienstes an einem Gymnasium in Riga.
Doch Riga - wo liegt das eigentlich? Diese Frage wurde mir immer wieder von Freunden oder Bekannten gestellt. Riga liegt in Lettland. Lettland bildet gemeinsam mit Litauen und Estland das Baltikum, das sich zwischen Polen und Russland an die Ostsee schmiegt.

So lebe ich nun also in einer kleinen Hauptstadt wenige Kilometer von der Ostsee entfernt, dafür umso weiter weg von zu Hause. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, nicht nach dem Abitur direkt zum Studieren in eine Nachbarstadt zu gehen. Stattdessen wusste ich schon in der 11. Klasse, dass ich mit dem Programm "kulturweit", das von der Deutschen UNESCO-Kommission durchgeführt und vom Auswärtigen Amt finanziert wird, für einen Freiwilligendienst "ausreisen" wollte. "Kulturweit" arbeitet mit Partnerorganisationen wie dem Goethe Institut oder - wie in meinem Fall - mit dem Pädagogischen Austauschdienst zusammen.

Deutsch ist populär


Jetzt ist es also für zwölf Monate meine Aufgabe, die Deutschlehrer an einem Gymnasium, an dem Schüler das deutsche Sprachdiplom erlangen können, zu unterstützen und ihren Unterricht mit Projekten aufzuwerten. Die lettischen Schüler können mit diesem Diplom später einmal in Deutschland studieren.
Dabei war es auch für mich am Anfang ziemlich überraschend, dass es kurz vor Russland Länder gibt, in denen die deutsche Sprache derart populär ist. Viele junge Leute können hier Deutsch oder interessieren sich sehr für die deutsche Kultur. In Deutschland hingegen können sich wohl die wenigsten etwas unter Lettland vorstellen. Das war auch bei mir so. Diese Unkenntnis hat aber auch Vorteile. So kam ich nahezu vorurteilsfrei in meinem neuen Zuhause an. Allein die Annahme, Plattenbauten würden das Stadtbild prägen, reiste mit mir nach Riga. Doch dieses Vorurteil verlor sehr schnell seine Gültigkeit. Plattenbauten muss man in Riga fast schon suchen. Stattdessen prägt beeindruckender Jugendstil die rigaische Architektur. Deshalb nennt man Riga auch oft "Paris des Nordens".

Ins Ausland zu gehen, kommt einem kompletten Neuanfang gleich. Allerdings muss man nicht unbedingt gleich alles im alten Zuhause aufgeben. Das Internet ist jetzt mein Zugang nach Deutschland. Und die schwere Tür des Altbaus, in dem ich nun wohne, ist mein Zugang zu einer wunderschönen Stadt, die mich ganz schön herausfordert. Denn noch ist mir meine Umgebung etwas fremd...

Autorin: Svenja Fluhrer, Jugendredaktion "Die klar.texter"