Stellen Sie sich folgende Szene vor: Wacken im August, das größte Heavy-Metal- Festival der Welt, ist im vollen Gange. 75.000 Fans versinken beim Auftritt der erfolgreichsten Band Deutschlands in kollektiven Taumel. Die Rammstein-Show ist gezündet. Plötzlich betritt eine Frau im nachtblauen Kleid die Bühne. Statt harter Beats Klassik-Klänge. Star-Sopranistin Anna Netrebko, jüngst in Moskau umjubelt, erhebt die Stimme und singt die Arie der Gilda aus Rigoletto.

Randale oder Schockstarre?

Was würde passieren? Gellende Pfiffe? Erstaunte Stille? Randale oder Schockstarre? Oder gar Applaus? Zugegeben, wir haben keine Ahnung. Nur eines ist sicher: Es würde nicht nichts passieren. Denn Musik, so sagt Johannes Klehr, Musiklehrer am Kaiser-Heinrich-Gymnasium in Bamberg, ruft immer eine Reaktion hervor. Zunächst eine in unserem Kopf: Hören wir Musik, ist das limbische System in unserem Gehirn aktiv. Also jene Region, die für Emotionen zuständig ist. Musik erfüllt uns mit Glück, mit Trauer, mit Angst oder Ruhe. Musik ruft Gefühle hervor. Mit einem Song, einem Stück, einer Melodie oder auch nur mit bestimmten Tonfolgen sind stets Erinnerungen verknüpft. Gute wie schlechte. Deshalb bekommen wir auch bei bestimmten Liedern Gänsehaut oder drehen mit Grausen ab. Musik "funktioniert" bereits von Geburt an, manche behaupten, bereits im Mutterleib.
Keine Frage: Musik ist eine mächtige Kraft, die insbesondere junge Menschen beeinflusst. "Musikhören ist ja auch nach wie vor eine der wichtigsten und liebsten Freizeitbeschäftigungen von Jugendlichen", sagt Klehr.
Aber wozu dann überhaupt Musikunterricht, wenn die meisten Teenager doch schon in der Freizeit dauerhaft den Stöpsel im Ohr haben? Muss man wissen, was eine Triole ist, um Musik zu verstehen? Oder ist Musikunterricht nicht doch nur eine Abwechslung zu Mathe, Deutsch und anderen "wichtigeren" Fächern?

"Natürlich könnte man jetzt erst einmal sagen, dass Musik ein Fach ist, das nicht diesen Druck aufbaut wie die Kernfächer. Dass es nicht in erster Linie um die reine Wissensvermittlung geht", räumt Klehr ein. Doch Klehr wäre nicht Musiklehrer, würde er nicht andere Argumente für sein Fach ins Feld führen:
Zunächst einmal bekämen die Schüler im Musikunterricht einen Eindruck von der unglaublichen Fülle von Musikstilen, sagt Klehr. Schüler lernten Musik als Teil der Kultur, auch ihrer kulturellen Identität, kennen. Musikunterricht sollte Schülern vermitteln, dass man mehr Freude im Leben hat, wenn man an den kulturellen Errungenschaften unserer Gesellschaft teilnimmt. "Musik macht einfach einen großen Teil unserer Lebensqualität aus", so Klehr.

Um das Interesse an dieser "kulturellen Teilhabe" zu wecken, setzt Klehr in seinem Unterricht verstärkt auf die Praxis: "Schüler sollten die Fähigkeit erhalten, Musik zu erfahren. Sie sollten sich selbst kreativ ausdrücken können", sagt er. Und das geschieht nicht unbedingt mit der Triangel in der einen und dem Schlägel in der anderen Hand:
"Nehmen wir mal den Stoff der siebten und achten Klasse. Da steht Rock und Pop auf dem Lehrplan. Im Musikunterricht hören wir Songs an und erarbeiten, wie das Musikstück harmonisch aufgebaut ist. Am Ende haben die Schüler das Werkzeug in der Hand, um ihren eigenen Song zu basteln", so Klehr. Viele würden dies auch mit Begeisterung tun. Musik sei für Jugendliche die wichtigste Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken, sich selbst zu finden, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Musikunterricht, so Klehr, fordert und fördere die Schüler auf diesem Weg.

Musik fördert soziale Kompetenz

Und noch etwas könne Musikunterricht in einem ganz besonderen Maße: "Nirgendwo sonst werden soziale Kompetenzen besser vermittelt als im Musikunterricht." Im Sport, so der Lehrer, spiele oft ein Team gegen ein anderes. Es gehe letztendlich immer ums Gewinnen. "Wer aber zum Beispiel in einem Schulorchester spielt, spielt nicht gegen, sondern mit jemandem." Zum einen entstünde daraus ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, zum anderen lernten Schüler durch gemeinsames Musizieren auf sich und auf andere zu hören. Und Zuhören, das sei eine Fähigkeit, die in al len Lebensbereichen wichtig sei.

In der Tat beweist eine Langzeitstudie an mehreren Schulen in Berlin, dass an Schulen, an denen gemeinsam musiziert wird, weniger gemobbt wird als an anderen Schulen.

Was aber, wenn ein Schüler nichts mit Musik anfangen kann? Wenn er bereits beim Alle-meine-Entlein scheitert? Wenn er mit der Blockflöte auf Kriegsfuß steht und selbst die tollste App aus ihm keinen Komponisten macht?

Jedes Gefühl ist legitim

"Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass es den unmusikalischen Schüler nicht gibt!", sagt Klehr. Musik gebe es nämlich nicht nur in jeder Kultur, Musikalität fände sich in jedem Menschen. Man müsse ihm nur die Möglichkeit geben, es auszuprobieren. Man müsse Musik wirken lassen. Das brauche aber Raum und Zeit.

"Deswegen ist jede Reaktion, jedes Gefühl, das zum Beispiel klassische Musik in einem Schüler zunächst hervorruft, legitim", so Klehr. Allerdings gebe er sich dann auch nicht mit einem einfachen "Gefällt mir"-, "Gefällt mir nicht"-Urteil des Jugendlichen zufrieden. Der Musikunterricht fordere den Schüler dazu auf, sich mit seinem Gefühl auseinanderzusetzen, seinem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Auch sprachlich. Was genau empfinde ich? Warum empfinde ich so?

Zudem stehe jedes Stück, jeder Song wie etwa ein Gedicht in einem Kontext. Wann, wie und warum entstand der Song? Hat das der Schüler im Blick, habe er auch die Chance, seine "Blick"-Richtung zu ändern.

Womit man (wieder) beim Thema Toleranz wäre und bei der Ausgangsfrage: Was würde passieren, wenn Anna Netrebko in Wacken ein Gastspiel geben würde? Vielleicht Ähnliches wie bei der Eröffnung des Festivals: Der Auftakt ist traditionell der Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr Wacken vorbehalten, liebevoll in diesen Tagen auch zu "Wacken Firefighters" umbenannt. Heavy-Metal-Fans lassen dann beim "Zillertaler Hochzeitsmarsch" die Haare kreisen. Intoleranz, jedenfalls, schaut schon mal anders aus.