"Libelle" - ein schönes Wort. So schön, dass es dereinst der Deutsche Sprachrat unter allen Vorschlägen zum schönsten Wort der Kinder kürte. Mindestens genauso hübsch: "Rhabarbermarmelade". Dieses klangvolle Konstrukt landete immerhin auf Platz fünf der schönsten deutschen Wörter. Die Sache hat nur einen kleinen Haken: All diese Wörter sind "geklaut", oder - netter formuliert - aus einer anderen Sprache "entlehnt".

Nicht jeder sitzt bei Jauch

Sie vermuten richtig: Sowohl die "Libelle" als auch der "Rhabarber" stammen aus dem Lateinischen ("Marmelade" übrigens aus dem Portugiesischen) - und dienen uns vorab als Beleg dafür, dass jeder von uns Latein spricht - zumindest ein bisschen.
Dass Libelle von "libella" stammt und so etwas wie "kleine Waage" heißt und in Rhabarber das Wort "barbarus" (für Fremder, Ausländer, Nichtrömer) steckt, wissen wahrscheinlich nur Lateiner. Und? Ist das schlimm? "Na ja, man kommt natürlich auch ohne Latein oder Altgriechischkenntnisse durchs Leben. Genauso wie ohne Museum oder Zeitung", sagt Dietmar Absch, Lehrer für Latein, Altgriechisch und Geschichte am Bamberger Franz-Ludwig-Gymnasium. Nicht jeder will schließlich wissen, was genau auf dem Beipackzettel eines Medikaments steht. Nicht jeder studiert Biologie oder wird Lateinlehrer. Und nicht jeder sitzt bei Günther Jauch auf dem "heißen Stuhl", um die Frage zu beantworten, wie der lateinische Ausdruck für Lebenslauf lautet (a: Cave canem, b: Carpe diem, c: Corpus delicti, oder d: Curriculum vitae?).
Nur: Warum büffeln so viele Schüler dann überhaupt noch Latein-Vokabeln? Quälen sich durch a-, e-, i- und andere Konjugationen? Warum entschlüsseln Generationen von Gymnasiasten noch Caesars "De bello Gallico"? Warum nur Latein, wenn die Sprache in keinem Land der Welt mehr richtig gesprochen wird?
Dietmar Absch gibt sich realistisch: "Würde man Schüler fragen, ob Latein abgeschafft werden sollte, bekäme man wohl unterschiedliche Antworten." Denn Latein, so der Lehrer, sei vor allem am Anfang schwer und verlange vom Schüler wie kein zweites Fach Disziplin. Doch das seien unter anderem auch Gründe, warum diese einstige Weltsprache als Unterrichtsfach so wichtig sei. Im Gegensatz zum Fach Englisch, das ja bereits viele Schüler in der Grundschule hätten, sei Latein die erste neue intellektuelle Herausforderung am Gymnasium. "Latein fordert die Schüler", so Absch. Aber es fördere sie auch: "Mit Latein lernen Schüler zunächst einmal das Lernen", sagt er. Der absolut klare, systematische Aufbau der Sprache ermögliche das besonders gut. Will heißen: Um einen lateinischen Satz übersetzen zu können, reicht es nicht, Vokabeln gelernt zu haben. Man muss den Satz konzentriert und sorgfältig zerlegen. Man muss strukturiert vorgehen. Das sogenannte "Bulimie-Lernen", also das kurzfristige Hineinstopfen von Stoff und "Auskotzen" bei der Schulaufgabe (mit dem Ergebnis, dass langfristig kaum etwas hängen bleibt) - damit könne man in Latein keinen Blumentopf gewinnen. Deswegen hält Absch Latein auch ab der fünften Klasse für sinnvoll. Wer dann bis zur achten Klasse durchhalte, so der Lateinlehrer, habe sich seinen Grundstock gesichert. Ein Grundstock, der vieles erleichtere. Zum Beispiel das Erlernen anderer Sprachen.

Lateinschüler schneiden gut ab

"Wer Latein lernt, lernt sprachliche Beweglichkeit", so Absch. Davon profitiere der Schüler übrigens auch im Deutschen. Was sich anhand des Zentralen Deutschtests, ausgegeben vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München, belegen lässt: Unter den 50 besten Schulen in Bayern finden sich 37, die Latein als erste Fremdsprache anbieten. Im Englisch-Test in der zehnten Klasse gehören zu den besten 50 Schulen 30, deren Schüler als erste Fremdsprache Latein hatten.

Betriebssystem für viele Sprachen

Latein dient also als "Betriebssystem" für Französisch, Spanisch, für Englisch und viele andere Sprachen. Schön. Aber kann ich mit Latein noch mehr anfangen? "Im Latein-Unterricht setzen sich Schüler ja auch intensiv mit literarischen Meisterwerken der Antike auseinander", betont Absch. Cicero zum Beispiel würde die Schüler mit Fragen konfrontieren, die es im Leben immer wieder zu beantworten gilt: Was heißt es, ein guter Freund zu sein, glücklich zu leben, Verantwortung zu übernehmen?
Und warum nimmt man nicht einfach von vorneherein die Übersetzung? "Das ist nicht dasselbe. Sprache und Inhalt lassen sich nicht so einfach voneinander trennen", so Absch. Genauso wenig wie unsere Kultur von der Kultur der Antike: "Im Lateinunterricht erkennen wir auch sehr schön, wo wir Europäer herkommen und was uns bis heute verbindet", führt Absch aus. Beispiel heutiges Rechtssystem: In fast allen europäischen Ländern sei das römische Recht Grundlage für das heutige Rechtssystem gewesen. Europäische Schriftsteller und Künstler griffen zudem gerne antike Formen, Stoffe und Motive auf, gestalteten sie neu. Auch um ihre Werke zu verstehen, sie einordnen zu können, lohne es sich, Latein zu lernen.
Wem das alles noch nicht reicht: Lehrer haben berechnet, dass sich rund 20 Prozent aller Fragen bei "Wer wird Millionär?" mit Latein- und Griechischkenntnissen beantworten ließen. Für die richtige Antwort auf die Frage nach dem Ausdruck für Lebenslauf gab es immerhin schon mal 4000 Euro. Sie lautet übrigens: Curriculum vitae.