Die zweite Welle der Pandemie trifft auch Lehrer und Schüler hart. Zwar sollen die Schulen diesmal nach dem Willen der Politik geöffnet bleiben, doch hat sich der virtuelle Unterricht als wirksame Notlösung in der Krise erwiesen. KLARTEXT!, das Schulprojekt der Mediengruppe Oberfranken, möchte Lehrkräfte in dieser Situation tatkräftig unterstützen und lädt sie am 18. November zum vierten Bamberger Lehrermedientag ein: Der Nürnberger Medienprofessor und Trainer Markus Kaiser gibt von 9-13 Uhr in einem Online-Seminar Tipps für einen gelungenen virtuellen Unterricht. Was wir alle jetzt schon gelernt haben, erzählt er im KLARTEXT!-Interview.

Sie forschen und lehren zum Thema Medieninnovationen und Change-Prozesse in der Kommunikationsbranche. Nun hat die Corona-Pandemie wie eine Art "Change-Katalysator" unseren Alltag, berufliche Abläufe und auch den Schulbetrieb stark verändert. Arbeit und Unterricht finden nun zu einem großen Teil virtuell statt, zum Beispiel über Videokonferenzen. Welche neuen Kompetenzen haben wir und insbesondere Schüler und Lehrer dazugewonnen?

Markus Kaiser: Zunächst einmal haben wir alle unsere Soft Skills trainiert: Wir haben durch die Pandemie gelernt, uns sehr schnell und zielorientiert auf eine neue Situation einzustellen. Wir haben aber natürlich auch digitale Kompetenzen erworben. Damit meine ich nicht nur, dass wir gelernt haben, wie wir Zoom oder Microsoft Teams herunterladen und wo wir für welche Anwendung klicken müssen. Wir haben vielmehr gelernt, wie man mit einer Gruppe digital zusammenarbeitet. In der Wirtschaft gibt's dafür extra Seminare für sogenanntes Digital Leadership. Ein Beispiel: Chefs müssen lernen, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Ziele zu geben, statt die pure Anwesenheit im Büro zu kontrollieren.

Welche Chancen sehen Sie im virtuellen Unterrichten?

Während Corona sehe ich zunächst einmal die Chance darin, dass Unterricht überhaupt stattfinden kann. Und die gesammelten Erfahrungen können Lehrern nicht mehr weggenommen werden. Künftig wird es auf einen überlegten und dosierten Einsatz digitaler Werkzeuge ankommen. An Hochschulen sehe ich allerdings weit mehr Chancen als an Schulen, weil dort neben der Didaktik die Frage der Kinderbetreuung keine Rolle mehr spielt. Digital kann man Lehrinhalte oftmals stärker auf den Punkt bringen, Schüler können bei Verständnisproblemen sich die Sequenzen noch einmal anhören, wenn es sich nicht um Live-Lehre, sondern um gedrehte Videos oder vertonte PowerPoint-Präsentationen handelt. Wenn man so will, gibt es künftig weitere, zusätzliche didaktische Möglichkeiten.

Welche Herausforderungen müssen noch gemeistert werden? Ist das System Schule technisch und pädagogisch bereits gut gerüstet oder sehen Sie Unterstützungsbedarf?

Es gibt jede Menge Herausforderungen und Schwachstellen. Hier will und kann ich nichts schönreden. Das fängt bei der individuellen Technik wie Laptops mit Webcams, externen Mikrofonen, Headsets und stabilem WLAN an. Wenn Schüler keine Webcam einschalten können, leidet massiv die Qualität von Seminaren. Dies ist eine der schmerzlichsten Erfahrungen der vergangenen Monate, weil Lehrer und Professoren dann den Eindruck haben, sie reden gegen eine Wand, vergleichbar mit einem Radiomoderator, der auch kein Feedback erhält. Dies geht aber weiter bis hin zu didaktischen Schulungen. Länger als 60 Minuten bei Live-Lehre kann doch kaum ein Schüler oder Student einem Dozenten folgen. Deshalb braucht es einen Methodenmix. Analog zum oben beschriebenen Digital Leadership bräuchte es auch Fortbildungen wie Digital Schooling, in denen gelehrt wird, wie man eine Klasse zusammenhält. Wenn man Lehrer nicht alleine lässt, fühlen sie sich sicherer im Umgang mit den digitalen Werkzeugen. Lehrer muss man außerdem einbinden und mitnehmen und nicht einfach nur per Befehl dazu verdonnern, digital zu arbeiten. Und natürlich dürfen Lehrer nicht nebenbei noch Rechenzentrum spielen müssen.

Am 18. November, am 4. Bamberger Lehrermedientag, werden Sie Lehrkräften praktische und ganz konkrete Hilfestellung für den virtuellen Unterricht geben. Zeitgemäß natürlich in einem Online-Seminar. Was erwartet die Teilnehmer?

Das Online-Seminar steht unter dem Motto "So überzeugen Sie im virtuellen Unterricht". Wir behandeln Fragen wie: Wie wirke ich sicher und kompetent vor der Webcam? Wie kann ich im virtuellen Unterricht eine gute Lern-Atmosphäre schaffen? Was ist ein gutes Setting, was beispielsweise den Hintergrund, die Beleuchtung und die Umgebung betrifft? Wie arbeite ich erfolgreich mit meinem geteilten Bildschirm? Wie sorge ich dafür, dass es mir in der neuen Rolle gutgeht? Und wie gehe ich mit schwierigen Schülern um? Wir nutzen dafür Zoom als Plattform. Natürlich bleibt genügend Zeit für Fragen und einen Erfahrungsaustausch.

Was können Lehrkräfte heute schon ausprobieren, um sich in der neuen Rolle gut und sicher zu fühlen?

Mit virtuellen Hintergründen und anderen Einstellungen habe ich nicht vor meinen Studierenden, sondern bei einem lockeren Austausch mit Freunden aus der Medienbranche experimentiert. Wenn man die digitalen Plattformen auch privat ausprobiert, ist man vor der Klasse natürlich auch sicherer. Die meisten Fehler macht man schließlich nur einmal, beispielsweise dass man sein Mikro nicht ausschaltet, wenn man nicht selbst spricht. Wenn man diese Runden aufzeichnet und später selber anschaut, sammelt man Erfahrungen, wie man vor der Kamera wirkt, welche Position man einnehmen sollte und auch wie schnell man sprechen darf. Im digitalen Klassenzimmer muss ein Lehrer noch mehr zum Entertainer werden als im Schulhaus.

Was meinen Sie als Hochschuldozent: Bleibt der virtuelle Unterricht, die virtuelle Lehre auch nach Corona wichtiger Teil von Schule und Uni?

In der Arbeitswelt und in der Gesellschaft wird sich das Rad nicht zurückdrehen lassen. In der Schule und in der Uni könnte man qua Order natürlich alles Digitale wieder eliminieren, das wäre aber ein massiver Rückschritt. Zum einen müssen Schüler und Studierende auf das Arbeitsleben vorbereitet werden, das zunehmend digitaler wird. Zum anderen würde man auf die Vorteile digitalen Unterrichts verzichten, wenngleich sicherlich nicht alles digital sein wird. Es kommt künftig auf die richtige Mischung an.

Jetzt anmelden für das kostenfreie Lehrer-Seminar

Der Dozent: Markus Kaiser, 42, ist Professor für digitalen Journalismus, Medieninnovationen und Change Management in der Kommunikationsbranche an der TH Nürnberg. Daneben berät der gelernte Tageszeitungsredakteur für CGI Deutschland die öffentliche Hand bei Digitalisierungsprojekten.

Gratis-Webinar: Lehrkräfte können sich zum kostenfreien, von der ALP in Dillingen unterstützten Online-Seminar "So überzeugen Sie im virtuellen Unterricht" am 18. November anmelden unter www.lehrermedientag.de (hier auf das Logo "mgo - Mediengruppe Oberfranken" klicken).