In der Corona-Pandemie hat die Digitalisierung in allen Bereichen des Lebens einen immensen Schub bekommen - auch die Lehre an Schulen und Universitäten findet in großen Teilen virtuell statt. Für die Lehre ergeben sich ganz neue didaktische Herausforderungen - und viele neue Möglichkeiten. Markus Kaiser, Professor für digitale Medien an der Technischen Hochschule Nürnberg, der als Gastdozent beim vierten Bamberger Lehrermedientag - veranstaltet von KLARTEXT!, dem Schulprojekt der Mediengruppe Oberfranken, rund 70 Lehrkräften aus ganz Franken einen profunden Einblick ins virtuelle Unterrichten. Worauf Lehrende in Sachen Technik, Datenschutz und Didaktik achten und wie sie erfolgreich mit Webcam unterrichten können, zeigen wir in diesem Erklärvideo.

Unterricht mit Start-Up-Mentalität

Bevor es mit konkreten Tipps und praktischen Beispielen losging, betonte Markus Kaiser, dass auch im Umgang mit digitalen Medien und der aktuell rasanten Veränderung des Unterrichtsalltages eine gewisse "Start-Up-Mentalität" helfe. Nicht alles kann und wird perfekt funktionieren, nicht alles - vielmehr fast nichts - im digitalen Unterrichtsalltag ist langjährig erprobt. Hier gelte es mutig zu sein, auszuprobieren und aus den zu erwartenden Fehlern zu lernen. Nur wenige der Programme seien 100% optimal für digitalen Unterricht, viele aber eine schöne Hilfe. Jedes Tool aber ermüdet bei übermäßigem Einsatz. Hier ist Abwechslung gefragt. Mehr noch in den Methoden, als in den eingesetzten Programmen. Ausprobieren ist also für die Lehrtätigkeit zukünftig genauso essenziell, wie es bei vielen, erfolgreichen Start-Ups ist.

Mit Geweih auf dem Kopf lehrt es sich schlecht

Setting: Zunächst beleuchtet Markus Kaiser die Wichtigkeit eines professionellen Settings - also der Umgebung, aus der der digitale Unterricht gesendet wird. Er riet zu einem seriösen Umfeld und auch Hintergrund und davon ab, zu viel Einblick in das private Arbeits- Wohn- oder Esszimmer zu gewähren. Wer aus den heimischen vier Wänden sendet, sollte auch mal umräumen, um störende Situationen zu vermeiden. Wenn einem das Bild im Hintergrund wie ein Geweih aus dem Kopf wächst oder das Gegenlicht des Fensters einen Heiligenschein erzeugt, fördert dies zwar die Komik, nicht aber die Konzentration der Schüler auf den Inhalt. Eine gute Webcam in richtiger Position, ein abgeschotteter Raum und ein gutes Mikrofon oder Headset seien ebenfalls wichtige Faktoren.

Regelwerk:

Bei aller Agilität und einer Vielzahl technischer Möglichkeiten - digitaler Unterricht sollte klaren Regeln folgen, damit die Wissensvermittlung auch bei allen gleichsam ankommt. Markus Kaiser rät - zumindest in höheren Klassenstufen - diese Regeln gemeinsam mit den Schülern zu erarbeiten. Pünktliche Anwesenheit im digitalen Klassenzimmer, die Nutzung der Kamera, Absprachen über geeignete Arbeitsplätze zu Hause, Essen und Trinken, Anwesenheit weiterer Personen, Wortmeldungen, all dies kann und sollte im Klassenverband geregelt werden. Für virtuelle "Zuspätkommer", die nur mit ihrem Avatar online sind, aber noch nicht wirklich anwesend, empfiehlt Markus Kaiser direkt zu Stundenbeginn ein aktivierendes Element wie eine "Blitzlicht"-Umfrage, bei der recht schnell auffällt, wenn ein Schüler stumm bleibt.

Rechtliche Aspekte:

Neben den selbst auferlegten Regeln unterliegt der digitale Unterricht natürlich besonderen rechtlichen Regularien. Jedoch ist nicht jeder Aspekt abschließend rechtlich geklärt. Daher muss jeder Lehrer abwägen, wie pragmatisch er beim virtuellen unterrichten vorgehen will, kann oder darf. So ist die Aktivierung der Kamera bei den Schülern immer nur auf freiwilliger Basis möglich. Für den Kontakt zu den Schülern, für Interaktion und die Wahrnehmung von Gestik, Mimik und Emotionen ist das Kamerabild unerlässlich. Ein Zwang darf nicht ausgesprochen werden. Daneben gilt es natürlich rechtlichen Aspekte des Persönlichkeits- und Urheberrechts zu wahren und dem Datenschutz Rechnung zu tragen. Vertraulichkeit ist auch und gerade online immens wichtig, was gerade bei der Nutzung von Mitschnitten und Screenshots, der Verbreitung von Fotos und Videos und dem Zugang Dritter zum Unterricht zu beachten ist.

Aktivierung:

Digitaler Unterricht heißt, den anlogen Unterricht einfach digital zu senden. Ein Irrtum, noch vielmehr, ein Fehler, weiß der erfahrene Dozent zu berichten. Interaktion ist der Schlüssel zum Erfolg. Markus Kaiser trug eine Vielzahl an digitalen Tools zur Kollaboration oder Kommunikation zusammen. Die Auswahl ist unermesslich. Vielmehr ist es der Methodenmix, der aus einem langweiligen 90 Minuten-Digital-Monolog 90 kurzweilige, produktive und interaktive Minuten macht. Der Wechsel von Vortrag zu Gruppenarbeit oder Selbststudium, dem eigenen Erarbeiten von Inhalten mit Hilfe bereitgestellter Informationen im Internet und wieder zurück ins digitale Plenum zur gemeinsamen Diskussion- der Wechsel macht´s.

Veränderung:

Während des ganzen Vortrags war herauszuhören, dass die Veränderung hin zu einer digitalen oder hybriden Schulwelt nichts anderes ist, als ein "Change", neudeutsch ein Wandel und damit ein Prozess, den es auch von Lehrerseite zu steuern und zu begleiten gilt. Thomas Kaiser lehrt und forscht im Changemanagement und nannte die sogenannte ADKAR-Methode, als eine Möglichkeit, diesen Prozess bewusst und strukturiert anzugehen. Das Akronym besagt, dass eine Veränderung nur erfolgreich gelingt, wenn zunächst das Bewusstsein dafür (Awareness) geschaffen, dann der Wunsch nach Veränderung (Desire) geweckt, das nötige Wissen (Knowledge) aufgebaut, das praktische Können (Ability) gefestigt und zuletzt die Veränderung verankert wird (Reinforcement). Wichtig war es Kaiser, dass die virtuell anwesenden Lehrkräfte verstehen, dass sie nicht mehr nur Lehrer und Entertainer sind, sondern auch aktiv Changemanagement betreiben müssen.

Digitales Rüstzeug für die Zukunft

Das Fazit: Neben geballtem Wissen und Tipps auch das Bewusstsein, dass der virtuelle Unterricht und die Vermittlung digitaler Kompetenzen nicht bloß ein durch Corona beschleunigter Zwang sind, sondern wertvoll für Lehrer und Schüler. Die Rolle der Lehrer ist klar und sie ist wichtig. Das digitale Wissen und der Umgang mit Laptop, Videokonferenz und Collaboration-Tool sind für die Schüler das Rüstzeug für deren Zukunft. Von Schulabgängern und Studierenden wird mehr und mehr erwartet, dass sie sich sicher in der digitalen Welt bewegen können. Im digitalen Unterricht haben sie die beste Möglichkeit, dies professionell zu festigen, wenn die Lehrkräfte ebenso professionell damit agieren. Die Teilnehmer des Webinars am Lehrermedientag sind dafür nun gerüstet.

Diesen Artikel haben Jessica Nickel und Isabelle Epplé verfasst.