Warum verlassen Jugendliche die Region? "In die Landeshauptstadt München zog es mich weniger aus Abenteuerlust, sondern aufgrund der damaligen beruflichen Möglichkeiten", berichtet etwa der 37-jährige Jürgen Bischoff. 1996 verließ er seinen Heimatort Sulzthal zunächst für den Grundwehrdienst, danach ging es zum Verwaltungswirt-Studium nach Hof und dann zur Stadt München. Im November kehrte er nun zurück und ist als Leiter der Hauptverwaltung und der IT im Landratsamt unter anderem für die EDV-Ausstattung von zwölf Schulen im Landkreis und für strategische Fragen in der Behörde zuständig.


Bindung über Familie und Freunde

"Leicht fiel es mir nicht", erinnert sich Jürgen Bischoff an den Abschied: "Dazu war und ist meine Bindung an die Heimat zu groß. Dass ich zunächst nur ein kleines Zimmer in einem Seniorenheim
bewohnte, machte die Sache nicht einfacher." Der Kontakt blieb immer sehr eng: "Ich habe hier eine großartige Familie", nennt er einen Aspekt, und: "Natürlich ging auch von meinen Freunden in der Region eine große Sogwirkung aus."
Trotzdem dauerte es 18 Jahre bis zur Rückkehr, weil er erst einen passenden Arbeitsplatz finden musste - und eine Partnerin, die ihn begleitet: "Ausschlaggebend für die Rückkehr war meine Freundin. Sie hat als Münchnerin die Vorzüge meiner Heimat erkannt." Das sei für ihn sehr überraschend gekommen, berichtet Jürgen Bischoff. Für ihn selbst gewinne die große Familienfreundlichkeit immer mehr an Bedeutung. "Bezahlbares Wohnen ohne Abstriche, sehr viel persönliche Freiheit und große gegenseitige Rücksichtnahme" seien weitere Pluspunkte des Landlebens. Zudem ist er von Freizeitangeboten wie der Flugsportgruppe Hammelburg begeistert. Hinzu komme, dass Sulzthal "das sympathischste Dorf in Bayern" sei.


Große regionale Unterschiede

Das sehen auch die heutigen Jugendlichen in der mittlerweile kleinsten Gemeinde des Landkreises Bad Kissingen so: Mit genau 80,0 Prozent liegt die Heimatverbundenheit laut einer repräsentativen Befragung aus dem Jahr 2013 unter 1242 Jugendlichen im Landkreis Bad Kissingen weit über dem Durchschnitt von 55,5 Prozent. Insgesamt 24,8 Prozent der Jugendlichen im Landkreis zieht es in die Großstadt, 19,7 Prozent sehen ihre Zukunft zumindest "weiter entfernt".

Sehr unterschiedlich sind nicht nur die regionale Verteilung der Heimatverbundenheit (siehe Grafik), sondern auch die Gründe für den Wegzug: So spielen bei den 12- bis 14 Jährigen die Einkaufsmöglichkeiten im Vordergrund, je älter die Jugendlichen werden, desto wichtiger werden die Aspekte Ausbildung, Karriere und Freizeitmöglichkeiten. "Da verschieben sich natürlich die Prioritäten mit dem Alter", weiß auch Melanie Schäfer, die beim Landratsamt Bad Kissingen die Auswertung der Ergebnisse koordiniert. Am Freitag stellt sie einige davon den Bürgermeistern vor.


Auswertung läuft bereits

1999 hatte es eine erste repräsentative Umfrage gegeben. In vielen Bereichen wurden die gleichen Fragen erneut gestellt, andere Themen-Felder wie Internet-Nutzung und demographischer Wandel wurden neu aufgenommen. "Seit Herbst 2013 beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit den Ergebnissen", berichtet Melanie Schäfer, die im Jugendamt die Auswertung der Studie koordiniert. Zum Teil wöchentlich, mindestens aber einmal im Monat gab es bisher Sitzungen.


Schon viel umgesetzt

Die politische Aufarbeitung begann nach dem Amtsantritt der neuen Kreisräte: Ein Unterausschuss des Jugendhilfeausschusses habe sich bereits durch 180 Abbildungen und 25 Seiten an Tabellen mit Auswertungen und Empfehlungen gearbeitet. "Aus der letzten Befragung gab es sehr viele Erkenntnisse, viele Handlungsempfehlungen von damals sind auch umgesetzt worden", berichtet Schäfer.


Überraschende Ergebnisse

Bei der Befragung habe es durchaus Überraschungen gegeben: "Kinder und Jugendliche verhalten sich zum Teil anders als die landläufige Meinung ist."
Beispiel Internet: "Die, die sich im Internet mit ihren Freunden treffen, treffen sich auch sonst viel häufiger", verweist Schäfer darauf, dass das Vorurteil vom Computer-Freak, der keine sozialen Beziehungen pflegt, nicht stimmt. Das Internet und soziale Netzwerke dienten oft dazu, sich zu verabreden.

Am Freitag werden die Ergebnisse den Bürgermeistern der 26 Kommunen vorgestellt. Besonders freuen kann sich darauf der Riedenberger Bürgermeister Roland Römmelt (CSU): Seine Gemeinde schneidet in vielen Kategorien gut ab. Bei der Heimatverbundenheit belegt Riedenberg mit 84,6 Prozent den besten Wert (siehe Titelseite). "Das ist ein Zeichen dafür, dass sich die Jugendlichen hier wohl fühlen", freut sich Römmelt. Eine Überraschung sei das für ihn nicht: "Wir sind gut aufgestellt", verweist er auf ein aktives Vereinsleben und das Jugendheim der Gemeinde.

"Wichtig ist, dass man die Jugend was machen lässt", sagt der Riedenberger Bürgermeister und nennt als Beispiel die Forsttage, die die Jugendlichen alljährlich in der Ortsmitte organisieren.


Arbeitsplätze fehlen

Auch in den Vereinen, beim Bau des Mehrzweckgebäudes oder bei Festen würden die Jugendlichen gut eingebunden und könnten sich entwickeln. Trotzdem: "Leider können viele nicht bleiben, die gerne bleiben wollen", verzeichne seine Gemeinde immer noch eine zu starke Abwanderung. Römmelt: "Es fehlen die Arbeitsplätze."