Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen. Dieser Spruch unbekannter Herkunft passt zu der Erkenntnis, die Franziska Heimberger am Ende ihrer Jahresarbeit gewonnen hat. Die 17-jährige Waldorfschülerin, die sich das Thema "Sand" ausgewählt hat, sagt: "Sand ist keine unbegrenzte Ressource. Wenn wir diesen schwindenden Rohstoff weiterhin so ausbeuten, bekommen wir ein großes Problem."
Am 19. und 20. Februar präsentiert sie ihre Arbeit in der Schule - genau wie ihre Mitschüler, die über Nahtoderfahrungen, die Bücherverbrennung, die Grenze zur DDR oder Adoption geschrieben haben. Im Moment baut Franziska noch an einem Anschauungsmodell. Auf einer großen Platte zeigt sie maßstabsgetreu die verbrauchte Menge Sand für ein Haus, einen Kilometer Autobahn, ein Atomkraftwerk oder beispielsweise die Palmeninsel in Dubai.

Anfangs fand sie das Thema langweilig, doch ihre Eltern ließen nicht locker und legten ihrer Tochter die Ressource Sand ans Herz. "Das ist was für dich, glaub uns", versichterte ihr Vater immer wieder, nachdem er eine beeindruckende Dokumentation gesehen hatte. Franziska ließ sich schließlich überzeugen. Die Sandmafia machte sie neugierig und deren Machenschaften weckten die Umweltschützerin in ihr. Zusammen mit ihrer Mutter fuhr Franziska sogar nach München zu einem Fachvortrag von Professor Dirk Hebel. "Es hat mir großen Spaß gemacht, an der Arbeit zu schreiben", sagt sie jetzt, zehn Monate nach der Themenvergabe. Betreut wurde das Mädchen von ihrer Klassenlehrerin Lara Müller-Hesselbach, die auch Fachlehrerin für Geografie ist.
Beruflich weiß Franziska noch nicht, in welche Richtung sie tendiert. Geografie wird es wohl trotz der "Sandarbeit" nicht werden. "Ich würde mich eher für Menschenrechte und neue Formen der Politik einsetzen", sagt die 17-Jährige, will sich aber noch orientieren.
"Ich bin ein Waldi durch und durch", bekennt sie sich. Vor allem die Freiheit des Unterrichts weiß Franziska zu schätzen. "Ich finde es toll, dass wir die Sachen immer etwas anders angehen. Wir haben einen anderen Zugang." Im Gespräch mit ihren Freundinnen aus anderen Schulen zieht sie Vergleiche.

Der unten stehende Artikel gehört zum praktischen Teil der Jahresarbeit von Franziska Heimberger und wird deshalb in vollem Umfang abgedruckt:

Rinnt die Zeit uns wie "Sand durch die Finger"?

Kinder spielen mit ihm, er ist in Zahnpasta, Glas, Handys und jeder EC-Karte enthalten, unsere Straßen und Häuser wurden aus ihm gebaut. Die Rede ist von Sand. Dieser ist längst zu einem wertvollen Gut geworden, denn entgegen unseren Erwartungen ist er nicht mehr "wie Sand am Meer" vorhanden. "Staubsauger-Schiffe" holen den Rohstoff vom Meeresboden und Kriminelle verkaufen Tonnen von Sand. Was ist passiert?
Indien, Frankreich, Australien oder China - überall auf der Welt wird (illegal) Sand abgebaut. Der Raubbau wird durch die Sand-Mafia, eine Gruppe von einflussreichen Geschäftsmännern und Kriminellen, verursacht. Durch den Abbau werden traumhaft schöne, weiße Strände mit Palmen und hellblauem Wasser, so wie wir sie aus der Reisebürobroschüre kennen, in karge "Mondlandschaften" verwandelt. Aber warum das Ganze?


200 Verwendungsmöglichkeiten

Sand wird in über 200 Nutzungsbereichen verwendet, vor allem im Bausektor. Außerdem ist er, nach Luft und Wasser, der meistgenutzte Rohstoff der Welt. "Ich bezeichne den Sand gern als den unbekannten Helden unserer Zeit; denn er ist in unserem Alltag allgegenwärtig, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst werden", sagt Geologe Michael Welland in dem von Arte ausgestrahlten Dokumentarfilm "Sand - die neue Umweltzeitbombe".


Genug Sand in der Wüste?

Für ein mittelgroßes Haus werden etwa 200 Tonnen Sand benötigt, für ein Krankenhaus 3000 Tonnen und allein für einen Kilometer Autobahn 30 000 Tonnen Sand. Das sind große Zahlen, aber in unseren Wüsten ist doch eigentlich Sand genug. Das schon, nur ist dieser für die Industrie, ebenso wie für Strandaufschüttungen, ungeeignet, da er von dem stetigen Wind rund geschliffen wurde. Das hat zur Folge, dass die Sandkörner nicht mehr aneinander haften; sie können sich nicht mehr verkeilen. Mit Wüstensand gebaute Häuser würden einstürzen. Wüstensand ist aufgrund seiner Eigenschaften so, als würde man Glaskugeln aneinander reiben. Auch sie würden nicht zusammenhalten. Liegt der Sand, den die Welt so dringend braucht, in der Wüste und kann nicht genutzt werden? Wissenschaftler, die sich mit dem immer deutlicher werdenden "Sandproblem" und seinen Folgen beschäftigen, forschen an Alternativen zu Sand und ob bzw. wie Wüstensand effektiv genutzt werden kann.


Eine dieser Methoden nennt sich "Synthese" und lässt den (noch unbrauchbaren) Wüstensand mithilfe von gebündeltem Sonnenlicht kontrolliert verschmelzen. Dadurch könnte der wichtige Quarzanteil größere Strukturen erzeugen, welche die Nachteile des Wüstensandkorns ausgleichen könnten. Auch wird über biologische Alternativen gesprochen, wie mit Bakterien, Pilzen oder Bambus. Das Recycling von Glas oder alten Betonbauwerken, welche beide zu einem großen Teil aus Sand bestehen, ist ebenfalls ein guter und erfolgversprechender Weg.


Egal, welche Methoden die Probleme des Sandmangels lösen oder zumindest vermindern könnten, noch wird keine von ihnen genutzt. Die Kosten der Verfahren wären immer noch zu hoch, um mit denen des Meersandes mithalten zu können; er ist ja quasi umsonst. Auch das zählt zu den Hauptproblemen der Umweltkatastrophe. Erst Menge, Qualität und Transportweg bestimmen den Preis.
In Deutschland ist der Rohstoff Sand noch reichlich vorhanden. Tatsächlich zählen Sand und Kies in Bayern zu den bedeutendsten Rohstoffen. Trotzdem sollten wir das globale Umweltproblem ernst nehmen, denn die entstehenden Folgen sind fatal.


Die Tierwelt leidet enorm unter den Schäden. Zum einen werden die Tiere durch den Unterwasserlärm der Abbaumaschinen stark geschädigt. Dies führt zu einer Verschlechterung des Hörempfindens bis hin zu Verhaltensstörungen und Orientierungslosigkeit. Oft flüchten die Tiere, was sehr energieraubend ist. Zum anderen werden Krebse, kleine Fische und andere Kleinstlebewesen beim Absaugen des Sandes mit angesogen und zerstört.
Die Nahrungskette wird stark beeinträchtigt, wovon letzten Endes alle Tiere negativ beeinflusst werden. Flora und Fauna werden zerstört. Durch die in den Meeren entstandenen Löcher wird Sand von den Küsten auf natürliche Weise abgetragen, um diese "Lücken" zu schließen. Dieser Sand fehlt aber wieder, um Stabilität und Halt für ufernahe Häuser zu geben. Dabei sind die Strände für den Tourismus extrem wichtig.


Wenn der Strand fehlt

Das Ganze ist paradox. Der Sand wird den Meeren und Stränden gestohlen, um neue Hotels und Gebäude, oft in Touristengebieten, zu errichten, denn da ist ja Bedarf. Und genau vor solchen Gebäuden fehlt der schöne Strand, wegen dem die Urlauber überhaupt kommen. Anstelle des Abbilds des "perfekten Strandes" auf der Internetseite stehen sie auf kargem Boden, können ihre Füße nur in dunklem Matsch vergraben. Wer kann sich den perfekten Strandurlaub ohne Sand vorstellen?
Wollen wir den ersten Teil der "Headline-Frage" mit "ja" beantworten, wären erste Schritte, den Preis von Sand anzuheben und die Forschung für Alternativen von Sand zu erhöhen.