Die Beweise liegen auf dem Tisch. "Das ist vorher", sagt Christine Heidemann, Geografie- und Deutsch-Lehrerin am Kaiser-Heinrich-Gymnasium in Bamberg, und deutet auf ein Foto, das eine Lehmhütte ohne richtiges Dach zeigt. "Und das hier ist nachher." Das Nachher-Bild zeigt ein schmuckes Gebäude in Burkina Faso.
Auch wenn die acht Schüler, die sich heute in einem Klassenzimmer getroffen haben, die Fotos bereits kennen - sie schauen sie sich immer wieder gerne an. "Es ist schon toll, wenn man so direkt vor Augen hat, wie unsere Hilfe angekommen ist", sagt eine der Schülerinnen. "Was daraus erwachsen ist."

Das Zauberwort heißt Bildung

Rostrot und sonnengelb leuchtet die neue Schule dem Betrachter entgegen. Es gibt (natürlich) ein Dach, Fenster mit Fensterläden, eine schmale Veranda draußen und drinnen Schulbänke und Tafeln. Das Gebäude in Dourou, einem trockenen Landstrich inmitten des westafrikanischen Landes, hat fünf Klassenräume. Waren es "vorher" 40 Schüler, so erhalten heute dort rund 200 Mädchen und Jungen die Chance auf ein besseres Leben. Bildung heißt auch in Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Erde, die Zauberformel, die es Menschen ermöglicht, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Bereits seit 2009 bestehen zwischen der kleinen Schule in Burkina Faso und mehreren KHG-Klassen so genannte Bildungspatenschaften. Der Entschluss, Verantwortung zu übernehmen, fiel nach einem Klassenbesuch einer Schwester vom katholischen Orden der Soeurs de l' Immaculée Conception. Schwester Sankara Perpétue ist Leiterin der Schule in Burkina Faso und war damals auf Einladung von HerzoKo, einer Privatinitiative in Herzogenaurach, in Deutschland.
"Wir hatten gerade im Geografie-Unterricht Entwicklungshilfe", erinnert sich Christine Heidemann. "Da passte es einfach sehr gut, dass wir über einen privaten Kontakt zu HerzoKO Schwester Sankara als Referentin gewinnen konnten."

Mit 14 zwangsverheiratet


"Schwester Sankara hat uns dann erst einmal auf der Karte gezeigt, wo Burkina Faso liegt", sagt einer der Schüler und lacht. Fünf Jahre später wissen das alle hier. Die Projekt-Gruppe, aber höchstwahrscheinlich auch alle anderen Schüler am KHG. Im Schulgebäude steht eine Schautafel, die über den aktuellen Stand der Patenschaft informiert. Und die meisten haben auch im Unterricht von Burkina Faso gehört. Das Projekt, sagt Heidemann, liefere in unterschiedlichen Fächern und für unterschiedliche Jahrgangsstufen tolles Anschauungsmaterial.
"Es ist schon wichtig, sich mal zu verdeutlichen, dass es nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist, zur Schule gehen zu können. Dass es bei uns nicht einmal etwas kostet. Dass wir privilegiert sind", meint einer der künftigen Abiturienten. In Burkina Faso müssten die meisten Kinder von klein auf ihren Eltern bei der Feldarbeit helfen. "Sie betreiben Subsistenzwirtschaft", erklärt er und schielt zur Lehrerin. "Richtig. Das heißt, sie leben von dem, was sie selbst anbauen", bestätigt sie seine Aussage. "Und dann ist es ja auch so, dass viele Mädchen in Burkina Faso mit 14 Jahren zwangsverheiratet werden. Das hat uns Schwester Sankara auch erzählt", erinnert sich eine weitere Schülerin. "Wir waren damals so beeindruckt von ihr, so begeistert von ihrem Schulprojekt, dass wir gleich einmal in unserer Klasse gesammelt haben." Es blieb nicht dabei:

Für Projekt geworben

Einige Schüler der damaligen achten Klasse stellten das Projekt anderen Klassen vor. Neue Bildungspatenschaften entstanden. Eine der damaligen Achtklässlerinnen greift ein Foto aus dem Stapel. Das Bild zeigt eine kleine Frau mit runder Brille und weißem Schleier, die über beide Backen strahlt. Sie hält ein bunt bemaltes Plakat in den Händen. Einen "Scheck" über 7000 Euro. "Das war 2011", ordnet die Schülerin die Spende zeitlich ein.
Seit dem ersten Besuch der Ordensfrau fand am KHG kaum ein Schul-Event mehr statt, an dem die Burkina-Faso-Gruppe nicht aktiv gewesen wäre und für ihre Partnerschule die Werbetrommel gerührt hätte. Neben Spendensammlungen wie etwa beim Jubiläumslauf verkauften Schüler beim Weihnachtsbasar und Sommerfest Selbstgebasteltes. "Zum Beispiel so was hier", sagt Heidemann und zeigt auf ihre Halskette aus bunten Keramikperlen. "Die Fair-Trade-Perlen werden in Kenia hergestellt und wir bekommen sie von einer Großhändlerin aus Baden-Württemberg. Sie unterstützt unser Projekt ganz begeistert."

"Alte Hasen" gehen

Rund 10 000 Euro sind bislang so zusammengekommen. Und ein Ende der "Sammelwut" ist noch nicht in Sicht. "Auch wenn jetzt unsere alten Hasen gehen", sagt Heidemann", "es kommen aus den unteren Jahrgängen immer wieder Leute nach, die das Projekt fortführen wollen."
Heidemann ist deshalb fest davon überzeugt, dass man auch in Zukunft über HerzoKo Schwester Sankara und ihre Schule unterstützen kann. "Birgit Schmid, eine der Initiatorinnen von HerzoKo, bringt das Geld oft persönlich nach Dourou. Jeder Euro kommt an", erklärt sie und nimmt damit gleich einmal denjenigen den Wind aus den Segeln, die behaupten, ein Großteil der Spenden würde für die Verwaltung draufgehen.
Auch Heidemann hat bereits einmal den Job des "Kuriers" übernommen. 2011 besuchte sie mit einer Kollegin auf eigene Kosten Schwester Sankara in Dourou. Mit dabei: ein Fußball, Frisbees und ein Koffer voller Geld. Damals kaufte Schwester Sankara von einem geringen Teil der Spende gleich eine Getreidemühle für die Schule, engagierte eine Färberin, die den Schülern das Batiken lehrte. Und sie finanzierte damit nach Absprache mit Heidemann dringend benötigte Medikamente für ihre Schützlinge. "Die meisten Eltern können sich noch nicht einmal eine Paracetamol-Tablette leisten. Und außerdem liegt die nächste Apotheke 50 Kilometer von den Heimatdörfern der Schüler entfernt", berichtet Heidemann.

Weite Wege in Burkina Faso

Hauptsächlich finanziert man mit dem Geld aus Bamberg die Schulmaterialien, die Gehälter für die Lehrer - und im vergangenen Jahr zusammen mit einem Schweizer Lionsclub auch den Neubau der Schule. "Momentan ist ein Haus geplant, in dem die Lehrer übernachten können", gibt Heidemann einen Ausblick. Die Wege sind in Burkina Faso nicht nur für Lehrer weit. Einige Schüler liefen zum Beispiel bis zu 20 Kilometer in die Schule.
Doch die Mühe lohnt: In der Schule bekämen die Kinder neben grundlegenden Kenntnissen in den Bereichen wie Landwirtschaft, Säuglingspflege und Hygiene, neben Lesen, Schreiben und der Amtssprache Französisch auch Grundkenntnisse traditioneller Berufe vermittelt, so Heidemann. Und die Schüler oder ihre Familien erhielten von Schwester Sankara Mikrokredite für eine Existenzgründung. "Aber manchmal brauchen die Menschen es einfach auch, um ihr Überleben zu sichern", räumt sie ein.

Jeder profitiert

Auch die Lehrerin wühlt ein bisschen in den Fotos. Schließlich wird sie fündig: Inmitten lachender Schüler sitzen zwei weiße Frauen. "Die haben es am Anfang gar nicht glauben können, dass wir sie wirklich besuchen kommen", sagt sie. "Dass sich Europäer wirklich für sie interessieren." Heidemann schiebt das Bild zur Seite. Sie braucht eigentlich gar kein Foto, das beweist, wie erfolgreich das Projekt ist - was es den Schülern in Burkina Faso, aber auch ihren Schülern in Bamberg bringt. "Ich will mal Ärztin werden", erzählt eine der Abiturientinnen. "Um dann bei einer Organisation wie Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten." Und vielleicht wird sie dann auch irgendwann vor einem Stapel Fotos sitzen, um zu zeigen: "Das ist vorher - und das nachher."