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Pornografie

"Wir haben dicke Frauen mit Riesenbusen geguckt" - Wie Eltern mit Pornos im Kinderzimmer umgehen sollten

Kinder und Jugendliche werden oft schon früh mit pornografischen Inhalten im Internet konfrontiert. Wie sollten Eltern damit umgehen?
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Kinder und Jugendliche werden oft schon früh mit pornografischen Inhalten im Internet konfrontiert. Wie sollten Eltern damit umgehen? Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Kinder und Jugendliche werden oft schon früh mit pornografischen Inhalten im Internet konfrontiert. Wie sollten Eltern damit umgehen? Foto: Julian Stratenschulte/dpa
"Wir haben dicke Frauen mit Riesenbusen geguckt". Ursula Müllers war entsetzt, als sie hörte, womit ihre zwölfjährige Tochter den Nachmittag bei ihrer Freundin verbracht hatte. Auch deren Eltern fielen aus allen Wolken, als sie erfuhren, was die beiden Mädchen auf dem Laptop des älteren Bruders so alles zu sehen bekommen hatten.

Ursula Müllers Tochter ist kein Einzelfall. Etwa ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen kommt unfreiwillig mit pornografischen Inhalten im Internet in Kontakt, sei es zufällig beim Surfen oder durch gezielte Übermittlung von Pornografie durch andere Personen, wie es in einer Expertise für den Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, heißt.


Unterschied bei den Geschlechtern


Während Mädchen Pornos oft abstoßend fänden, suchten Jungen erheblich häufiger zielgerichtet im Internet nach erotischen Inhalten, sagt der Berliner Medienwissenschaftler Daniel Hajok, Experte für Jugendmedienschutz: "Studien zeigen, dass der Einstieg in die Welt der Pornos bei männlichen Jugendlichen heute schon zwischen dem zwölften und 13. Lebensjahr erfolgt."

Dabei sollten Heranwachsende in Deutschland eigentlich gar keinen Zugang zu Pornos haben. Harte pornografische Darstellungen mit Gewalt oder sexuellen Handlungen an Tieren sind in ohnehin grundsätzlich verboten. Laut Gesetz müssen aber auch Anbieter legaler pornografischer Internet-Seiten in Deutschland gewährleisten, dass nur Erwachsene diese sehen können, etwa durch eine Identifizierung mit dem Postident-Verfahren.

"Eine wirksame Zugangsbeschränkung gibt es aber nicht", weiß Hajok. Denn die Server der Porno-Seiten stünden meist im Ausland und hielten sich nicht an deutsche Gesetze.


Traumatische Erlebnisse


Pornografische Filme könnten Kinder und Jugendliche erschrecken und verstören, sagt Kristin Langer, Mediencoach bei der Initiative "Schau hin! - Was dein Kind mit Medien macht", die vom Bundesfamilienministerium unterstützt wird. Psychisch stabile Heranwachsende verkrafteten eine solche Erfahrung. "Im Einzelfall kann es aber auch zu traumatischen Erlebnissen kommen."

Medienpädagogen empfehlen Eltern deshalb, den Computer in jedem Fall mit Jugendschutzfilter und Sicherheitseinstellungen auszurüsten. Allerdings bietet auch das keine absolute Sicherheit, wie Medienexperte Hajok sagt. Wie im Fall der Tochter von Ursula Müller können Kinder zum Beispiel auch bei Freunden mit Pornos konfrontiert werden. Manche Jugendliche seien auch findig und versuchten, die Filter gezielt auszuhebeln.


Fragwürdiges Bild der Sexualität


"Ich rate Eltern deshalb, sich mit ihren Kindern vorbeugend über irritierende Inhalte im Internet zu unterhalten", sagt Langer. Eltern könnten Kindern erklären, dass es im Netz verstörende Darstellungen gibt, die mit Erlebnissen und Erfahrungen aus dem echten Leben nichts zu tun hätten. Pornos transportierten meist ein höchst fragwürdiges Bild von Sexualität, insbesondere hinsichtlich der Unterwürfigkeit von Frauen und der klischeehaften Zuschreibung sexueller Eigenschaften, wie die Initiative "Schau hin" betont.

Wenn Kinder unfreiwillig auf eine Pornoseite stießen, sei es wichtig, dass sie sich jemandem anvertrauen könnten, sagt Langer. Sie bräuchten jemanden, der ihnen einen Maßstab gebe und erkläre, dass Pornos nichts mit Liebe zu tun hätten, sondern in erster Linie produziert würden, um Erwachsene sexuell zu stimulieren und damit Geld zu verdienen. "Eltern sollten die Haltung vermitteln: Wenn du dich mal im Internet verirrt hast, komm zu uns, du wirst nicht bestraft," empfiehlt Langer.

Gleichzeitig müsse auch mehr für die Medien- und Sexualerziehung in den Schulen getan werden, fordert Hajok. Am wirkungsvollsten sei es, wenn Schulen sich externe Sexualpädagogen ins Haus holten. "Die kommen mit den Schülern praktisch automatisch auf das Thema Pornos zu sprechen", weiß Hajok aus Erfahrung.

Hier könnten Pädagogen einhaken und den Schülern erklären, wo sie wirklich Antworten auf ihre Fragen zur Sexualität finden können, etwa beim Internetportal loveline.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder der Website sextra.de von pro familia. Mit entsprechendem Wissen zu Sexualität können Jugendliche einen selbstbestimmten Umgang damit entwickeln, erklärt "Schau hin".


Auswirkungen auf Jugendliche


Beruhigend für Eltern: Die verstärkte Konfrontation mit Pornografie muss bei Jugendlichen keine negativen Folgen hinterlassen. Entscheidend für den Umgang mit Sexualität und dem anderen Geschlecht seien vor allem die frühkindliche Prägung und das soziale und familiäre Umfeld, sagt Hajok.

Trotz der zunehmenden Verfügbarkeit von Pornos seit Anfang des Jahrhunderts stellten Wissenschaftler bislang auch keine messbaren Veränderungen beim Sexualverhalten von Jugendlichen fest. "Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigen sich nicht", stellt BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss fest. Laut einer Bundeszentralen-Studie von 2015 liegt der Anteil der sexuell aktiven 14- bis 17-Jährigen mit 34 Prozent auf dem Niveau von Mitte der 90er Jahre.
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