Deutschland
Kriminalität auf den Straßen

Die "Lkw-Mafia" treibt in Deutschland ihr Unwesen: Wie gefährlich ist sie für Trucker?

Ein parkender Lastwagen kann schnell zum Ziel der Lkw-Mafia werden. Wie sie vorgeht, was sie anrichten kann und was das ganze für Trucker bedeutet.
Gibt es wirklich eine Lkw-Mafia? Und warum sind die Behörden machtlos?
Gibt es wirklich eine Lkw-Mafia? Und warum sind die Behörden machtlos? Foto: planet_fox / pixabay.com
+2 Bilder
  • Lkw-Mafia? - Wer steckt hinter den Überfällen?
  • Wie gehen die Täter vor?
  • Kann man sich schützen?

Jeden Tag werden Waren im Wert von Milliarden von Euro per Lkw transportiert. Egal, ob es sich um Lebensmittel, Kleidung oder hochwertige Elektronik handelt - alles muss zum Händler gebracht werden. Und diese Waren wecken Begehrlichkeiten. Oft genug stellen Fahrer*innen am Morgen fest, dass Langfinger zugeschlagen haben. Und es scheint ein System dahinterzustecken. Doch wie genau werden die Lastwagen ausgeraubt und wer steckt dahinter?

Die Systematik

Die Diebstähle aus parkenden Lkw nimmt zu. Blitzschnell wird durch professionelle Banden erkundet, ob es lohnenswert ist und schlagen zu. Überall. Auf Rastplätzen, auch auf Firmenhöfen und an allen Stellen, wo ein LKW steht. Sei es, weil der Fahrer eine Pause macht oder für die Nacht das Fahrzeug abstellt. Innerhalb weniger Augenblicke wird die Plane aufgeschlitzt, das Schloss vom Container geknackt und die Ladung begutachtet. Waren es früher hauptsächlich Zigaretten oder Elektronik, so wird inzwischen so gut wie alles gestohlen, was sich schnell zu Geld machen lässt.

Laut Schätzungen verschwinden auf diese Weise Waren im Wert von über eine Milliarde Euro alleine in Deutschland, europaweit beträgt der Schaden mehr als acht Milliarden Euro im Jahr. 2020 wurden in Deutschland, das mit über 33 Prozent der dokumentierten Fälle die Statistik europaweit anführt, über 25.000 Fälle festgestellt, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher liegen dürfte. Ein Schaden, der nur durch das Aufschlitzen der Plane entsteht, wird oft nicht angezeigt, weil der Zeitverlust höher wiegt als eine defekte Plane. In Zeiten von Corona haben sich auch die Begehrlichkeiten geändert. So wurden beispielsweise in Spanien Gesichtsmasken im Wert von fünf Millionen Euro gestohlen. Auch auf Waren, die in Corona-Zeiten zeitweise knapp waren oder mit viel Gewinn verkauft werden konnten, standen hoch im Kurs. 

Doch wer steckt eigentlich hinter diesen Diebstählen? Der Begriff "Lkw-Mafia" wird vermieden, aus Angst, dass man damit Kunden verschreckt. Allerdings, so heißt es aus Expertenkreisen, sei abzusehen, dass die Spitze noch nicht erreicht ist. Das stetig wachsende Transportvolumen sowie die teilweise schlechte Ausstattung der Lastwagen laden geradezu die Diebe ein. So scheint es, dass hinter den Diebstählen in der Tat organisierte Banden stecken, die vor allem von Polen aus agieren. Vor Ort wird die Ladung geprüft, an die "Zentrale" weitergeleitet, wo geprüft wird, ob ein Markt vorhanden ist. Mittels eigener Handelsunternehmen mit Online-Shops und Marketingabteilungen werden die Waren angeboten und verkauft. Einmal umgeladen, verschwindet die Ladung auf Nimmerwiedersehen. Denn selbst, wenn ein Transporter mit gestohlener Ware angehalten wird, so ist es schwer, einen Nachweis zu führen, dass es sich dabei um Diebesgut handelt. Wobei auch der Straftatbestand in Deutschland nicht abschreckend ist. Besonders die Achse von den Niederlanden und Belgien über Deutschland nach Polen sind bei den Dieben besonders beliebt. Mehrere Landesgrenzen stehen den Ermittlern im Weg, auch die Kooperation zwischen den einzelnen Bundesländern ist schwierig, die Kommunikation dauert meist sehr lange, was den international agierenden Banden entgegenkommt. 

Gibt es einen wirksamen Schutz?

Es ist schwierig, Waren so zu sichern, dass sie aus den Lkw nicht gestohlen werden können. Eine normale Plane ist im Nu aufgeschnitten, ein Schloss an der Containertür geknackt. Zwar sind mittlerweile die Fahrzeuge zum Teil bereits GPS-überwacht, doch die Diebstähle des gesamten Fahrzeugs sind eher selten, der Gesamtanteil liegt bei zehn Prozent. Inzwischen werden auch "beliebte" Waren mit GPS und stillen Alarmvorrichtungen gesichert, doch es ist aufwendig und auch teuer. Es ist auch schwierig, dies für alles umzusetzen.

Allerdings rüstet auch die Gegenseite auf, mittels Störsendern werden diese Signale blockiert. Auch werden vermehrt eigene Fahrer eingeschleust oder aber über eigene Speditionen billige Frachtraten angeboten, um die Ware direkt abzugreifen. Hier zeigt sich dann auch, dass die Versender ein weiteres Problem haben: Es fehlen überall Lkw-Fahrer*innen. Alleine in Deutschland sind es geschätzt über 45.000. So haben die Banden keine Probleme, einen ihrer Leute einzuschleusen. Auch, wenn die Spedition vorschreibt, wo man eine Pause zu machen hat, wird dies umgangen, indem man auf der anderen Seite des Zaunes eines bewachten Parkplatzes steht, um das GPS zu täuschen, sofern es überhaupt vorhanden ist. Zusätzlich erschwerend kommt hinzu, dass in Europa circa 400.000 Parkplätze für Lkw fehlen, welche gesichert sind. Etwa 75 Prozent der Diebstähle finden auf ungesicherten Parkplätzen statt. Die Polizei listet folgende "Tricks" auf:

  • Kurz vor dem eigentlichen Ziel fangen Männer in Arbeitskleidung des zu beliefernden Unternehmens oder in Sicherheitswesten den Fahrer ab und bitten ihn, sich auszuweisen. Ihm wird mitgeteilt, dass die Ware an der Lieferadresse nicht angenommen werden kann und zu einer anderen Adresse gefahren werden soll.
  • Dem Fahrer wird erklärt, dass zurzeit keine Laderampe frei sei und die Ladung gleich auf einen anderen Lkw umgeladen werden müsse, um unnötige Verzögerungen zu vermeiden. Für den Fahrer verlockend: Er wird die Ware sofort los und erspart sich Wartezeiten. Durch diese Fehlinformation haben die Diebe dann freie Hand.
  • Aufschlitzen / öffnen von Planen, um Ladegut zu stehlen, wenn die Fahrzeuge unbewacht sind, zum Beispiel auf Rastanlagen, wenn der Fahrer nicht am Fahrzeug ist oder in der Kabine schläft.
  • Der Fahrer wird von einem ihn überholenden Fahrzeug aus auf einen vermeintlichen Schaden am eigenen Lkw aufmerksam gemacht. Nach dem Stopp des Lkw wird Gewalt gegen den Fahrer ausgeübt.
  • Phänomen "Truck robbery": Betroffen sind hauptsächlich Lkw von Paketdiensten. Während der nächtlichen Fahrt auf Autobahnen, vorwiegend in Baustellenbereichen, werden Ladeflächen von hinten heraus teilweise ausgeräumt.
  • Immer häufiger nutzen gut organisierte kriminelle Banden die Anonymität des Internets aus. Mit gefälschten Identitäten und Konzessionen geben sich Betrüger in Frachtenbörsen als seriöse Unternehmer aus.

Wie kann man das Risiko minieren?

Es scheint keinen wirklich wirksamen Schutz zu geben.

Doch gibt es einige Tipps für die Fahrer*innen, wie man das Risiko minimieren kann, zum Opfer der Banden zu werden:

  • Während einer Fahrtunterbrechung niemals mit Fremden über Ladung, Strecke und Ziel reden.
  • Im Gespräch mit Fremden generell vorsichtig sein. 
  • Das Fahrzeug nicht unbeaufsichtigt lassen. Möglichst gut beleuchtete und belebte oder bewachte Parkplätze aufsuchen.
  • Nach jedem längeren Halt das Fahrzeug und ggf. die Ladung kontrollieren, bei Schäden sofort die Polizei rufen.
  • Keine Anhalter mitnehmen.
  • Regelmäßige Kontrollmeldungen an die Spedition mit fest vereinbarten Zeiten an bestimmten Orten.
  • Bei unvorhergesehenen Abweichungen von der Route sofort die Spedition informieren.
  • Wichtige Rufnummern griffbereit halten, nicht nur auf dem Smartphone.
  • Bei verdächtigen Wahrnehmungen die Polizei verständigen.

Fazit

Viele Versender und Speditionen sind der Meinung, dass sich der finanzielle Aufwand von Sicherungsmaßnahmen nicht lohnt. Transport ist ein Kostenfaktor, und der muss klein gehalten werden. Wenn man die Anzahl der Fahrten, das Transportvolumen und die Anzahl der Diebstähle in Relation setzt, so scheint das Risiko überschaubar zu sein. So werden die Diebesbanden sich auch in Zukunft weiter mehr oder weniger ungestört bedienen können. 

Die besten Geschenke für Lkw-Fahrer: Jetzt Angebote auf Amazon ansehen
Artikel enthält Affiliate Links

*Hinweis: In der Redaktion sind wir immer auf der Suche nach nützlichen Produkten für unsere Leser. Es handelt sich bei den in diesem Artikel bereitgestellten und mit einem Einkaufswagen-Symbol beziehungsweise einem Sternchen gekennzeichneten Links um sogenannte Affiliate-Links/Werbelinks. Wenn du auf einen dieser Links klickst bzw. darüber einkaufst, bekommen wir eine Provision vom Händler. Für dich ändert sich dadurch nichts am Preis. Unsere redaktionelle Berichterstattung ist grundsätzlich unabhängig vom Bestehen oder der Höhe einer Provision.