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Warnung

Eichenprozessionsspinner breiten sich immer mehr aus: Wie gefährlich sind die Raupen?

Dieses Jahr hat der Eichenprozessionsspinner besonders gute Voraussetzungen. In Nordrhein-Westfalen sorgten die Raupen sogar für Unterrichtsausfall in der Schule. Schon wer sich in der Nähe eines befallenen Baumes aufhält, ist in Gefahr.
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Eine Raupe des Eichenprozessionsspinners kriecht auf einem Eichenstamm entlang. Foto: Patrick Pleul/dpa
Eine Raupe des Eichenprozessionsspinners kriecht auf einem Eichenstamm entlang. Foto: Patrick Pleul/dpa
Eichenprozessionsspinner sind eine Gefahr für die Gesundheit. Die Brennhaare der Raupen brechen leicht ab, fallen auf Spaziergänger und Radler herab und lösen allergische Reaktionen aus.
Sie können sich als Ausschläge, leichte Schwellungen, starker Juckreiz und Brennen äußern. Aber auch stärkere Reaktionen sind bei manchen Menschen möglich, etwa die Bildung von Quaddeln.

Werden die Haare, die leicht abbrechen und mit dem Wind umherfliegen, eingeatmet, kann das Bronchitis, schmerzhaften Husten und Asthma verursachen. Schwindel, Fieber, Müdigkeit und Bindehautentzündung sind Begleiterscheinungen, in Einzelfällen sind sogar allergische Schockreaktionen möglich. Bei schweren Symptomen sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Bei nur kleineren Reaktionen können Betroffene zum Beispiel Lotionen oder Gels auftragen, die auch bei Juckreiz nach Mückenstichen genutzt werden, erklärt Prof. Florian Eyer, Abteilung für Klinische Toxikologie und dem Giftnotruf München an der Klinikum rechts der Isar in München. Bei sträkeren Beschwerden verschreiben Ärzte zum Beispiel Cortison.

Wichtig ist, die getragene Kleidung rasch zu wechseln und anschließend zu waschen. Da die Brennhaare gut haften, rät Prof. Eyer dazu, die Kleidung getrennt von anderer Wäsche in die Maschine zu geben. Hilfreich kann es sein, vorher mit einer Kleiderbürste oder Fusselrolle über den Stoff zu gehen.

Allerdings lassen sich nicht alle Gespinste auf die Eichenprozessionsspinner zurückführen. Diese finden sich meist nur an Eichen. Handelt es sich um andere Gehölze, können das auch die Gebilde der harmlosen Gespinstmotte sein.


Darum hat der Eichenprozessionsspinner dieses Jahr gute Bedingungen


Die kleinen gefräßigen Raupen mit giftigen Härchen breiten sich in Deutschland immer weiter aus - nicht nur Richtung Norden. In diesem Jahr hat das Wetter dem Eichenprozessionsspinner dabei besonders geholfen. "Im Frühjahr hatten die geschlüpften Raupen einen guten Start", sagt der Insektenkundler und Förster in Sachsen, Thomas Sobczyk, der Deutschen Presse-Agentur. Die Wärme sei dieses Jahr spät gekommen aber genau zum richtigen Zeitpunkt für die Raupen. "So gibt es mehr Einzeltiere als im Vorjahr."

Durch die lange warme Zeit im Frühjahr hätten viele überlebt und sich schnell entwickelt. "Etwa vom 10. bis 15. Juli rechnen wir schon mit dem Schlüpfen der Falter, zwei Wochen früher als sonst", sagt Sobczyk. "Wenn man Nester absaugen lassen will, dann muss man das jetzt angehen." Die weißgrauen Gespinste mit einem Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern sitzen meist an Eichen- und manchmal auch an Hainbuchenstämmen, oft auch in der Baumkrone. "Man wird sie nie alle finden", meint Sobczyk.


Schule fällt wegen Eichenprozessionsspinner aus


Im nordrhein-westfälischen Velbert führten die Tiere in diesem Jahr zu Unterrichtsausfall. Rund 400 Kinder durften nach Stadtangaben zuhause bleiben, weil Fachleute die Raupen mit einem Spezialgerät von 17 Bäumen auf dem Schulgelände absaugen mussten. Dabei bestand die Gefahr, dass die giftigen Raupen-Härchen vom Wind verbreitet werden. Andernorts wurden Spazier- und Radwege wegen der Raupen gesperrt.

Der in Deutschland heimische Nachtfalter bevorzugt warme Gebiete und breitet sich derzeit aus. Im vergangenen Jahr sei er erstmals im küstennahen Bereich bei Rostock und auf der Ostsee-Insel Usedom festgestellt worden, sagt Mathis Jansen von der Landesforstanstalt Mecklenburg-Vorpommerns. Andernorts etwa in Sachsen oder Thüringen werden die Verbreitungsgebiete laut Sobczyk immer größer und fließen zusammen. In Niedersachsen ist es ähnlich.

"Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es diese Ausbreitung in Deutschland, und die hat nie aufgehört", sagt Sobczyk. Das Insekt gelange auch in höhere Lagen und zum Alpenvorraum. Es profitiere deutlich von warmen Jahren.


Wie schädlich ist der Eichenprozessionsspinner?


Der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) muss laut Sobczyk nicht überall bekämpft werden. Die Raupe fresse zwar in den Kronen von Eichenbäumen und könne sie dadurch schwächen. Die Fraßschäden seien jedoch nicht unbedingt tödlich, denn die Eichen haben noch den Johannistrieb Ende Juni oder im Juli. Wenn jedoch danach weitere Insektenarten oder schlechte Witterungsbedingungen hinzukämen, könnten die Bäume ernsthaft geschädigt werden oder gar sterben.

Gefährlich für Menschen sind vor allem die Brennhaare, die sich festhaken und Gift enthalten. "In Alleen und Parks sind die Brennhaare ein deutlich größeres Problem als der Raupenfraß an den Blättern", sagt Sobczyk. In vielen Stadtgebieten oder gar Kindergärten sollten die Nester entfernt werden. "Dazu sind Spezialfirmen nötig, das sollte man tunlichst nicht selber machen. Die mikroskopische kleinen Haare werden durch Abflämmen oder Abkratzen aufgewirbelt."

Der Eichenprozessionsspinner ist ein unscheinbarer Nachtfalter mit einer Flügelspannweite von gerade einmal 25 bis 30 Millimetern. Seinen Namen erhielt der Schmetterling, weil seine Raupen nachts gemeinsam wie bei einer Prozession vom Nest in die Baumkrone krabbeln und dort fressen. Während die Raupen der für den Menschen ungefährlichen Gespinstmotten jedoch ganze Gehölze mit weißen Schleiern überziehen, bilden die der Eichenprozessionsspinner nur einzelne Nester.

Mancherorts hat der Kampf gegen die Schädlinge Erfolg: Seit 2004 versucht das Bundesland Brandenburg, den Eichenprozessionsspinner aus den Wäldern zurückzudrängen. Bei der erstmaligen Bekämpfung wurden 106 Hektar Wald vom Hubschrauber aus mit einem biologischen Mittel besprüht, wie der Einsatzleiter Michael Kopka vom Landesbetrieb Forst Brandenburg erläutert. Dieses Jahr habe man mit 28 Hektar die geringste Fläche. Auch die Zahl der registrierten Arztbesuche wegen der Raupenhaare sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.


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